Zürcher Kirchenfunktionäre verdienen Spitzenlöhne

In den Kirchen sind die Exekutivmitglieder die Topverdiener. Die katholischen Synodalräte haben die reformierten Kirchenräte überflügelt. Zwei leisten ein 125-Prozent-Pensum – und verdienen entsprechend.

Das Kreuz mit dem Lohn: Verdienen Synodalräte zu viel, um als Kirchenleute noch glaubwürdig zu sein?

Das Kreuz mit dem Lohn: Verdienen Synodalräte zu viel, um als Kirchenleute noch glaubwürdig zu sein? Bild: Don Bayley (iStockphoto)

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Mitglieder von kirchlichen Exekutiven erwecken, oft auch ungewollt, den Eindruck, ehrenamtlich für Mutter Kirche zu arbeiten. Das trifft längst nicht mehr zu. Heute verdienen sie ausgezeichnet. Die neun Mitglieder des Zürcher Synodalrates, der Exekutive der katholischen Landeskirche im Kanton Zürich, figurieren in den höchsten Lohnklassen der Kantonalkirche und beziehen Spitzenlöhne.

Benno Schnüriger, der Präsident des Synodalrats, erhält für sein Halbamt (55 Prozent) eine Jahresbruttoentschädigung von 117'000 Franken. Vizepräsidentin Ruth Thalmann für 40 Prozent 74'000 Franken und die sieben weiteren Mitglieder für ihr 35-Prozent-Mandat je 65'000 Franken.

Glaubwürdige Repräsentanten?

Sie alle sind in der Leistungsstufe 12 eingereiht, die andere kirchliche Mitarbeiter, vom Generalsekretär abgesehen, nie erreichen können. Während diese nach jahrzehntelangem Dienst in der Kirche in der Lohnklasse 20 bis 21 rangieren, sind die Synodalräte der Lohnklasse 23 zugeteilt, der Präsident der obersten Lohnklasse 25. In dieser Klasse figuriert auch Generalvikar Josef Annen, der als Stellvertreter des Churer Bischofs Vitus Huonder im Vollamt jährlich 187'509 Franken verdient.

Nicht wenige Zürcher Priester und Laientheologen finden den Lohn der Synodalräte hoch, zu hoch, um die Kirche Jesu Christi glaubwürdig repräsentieren zu können. Auch wenn sie nicht bezweifeln, dass die Exekutive viel und gut arbeitet, oft auch abends und am Wochenende. Weil sie von den Synodalräten abhängig sind, möchten die Kritiker nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen.

Deutliche Lohnerhöhungen

Bis vor kurzem legte der Zürcher Regierungsrat die Entschädigungen des Synodalrats fest. Sie lagen fast um die Hälfte tiefer als heute. Viel tiefer auch als die Entschädigungen der reformierten Exekutivmitglieder, der Kirchenräte. Seit Inkrafttreten des neuen Kirchengesetzes im Jahre 2010 steht der katholischen Zürcher Kirche wesentlich mehr Geld zur Verfügung. Sie erhält weit grössere Staatsbeiträge, die allerdings in die sozialen Aufgaben der Kirche fliessen. Aufgabe des Synodalrats und der Synode (Parlament) ist es, als staatskirchenrechtliche Instanzen die Staatsbeiträge und kirchlichen Steuergelder zu verwalten. Nach der Neuregelung der Finanzflüsse durch das Kirchengesetz hat die Synode die Löhne des Synodalrates nach oben angepasst. Nachzulesen im Papier «Konturen eines Profils für Mitglieder des Synodalrates» vom Februar 2011. In Sachen Lohn überflügeln heute die katholischen Synodalräte die reformierten Kirchenräte.

Erwerbstätige statt Pensionierte

Der frühere Präsident der katholischen Exekutive, René Zihlmann, hatte während seiner Amtszeit immer 100 Prozent als Geschäftsleiter des Laufbahnzentrums Zürich gearbeitet. Benno Schnüriger indessen hat, um sein Halbamt als Exekutivpräsident auszuüben, seine Tätigkeit als Rechtskonsulent für öffentlich-rechtliche Institutionen auf rund 50 Prozent reduziert, wie er auf Anfrage versichert. Man wolle im Synodalrat auch Leute aus dem Erwerbsleben haben und nicht nur eine negative Auswahl von Pensionierten. Hole man solche aber aus dem Brotberuf heraus, müsse man sie auch adäquat entlöhnen. Die hohe Entschädigung der Synodalräte ermöglicht den vollzeitlich Beschäftigten, eine Pensenreduktion vorzunehmen. Schnüriger ist allerdings egal, wie viel die Synodalräte sonst noch arbeiten. Hauptsache, sie hätten genügend Zeit, ihr Mandat auszufüllen.

Mindestens zwei Synodalräte arbeiten insgesamt deutlich mehr als hundert Prozent und kommen auf einen Bruttolohn von über 200'000 Franken jährlich. Karl Conte etwa ist neben seinem 35-Prozent-Mandat als Synodalrat 90 Prozent als Altersbeauftragter der Gemeinde Horgen tätig. Auf insgesamt 125 Stellenprozent kommt auch Rolf Bezjak, einer der bekanntesten und beliebtesten katholischen Seelsorger Zürichs. Früher war er auch ehrenamtlich tätig, etwa als Präsident des Kantonalen Seelsorgerats.

Seit neun Jahren in der Exekutive, arbeitet Bezjak zusätzlich 90 Prozent als Gemeindeleiter in Männedorf. Kann man das alles bewältigen? Geht das überhaupt? Ja, sagt Bezjak, das sei mit der Kirchenpflege so abgesprochen. 125 Prozent entsprächen 55 Wochenstunden, er arbeite aber in seinen beiden Jobs zusammen deutlich mehr. Im Synodalrat wolle man erklärtermassen qualifizierte Leute mit Führungserfahrung, also auch Pfarrer oder Gemeindeleiter haben. Mitarbeiter in Führungspositionen könnten auch in der Kirche nicht Teilzeit arbeiten. Eine Gemeindeleiterstelle könne man nicht mit einer 65-Prozent-Anstellung ausfüllen.

Kleinere Pensen für Reformierte

Allerdings: Bei der reformierten Schwesterkirche geht das sehr wohl. Die reformierte Zürcher Landeskirche hat laut Sprecher Nicolas Mori eine interne Regelung erlassen, wonach Kirchenräte nur sechs Monate lang mehr als 100 Prozent arbeiten und ein Gesamtpensum von 110 Prozent nicht überschreiten dürfen. So haben zwei Pfarrer im siebenköpfigen Kirchenrat, Andrea Bianca in Küsnacht und Thomas Plaz-Lutz in Winterthur, ihr Pensum als Gemeindepfarrer auf 70 Prozent reduzieren müssen.

Zürcher Kirchenräte haben eine 30-Prozent-Anstellung und erhalten dafür jährlich 57'000 Franken. Im Vollamt tätig ist einzig Kirchenratspräsident Pfarrer Michel Müller, der einen Jahreslohn von 217'178 Franken bezieht. Den höchsten Lohnklassen und Leistungsstufen zugeteilt, gehören auch die Kirchenräte innerhalb ihrer Kirche zu den Spitzenverdienern. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.04.2012, 07:24 Uhr)

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Wenn Spitzenlöhne suspekt sind

Kirchen singen das Hohelied der Ehrenamtlichkeit. Darum haben viele Kirchenämter einen ehrenamtlichen Anstrich. Freilich: Auch in der Kirche können nicht alle für Gotteslohn arbeiten. Nur ist hier das Thema Lohn noch heikler als im zivilen Leben. Gemessen an der Botschaft Jesu sind hohe Löhne in der Kirche grundsätzlich suspekt. Die katholische Kirche im Kanton Zürich brauchte sich bisher nicht zu schämen. Aus historischen Gründen hatte sie weniger Geld als die reformierte Schwesterkirche. Wenn schon, gaben bisher die hohen Pfarrerlöhne in der saturierten reformierten Kirche zu reden.

Das neue Zürcher Kirchengesetz sorgt seit 2010 für eine Umverteilung: Im Vergleich zu früher erhalten die Reformierten weniger, die Katholiken mehr Geld. Es ist allzu menschlich – aber kaum christlich –, wenn die staatskirchenrechtlichen Instanzen, die das Geld der Katholiken verwalten, zuerst an sich selber denken und die Entschädigungen des Synodalrates erhöhen. Der Präsident der Exekutive erhält für 55 Prozent 117 000, ein Synodalrat für 35 Prozent 65 000 Franken, so viel wie andere Arbeitnehmer im ganzen Jahr. Zwei arbeiten gar 125 Prozent. In der reformierten Kirche, die ihre Exekutive ebenfalls fürstlich entlöhnt, ist das Pensum korrekterweise auf 100 Prozent beschränkt.

Gewiss, das Anforderungsprofil eines kirchlichen Exekutivamtes ist gross. Das Arbeitspensum ebenso. Dennoch ist es nicht klug, wenn die katholische Regierung in Lohnklassen und Leistungsstufen figuriert, welche die Seelsorger an der Basis nie erreichen können. Ausgerechnet die staatskirchenrechtlichen Instanzen, die sich loben, das demokratische Element in die Kirche zu tragen, installieren ein hierarchisches Lohnsystem.

Und bieten damit ihrem Dauergegner Vitus Huonder Angriffsflächen. Der Churer Bischof und sein Generalvikar Martin Grichting möchten sich am liebsten aus der staatlichen Umklammerung durch Synode und Synodalrat lösen, weil ihnen das Zürcher Kirchensteuer- und Finanzsystem missfällt. Wie auch immer, in den Kirchen empfehlen sich moderate Löhne. Schliesslich fragt man sich, was denn das unterscheidende Christliche ausmacht, auf das sich auch Kirchenbehörden berufen. (mm)

Gemeindeleiter werden degradiert

Im März haben im Kanton Zürich die Bestätigungswahlen auch der katholischen Pfarrer stattgefunden. Davon unabhängig hätten dieses Frühjahr erstmals auch die Gemeindeleiter (Pastoralassistenten, die eine Pfarrei leiten) von den Kirchgemeindeversammlungen gewählt werden sollen. Denn die neue Kirchenordnung sieht vor, dass die Kirchgemeinden nun auch Diakone und Pastoralassistenten mit Gemeindeleitungsfunktion wählen. Schliesslich leiten in priesterarmer Zeit immer öfter Laientheologen die Pfarreien.

Bischof Huonder lief Sturm gegen diese Neuerung und gelangte gar an den Regierungsrat, weil er fürchtet, der Stand des Pfarrers werde nivelliert, sollten auch die Gemeindeleiter auf die gleiche Weise gewählt werden. Anfang März hat er den Pastoralassistenten nun zwar die Missio, die bischöfliche Beauftragung, erteilt – nicht aber als Gemeindeleiter, sondern als Pfarreibeauftragte. Das Leiten will er den Pfarrern vorbehalten. Damit werden die Gemeindeleiter formal degradiert. Gemäss Hubert Lutz, dem juristischen Sekretär des Synodalrats, wird die Wahl im Herbst doch noch stattfinden, auch gegen den Willen des Bischofs. Die Erarbeitung eines Reglements habe sich verzögert. Allerdings spricht nun auch der Synodalrat von Pfarreibeauftragten. (mm)

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