Zürich
Zürcher Wachstumsschmerzen
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Wenn die Architektur mit der Psychologie koaliert, werden die Gefühle gerne gross. «Dichtestress» nennt sich die Wortfusion, die derzeit so häufig zitiert wird, wenn es um das Befinden von Zürich geht. Die Stadt, die sich für eine Metropole hält und das ganze Land wie eine Vorstadt behandelt, leidet unter Wachstumsängsten: Angst vor der Menge, Höhe, Breite und Enge. Angst vor zu viel Leuten, Autos, Lärm und Strassen. Zürich schreckt vor dem zurück, wonach es sich am meisten sehnt: Bedeutung.
Der Dichtestress als Symptom ergreift Gruppierungen, die einander sonst bekämpfen. Die Linken fürchten die immer teureren Wohnungen, welche sich die Alten und Jungen und Armen nicht mehr leisten können. Die Rechten mögen die neuen Mieter nicht, die von auswärts nach Zürich ziehen, weil sie entweder zu gut deutsch reden oder gar nicht. Umweltschützer haben Angst vor mehr Verkehr, eine neue Sorte von Grünen kombiniert Überbevölkerung mit Umweltschutz, die extreme Rechte macht Ausländer als Umweltbelastung aus.
Leiden aus diversen Gründen
Zürich hat Erfolg, Zürich ist begehrt, Zürich kombiniert das Übersichtliche mit dem Internationalen, das Urbane mit dem Ländlichen. Und das gerade werde zum Problem, befürchten immer mehr Bewohner: Zürich werde zum Opfer seines Erfolges. Zürich droht zu verlieren, was es lebenswert macht. Denn Zürich habe nicht die Struktur, um sehr viel mehr Menschen aufzunehmen.Bereits beklagt man sich in der Stadt über volle S-Bahnen und Schlangen in den Läden. Zu viele Badende, Joggende und Studierende, zu viele Deutsche in den Quartieren. Zu viele Junge aus dem Kanton, die zu viel trinken, zu viel Lärm machen und zu lange bleiben. Zu viele Feste in der Stadt, zu viel Gelage am See. Zürich ist gar nicht erbaut. Zürich möchte nicht über sich hinauswachsen. Zürich möchte die kleine Weltstadt bleiben. Hochhäuser ja, aber nicht zu viele. Unterirdisch geführte Tramlinien auf keinen Fall.
Gerät das alles ausser Kontrolle? Die Ballungsprobleme, die mit der wachsenden Wohnbevölkerung auf die Stadt zukommen, sind ernst zu nehmen, keine Frage. Wer aber diese Entwicklung nicht als Gefahr angeht, sondern schon jetzt für Wirklichkeit hält, braucht zuerst einmal Ferien. Dringend. Und zwar in einer jener Grossstädte, in die sich die Zürcher so gerne flüchten, weil sie es als urbane Typen gerne gross haben, international, multikulturell, schnell am Tag und neonhell in der Nacht. Mit stundenlangen Anfahrtswegen in überfüllten U-Bahn-Zügen. Mit vollen Strassen, dicht begangenen Trottoirs.
Plötzliche Zeitlupe
Nachher sollen sie zurückfliegen, lautlos durch die gleissenden Gänge des Zürcher Flughafens laufen, dem netten Zöllner ihren Pass vorzeigen, die Rolltreppe hinunterfahren, den nächsten Zug nehmen und dann die Stadt wiederbetreten. Sie werden gehen wie in Zeitlupe. Die Stadt wird ihnen vorkommen wie ein Dorf. Aus Dichte wird Vielfalt, aus Stress Vitalität.
Zürich ist eine Stadt der Bürger, keine Zentrale für Monarchen. Sie hat nicht die Alleen von Berlin, die Avenues mitten durch New York, den Herrschaftsstolz der einstigen Weltmetropole London. Zürich spürt das starke Wachstum mehr, weil es sich so lange selbst genügte. Die Stadt muss offen planen, weiträumig denken: über sich hinauswachsen. Sonst passiert ihr das, wovor sich jetzt so viele fürchten: Die Stadt wuchert aus und wird ihre eigene Agglomeration – hässlich, aber nicht wichtig.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.07.2011, 16:59 Uhr
Zürich
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.


