Zürcher Trams per Huckepack in die Ukraine

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 16.03.2010 7 Kommentare

Die Ukrainer sind so begeistert von den ausrangierten VBZ-Trams, dass sie um eine zweite Lieferung baten. Die letzten Trams sind nun verladen worden.

Erleben in Vinnitsa ihren zweiten Frühling: Die letzten blau-weissen Trams auf ihrem Weg in die Ukraine.

Andreas Wittwer

Stichworte

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

So komfortabel hatten es die alten Mirage-Trams Zeit ihres Bestehens noch nie: Seit den 60er-Jahren waren sie fast täglich auf dem Zürcher Schienennetz unterwegs, auch bei übelster Witterung, umrundeten an ihren Fahrkilometern gemessen wohl mehrmals die Welt. Und nun können sie einfach aufsitzen und sich selber befördern lassen – nach Vinnitsa in die Ukraine, 250 Kilometer von Kiew entfernt.

Die VBZ-Angestellten in der Zentralwerkstatt Altstetten haben letzte Woche 16 Mirage-Trams verladen. 58 ausrangierte Fahrzeuge stehen bereits seit einigen Jahren in Vinnitsa im Einsatz – Karpfen (Baujahr 1959), Mirages (Baujahr 1966) sowie einige Anhänger. Sie kamen bei den ukrainischen Fahrgästen so gut an, dass die dortigen Verkehrsbetriebe in Zürich nachfragten, ob wohl noch weitere zu haben seien. Und tatsächlich hatte die VBZ inzwischen noch 30 Fahrzeuge ausgemustert.

Fährt heute in Zürich auf den Linien 2 oder 8 eine Mirage mit ihren hohen Treppen und den Holzsitzen vor, rümpfen die Leute die Nase. In der 389'000 Einwohner zählenden Stadt Vinnitsa hingegen waren sie d i e Attraktion. Als sie erstmals auf die Schiene gesetzt wurden, warteten die Fahrgäste an den Haltestellen, bis ein blaues Tram vorfuhr und quetschten sich in die pumpenvollen Wagen hinein. Gegen die bisherigen altersschwachen Trams des tschechischen Herstellers Tatra sind sie in der Tat sehr komfortabel. Dieser hat zur Zeit des Sozialismus den ganzen Ostblock mit braun-roten Fahrzeugen versorgt, welche längst nicht mehr dem «State of the Art» entsprechen.

Unverwüstliche Mirages

«In Zürich haben wir andere Komfortansprüche», erklärt VBZ-Sprecherin Daniela Tobler. Viele der ausrangierten Fahrzeuge waren über ihre Lebensdauer hinaus im Einsatz, nun sind sie definitiv überfällig. Die VBZ vermuten, dass sie nach einer Revision in Vinnitsa einen zweiten Frühling von einem Dutzend Jahren erleben werden. Obwohl sich die Bestellung der neusten Trams verzögert, haben die VBZ laut Daniela Tobler noch genügend Fahrzeuge; eine kleine Reserveflotte haben sie zurückbehalten, weitere Lieferungen sind nicht vorgesehen.

In vier Woche nach Vinnitsa

Vinnitsa bekommt die blauen Trams umsonst. Die VBZ verschenken sie lieber, statt sie zu verkaufen, denn dafür müssten sie die alten Trams erst revidieren und mit einem Kaufvertrag Haftung dafür übernehmen. Für die Kosten für Transport, Revision und Personalschulung kommt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auf, das die wirtschaftliche Unterstützung von Entwicklungsländern zur Aufgabe hat. Der VBZ entstanden keine Kosten.

Die letzten Zürcher Trams sind noch nicht in Vinnitsa angekommen – der Transport über Buchs und Wien dorthin ist eine langwierige Sache und dauert etwa vier Wochen: Einmal muss die Fahrspur gewechselt werden, dann wieder warten sie auf einem Nebengeleise über Tage auf die Weiterreise.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2010, 04:00 Uhr

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

7 Kommentare

Derek Richter

16.03.2010, 09:45 Uhr
Melden

Das Tafelsilber (Mirage) wird verschenkt und wir dürfen uns mit dem Abfall (Cobra) begnügen. Wieso werden 95% der Fahrgäste mit diesen Fehlkonstruktionen bestraft -nur wegen der restlichen 5% die auf Niederflurtechnik angewiesen sind? Dafür gibt es das Konzept Sänfte / Pony. Es ist einfacher eine 2. Radschleifmaschine anzuschaffen als zuzugeben, dass kleine Räder einfach untauglich sind. Antworten


Peter Suter

16.03.2010, 09:51 Uhr
Melden

"...rümpfen die Leute die Nase", unterstellt Frau Hosp in ihrem Bericht. Viel eher gilt das nach meinen Beobachtungen für die lauten, unbequemen Holper-Cobras, deren stoffbespannten Sitze enger und nicht etwa weicher als die Mirage-Holzsitze sind. Liebe VBZ: verschenkt die Cobra - aber die will man wohl nicht einmal in der Ukraine! Antworten



Zürich

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Lokalverzeichnis

Werbung

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?



AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Bauspengler/-in Bellini Personal AG, ZH

SAP BO Spezialist (m/w) planova human capital ag, Solothurn

HR Manager/in planova human capital ag, Aarau

Telefonbuch

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate