Zürcher Entsorgungsamt leistet sich eine Freizeitoase

ERZ liess seinen Mitarbeitern eine Freizeitanlage im Wert von 2,5 Millionen Franken bauen – in Fronarbeit, sagt der ehemalige Direktor.

Sonnenschirme, Liegestühle und ein Pool für die Mitarbeiter: Die alten Klärbecken wurden zu kleinen Wohlfühloasen umgebaut. Bild: Schaad

Sonnenschirme, Liegestühle und ein Pool für die Mitarbeiter: Die alten Klärbecken wurden zu kleinen Wohlfühloasen umgebaut. Bild: Schaad

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Kein Wunder, war der kürzlich freigestellte Direktor des Zürcher Entsorgungsamtes bei seinen Mitarbeitenden beliebt. Als Finanzchef von Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) hat Urs Pauli 2001 die Umgestaltung von vier alten Klärbecken im Werdhölzli beschlossen und baute so «Zürichs schönstes Sitzungszimmer». Aber wie, darum hat sich offenbar bislang kaum jemand ­gekümmert.

Rückblick: Anstatt die alten Becken durch Parkplätze zu ersetzen, wie es anfänglich geplant war, wolle Pauli «einen Mehrwert für seine Mitarbeitenden», hiess es im Oktober 2010 in der Zeitschrift «Grünzeit» von Grün Stadt Zürich. So entstanden im Klärwerk Werdhölzli aus ehemaligen Klärbecken kreisrunde Biotope: ein Fischteich, ein Naturteich, ein Badeteich und der dazugehörende Klärteich. Im Fischteich tummeln sich einheimische Fische, auf dem Wasser schwimmt ein Floss mit einem Freiluft-Sitzungszimmer. Und wer am Naturteich vorbeispaziert, der höre sogar Frösche ins Wasser hüpfen. Idylle pur also im Werdhölzli.

Fischteich mit schwimmendem Freiluft-Sitzungszimmer. Foto: Grün Stadt Zürich

Der ganze Umbau kam Paulis Mannschaft für deren Pausen und Freizeit zugute. Ein Badeteich, umringt von Liegestühlen und Sonnenschirmen, steht dort bereit, um den Mitarbeitenden das Leben zu verschönern. Vom Garderobenhäuschen aus führt ein Steg auf eine Plattform mit Sprungbrett.

Damit aber auch ein paar Fremde in den Genuss des wundervollen Anblicks kommen, wurde den jährlich rund 18'000 Besuchern des Klärwerks im Klärteich demonstriert, vorbei an Pflanzen und Mikroorganismen, wie eine natürliche Kläranlage funktioniert.

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Millionen teure Freizeitoase für die ERZ-Mitarbeiter: Das ist ...

ein No-go, weil eine Last für den Steuerzahler.

 
44.0%

in Ordnung, weils die Arbeitsmoral stärkt.

 
56.0%

5872 Stimmen


Aber nicht nur das Klärwerk Werdhölzli hat Pauli verschönern lassen. In der stillgelegten Kläranlage der ARA Glatt entstand unter seiner Ägide aus den ehemaligen Eindickersilos ein Seminargebäude, in dessen Garten ein Irrgarten mit einheimischen Gehölzen angelegt wurde. «Überhaupt lässt sich ERZ mit den grossen Industrieanlagen etwas einfallen», lobte man Pauli für seine innovativen Ideen in der «Grünzeit».

Dazu kommt auch noch ein Gratis-Tennisplatz für ERZ-Mitarbeiter auf dem Sportplatz Hardhof.

Pauli hat befohlen

Doch, wer hat das alles bezahlt? Einen ersten Hinweis darauf gibt Pauli in einem Porträt in der Zeitschrift von Grün Stadt Zürich gleich selber: «Fünf Jahre lang haben wir daran gearbeitet, und jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin hat etwas dazu beigetragen», sagt er da. Manche hätten für die Fronarbeit ­sogar ihre Ferienplanung dem Bauprozess angepasst.

Im Artikel sagt er dann auch, was sein Beitrag am Projekt gewesen sei und ob er selber angepackt habe: «Nun ja, gut befohlen ist auch halb gearbeitet – ich habe mich vor allem um die Organisation gekümmert.» Die Anlage werde rege genutzt, erzählt er weiter, zweimal pro Monat gebe es im Sommer zudem ab 15.30 Uhr einen Grillplausch zum symbolischen Preis, den Rest übernehme der Betrieb.

2010 besuchte ein Reporter des «Limmattaler Tagblatts» die Anlage. Im letzten Abschnitt kam schliesslich auch die Frage nach dem Preis für den Umbau der Anlage auf. Der belief sich angeblich auf 2,5 Millionen Franken. Der Chef Infrastruktur im Werdhölzli, Jürg Schläpfer, erklärte damals: «Einen Grossteil davon erbrachten ERZ-Angestellte durch Eigenleistungen.» Ein Abbruch der vier Becken hätte überdies ­alleine pro Becken 2 Millionen Franken gekostet. «Da fanden wir: lieber etwas Gescheites mit weniger Geld machen, das der Natur und den Mitarbeitern ­etwas bringt», sagt Schläpfer. Die Anlage für die Öffentlichkeit zu öffnen, sei zu gefährlich und mit den betrieblichen Abläufen unvereinbar. Gemessen am Investitionsvolumen von 30 bis 50 Millionen Franken, das durchschnittlich jedes Jahr im Werdhölzli verbaut werde, seien die vier Teiche «ohnehin – salopp gesagt – kleine Fische».

Sonnenschirme, Liegestühle und ein Pool für die Mitarbeiter: Die alten Klärbecken wurden zu kleinen Wohlfühloasen umgebaut. Bild: Reto Oeschger

Wenn die ERZ-Mitarbeiter einen «Grossteil» der 2,5 Millionen Franken durch Eigenleistung selber aufgebracht haben, fallen auf jeden der rund 900 Mitarbeiter des Betriebes rund 2250 Franken Spenden oder Arbeit in diesem Wert ab. So kämen zumindest 2 Millionen Franken zusammen. Und wer bezahlte den kleineren Teil?

Der TA wollte es vom Vorsteher des Tiefbauamts, Filippo Leutenegger, wissen. Wer hat den Umbau bewilligt? Welche (finanziellen) Kompetenzen hatte Pauli als Finanzchef? Wie teuer war der Umbau? Wer hat das bezahlt?

Die Fragen sind seit Freitagmorgen beim Tiefbaudepartement deponiert. Noch am Dienstag wurden Antworten bis gestern Mittwoch versprochen. Nach der wöchentlichen Stadtratssitzung heisst im Verlaufe des Nachmittags dann plötzlich, dass es heute wohl doch nicht möglich sei, die Fragen zu beantworten. Erst am Mittwochabend erhält der TA dann doch noch einige Zeilen von Leuteneggers Tiefbaudepartement zugeschickt: «Der Stadtrat hat, wie bereits kommuniziert, beschlossen, eine externe Untersuchung in Auftrag zu geben. Für die Dauer dieser Untersuchung werden deshalb keine Anfragen von Medien oder Privatpersonen mehr beantwortet», schreibt Pressesprecher Pio Sulzer.

Auch die ehemalige Stadträtin Kathrin Martelli (FDP), die dem Tiefbaudepartement bis 2002 vorgestanden ist, und ihr Nachfolger, der ehemalige Stadtrat Martin Waser (SP), äusserten sich gestern nicht zu den Werdhölzli-Pools.

«Konstruierte» Vorwürfe

Die externe Untersuchung, auf die sich der Stadtrat beruft, beantragte Leuten­egger vergangene Woche, nachdem ein geheimer Safe mit 215'000 Franken in einem ERZ-Gebäude gefunden worden war. Es war das jüngste Kapitel um die Enthüllungen rund um ERZ. Gegen die erhobenen Vorwürfe wehrte sich Pauli stets. Er und sein Anwalt bezeichneten diese als «Vorwahlkampf», als «konstruiert». Sie stünden in keinem Verhältnis zu dem, was Pauli in seinen Jahren bei ERZ erreicht habe, zuerst als stellvertretender Direktor und ab 2008 als Direktor.

Der Anwalt Urs Paulis, Ueli Vogel-Etienne, widerspricht den Schilderungen in der «Grünzeit» teilweise: «Die Umnutzung wurde vom früheren Direktor Gottfried Neuhold beschlossen.» Pauli sei am Beschluss nicht beteiligt gewesen. Zur Finanzierung könne er nichts konkretes sagen. Aber: Um die Kosten möglichst niedrig zu halten, hat ERZ mit Aushängen an den Anschlagbrettern Mitarbeiter gesucht, die sich in ihrer Freizeit an den Arbeiten beteiligen wollten. «Die Idee zu diesen Aktionen kam von Urs Pauli», so Vogel-Etienne. Die Begeisterung der Mitarbeiter sei gross gewesen. Die Mitarbeiter hätten freiwillig und unbezahlt gearbeitet. Sie bekamen nur Verpflegung und Getränke gratis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2017, 21:40 Uhr

Die Skandale bei ERZ und Stadtwerk

31. Mai 2017

Schwarze Kasse. Im Entsorgungsamt wird ein nicht registrierter Safe entdeckt, in dem mehr als 200 000 Franken in Couverts verpackt liegen. Auch wird bekannt, dass der freigestellte ERZ-Direktor Urs Pauli sieben seiner Kaderangestellten Dienstwagen genehmigt hat. Leutenegger beantragt beim Stadtrat eine externe Untersuchung, einige Gemeinderäte fordern eine PUK.


22. Mai 2017

ERZ-Direktor wird freigestellt. Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) stellt den langjährigen ERZ-Direktor Urs Pauli per sofort frei und reicht Strafanzeige wegen Verdachts auf ungetreue Amtsführung ein. Anlass war die Entdeckung, dass Pauli sich 2012 einen BMW M550d für 106 000 Franken als Dienstauto anschaffte ohne Genehmigung der damaligen Departementsvorsteherin Ruth Genner (Grüne). Pauli hat kurz zuvor seine ­frühzeitige Pensionierung per Ende Jahr eingereicht und wehrt sich gegen die Vorwürfe.


26. September 2016

Wärmering-Affäre in Winterthur. Stadtrat Matthias Gfeller (Grüne), Vorsteher des Departements für Technische Betriebe in Winterthur verkündet seinen Rücktritt. Zuvor wurde ihm bereits die Leitung der Stadtwerke entzogen. Er hat im Zusammenhang mit dem Energie-Contracting-Projekt Wärmering dem Volk und dem Gesamtstadtrat Informationen u. a. über eine anstehende Sanierung vorenthalten und seine Kompetenzen überschritten. Auch der Stadtwerk-Direktor und sein Stellvertreter müssen gehen.


17. Dezember 2015

Hagenholz-Affäre. Stadtrat Leutenegger informiert, dass beim Neubau des Logistikzentrums Hagenholz Mehrkosten von 15 Millionen Franken über falsche Konten abgebucht wurden, um diese am Gemeinderat vorbeizuschmuggeln. Etwas später stellt sich heraus, dass 132 Dokumente verschwunden sind und bei Kreditabrechnungen die Fristen massiv überzogen wurden. Leutenegger ermahnt Amtschef Urs Pauli. Die Vorkommnisse werden von den beiden ständigen Kommissionen des Gemeinderats (RPK und GPK) derzeit untersucht. Das Resultat wird voraussichtlich Mitte September publik gemacht.


Sommer 2015/Herbst 2016

Erste Gerüchte rund um Pauli. Ein Whistleblower informiert Stadtrat Filippo Leutenegger über Unregelmässigkeiten in der Amtsführung Paulis. Abklärungen blieben ergebnislos. Im Herbst 2016 erhalten mehrere Gemeinderäte ein anonymes Schreiben mit Vorwürfen gegen der ERZ-Direktor. Darin wird explizit auch der zu teure Dienstwagen genannt.


Herbst 2006

Kaffee-Gipfeli-Fall. Drei ERZ-Mitarbeitende werden fristlos entlassen. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie als Gegen­leistung für Kaffee und Gipfeli gratis Abfall entsorgt hätten. Zudem hätten sie mehrfach und gravierend die Arbeitsanweisungen von ERZ missachtet. Vor Gericht werden sie rehabilitiert.


1992

Klärschlammaffäre. Der Chefbeamte René Oschwald von der Stadtent­wässerung hat von diversen Firmen Schmiergelder in der Höhe von mehreren 100 000 Franken entgegengenommen. Dafür wurde deren Klärschlamm billig entsorgt, u. a. indem er statt aufbereitet auf Felder gekippt wurde. Oschwald wurde zu drei Jahren Gefängnis und 200 000 Franken Schadenersatz verurteilt. Der Fall kam durch zwei Mitarbeitende ins Rollen, die dadurch ihre Stelle verloren. (net)

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