Zürcher Resteverwerter erobern die Schweiz

Vor gut einem Jahr startete Äss-Bar in Zürich. Das Geschäft mit dem alten Brot trifft den Nerv der Zeit und wird nun auf andere Städte erweitert.

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«Kein frisches Brot!» Mit diesen Worten würde eine Bäckerei niemals werben. Auch nicht Äss-Bar aus Zürich, obwohl der Slogan auf sie zutrifft. «Frisch von gestern» steht stattdessen auf einem Schild der Filiale im Zürcher Niederdorf. Auch das ist nicht gelogen.

Der Verkauf von altem Brot floriert. Soeben haben die vier Initianten von Äss-Bar ihr Geschäft um einen Foodtruck erweitert. Seit vorletzter Woche steht er abwechselnd vor der ETH Hönggerberg und im Zentrum der ETH. «Die Studis stehen auf unsere Brötchen», sagt Sandro Furnari, Geschäftsführer und Mitgründer der Äss-Bar GmbH. Das dürfte nicht nur an der Qualität liegen, sondern auch am Preis: Ein Gipfeli kostet 50 Rappen, kleine Brötchen 1 Franken, Patisserie 1.50 Franken und Sandwiches sowie grosse Brote 2 Franken.

Neu in Bern, andere Städte im Gespräch

«Wir verrechnen die Hälfte des ursprünglichen Preises», sagt Furnari. Die Ware stammt von Bäckereien aus Zürich und Umgebung: Buchmann, Hotz, Schober, Jung oder John Baker – alle sind begeistert von der Wiederverwertungsidee, alle wollen etwas tun gegen den Food Waste.

Gestartet ist Äss-Bar als Zweimannbetrieb. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen elf Angestellte und hat 450 Stellenprozente geschaffen. Nun geht die Reise weiter: Ab dem 5. März gibt es auch in Bern «frisches Brot vom Vortag» zu kaufen. In der Marktgasse eröffnet die zweite Äss-Bar-Filiale. Weitere Städte wie St. Gallen, Winterthur oder Basel stehen im Gespräch. «Überall, wo es Bäckereien gibt, sind wir gefragt», sagt Furnari, dessen Geschäftsidee in der Schweiz noch konkurrenzlos ist.

Die Bäckereien profitieren

Die Bäckereien, von denen die Produkte stammen, handeln nicht selbstlos. Sie liefern die liegen gebliebene Ware zwar kostenlos, erhalten gemäss Furnari aber einen «symbolischen Umsatzanteil». Das Konzept hat sich in den Bäckerstuben herumgesprochen. «Wir erhalten Anfragen aus der ganzen Schweiz», sagt Furnari. Auch das mediale Interesse ist enorm: Dutzende Zeitungen, Fernsehsender und Magazine berichteten seit der Gründung im Herbst 2013 über das unscheinbare Lädelchen. So auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Die Bäckereien sind zufrieden. Sie sind ihre Reste los und erhalten erst noch Geld dafür. «Wir machen es nicht wegen dem Finanziellen», sagt eine Verkaufsleiterin von der Walther Buchmann AG. «Früher landeten die Reste im Schweinekübel. Nun haben alle etwas davon: wir, die Kunden und Äss-Bar.» Gemäss WWF landet aber noch immer ein Drittel aller Lebensmittel im Abfall statt auf dem Teller. «Wir wissen, dass unser Beitrag nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist, aber immerhin», sagt Furnari.

Keine Konkurrenz für karitative Einrichtungen

Neben Äss-Bar sind auch karitative Einrichtungen Nutzniesser der liegen gebliebenen Esswaren. Beispielsweise der Verein Tischlein deck dich aus Winterthur, der Essen für Armutsbetroffene bereitstellt. «Im Gegensatz zu Äss-Bar bietet man den Bäckereien kein Geld», sagt Geschäftsleiter Alex Stähli. Dennoch habe man kein Problem, an Esswaren zu gelangen. Stähli sieht Äss-Bar nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung: «Wir sind froh, wenn es noch andere gibt, die etwas gegen den Food Waste unternehmen», sagt Stähli.

So sieht es auch Furnari: «Essen wird verbrannt oder landet im Abfall. Dagegen vorzugehen, ist unser Antrieb.» Das grosse Geld verdiene man trotz Expansion noch nicht – die vier Teilhaber betreiben Äss-Bar nur nebenberuflich. Ihren Hauptlohn verdienen sie in unterschiedlichen Branchen: Banken, Versicherungen oder wie Furnari als Bauleiter. «Wir sind alle sehr unterschiedlich. Der Kampf gegen die Lebensmittelverschwenung verbindet uns.»

Mittlerweile ist das Geschäft aber derart gewachsen, dass Ässbar bisweilen selbst zum Food Waste beiträgt. «Es kommt vor, dass wir Reste im Abfall entsorgen müssen», sagt Furnari. Erbeertörtchen, die zu lange in der Vitrine standen, oder hartes Brot: Da bleibt nur noch der Gang zum Schweinetrog. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 27.01.2015, 13:13 Uhr)

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