Zürich, die Ländler-Hochburg

Wo Ländler draufsteht, muss nicht Land drin sein. Das zeigte eine samstägliche Führung durchs Niederdorf. Sie rückte auch sonst einige Mythen ums hehre Alpenvolk zurecht.

Als der Ländler ohne Vaterlandspflichten noch weinselige Unterhaltungsmusik sein durfte: Die Kapelle Die Urchigä, 1925 im Niederdorf.

Als der Ländler ohne Vaterlandspflichten noch weinselige Unterhaltungsmusik sein durfte: Die Kapelle Die Urchigä, 1925 im Niederdorf. Bild: ZVG

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Was machte Tell, nachdem er den Gessler vom Pferd geschossen hatte? Die Vermutung: Er ging heim, ass Fondue und übte am Schottisch, der ihm nicht recht von der Hand gehen wollte. Bewiesen ist es nicht. Tell hinterliess keine Tagebücher, und jüngere Dokumente legen nahe: dass einiges, was sich urschweizerisch anfühlt, das Prädikat Swiss Made erst in jüngerer Zeit erhalten hat. Und: dass nicht immer Land drin ist, wo Ländler draufsteht, sondern manchmal ganz viel Stadt.

Das sagen Madlaina Janett und Dorothe Zimmermann. «Ländlerstadt Zürich» heisst ihre Tour. Und auf dem Weg vom Central zum Bürkliplatz bringen die beiden mit feinem Humor einige Mythen ums Volk der Alphirten ins Wanken. Auch was deren Musik angeht. Nicht in Schwyz oder Altdorf, an der Limmat wurde der Sound definiert, so die Musikerin Janett, der heute als Ländlermusik wahrgenommen wird. Zürich und sein Niederdorf waren ab 1920 das Nashville der Ländlerszene, das Musiker von weit her anzog.

Vom Anzug zur Sennenkutte

Es wurden auch Schlager gesungen, ja, und es wurde gejazzt, doch den Sound der Zeit spielte die Volksmusik. Zuerst bierselige Unterhaltung, machte sie im Sog der geistigen Landesverteidigung von Zürich aus Karriere als Nationalmusik. Ein Status, der nach dem Krieg das Ende ihres Gastspiels einläutete. Man hatte genug von zu viel Schweizertum, man sehnte sich nach Moderne. Als Letzter hielt Jost Ribary die Stellung. Ribary senior, der seit den 30er-Jahren in der Stadt wohnte und mit der «Steiner Chilbi» die wohl bekannteste aller Ländlerkompositionen schuf, trat noch bis 1962 im Konkordia auf, dem heutigen Big Ben Pub. Dann übernahmen die Beatles, um es überspitzt zu formulieren.

Ribary war einer von Zürichs Ländlerkönigen. Ein anderer war Joseph Stocker, der Stocker Sepp – an der Klarinette nur Durchschnitt, als Verkäufer aber begnadet. Die Bierhalle Gans beim Central war sein Lokal und die «1. Unterwaldner Bauernkapelle» seine Band. Aus Unterwalden waren jedoch nur die Trachtenblusen. Stocker hatte sie günstig erworben und uniformierte damit seine Musiker. Das war neu, denn zuvor traten die meist in ihren Sonntagsanzügen auf.

Beamte spielen Bauern

Bis zu 30 versammelte Stocker in seiner Kapelle. Die meisten von ihnen waren Angestellte der Stadt, die er in den diversen Tanzlokalen aufspielen liess. Damit ihm keiner Etikettenschwindel vorwerfen konnte, so Madlaina Janett, habe er am Abend mehrmals die Formation gewechselt. Je urchiger, desto besser. So also inszenierte der Stocker Sepp seine Kapelle mit Beamten, die auf der Bühne den Bauern gaben. Er legte auch die Spuren, dass der Ländler zur Musik des Vaterlandes wurde. Mit Werbeflügen für die Swissair, die seine Kapelle für Konzerte und Aufnahmen ins Ausland flog.

Gelernt hatte der Wollerauer Stocker Schriftsetzer, und als solcher arbeitete er auch für diese Zeitung. Zu behaupten, diese habe den Soundtrack der «Burezmörge» mitproduziert, wäre aber genauso vermessen, wie zu sagen, Fondue sei das Brot der alten Eidgenossen gewesen. Irgendeiner hat die Käsesuppe erfunden, ja. Doch wer, das sei nicht gesichert, sagt Dorothe Zimmermann. Gesichert ist laut der Historikerin jedoch, dass sich die Käseunion während der Wirtschaftskrise der 30er-Jahre erfolglos bemühte, den geschmolzenen Käse als die Schweizer Speise zu etablieren. Eine Saat, die erst 20 Jahre später aufging – mit dem bekannten Werbespruch: «Fondue isch guet und git e gueti Luune.»

Sehnsucht nach dem Dirndl

So viel zur Führung «Ländlerstadt Zürich». Mehr sei nicht verraten. Ausser, dass das «Gugger Zytli» im heutigen Hotel Splendid seine Uraufführung hatte. Dass die Alpen lange als «krankhafte Auswüchse der Erdoberfläche» galten. Dass Zürichs erstes Frauen-WC mit gutem Grund im Chaletstil erbaut wurde. Und dass nur eine Städterin das «Heidi» habe schreiben können. Die Geschichte vom gesunden Bergmädchen, das in der Stadt krank wird, und vom kranken Stadtmädchen, das in den Bergen gesund wird, wie Madlaina Janett die implizite Botschaft von Johanna Spyris Bestseller auf den Punkt bringt.

Auch ihre Führung bewegt sich entlang dieses Grabens zwischen Stadt und Land, zwischen Mythos und Illusion. Ein Graben, den Städter in letzter Zeit wieder unverkrampfter überschreiten – zumindest was das Brauchtum angeht. Das zeigen die populären Schwingfeste und all die Frauen und Männer, welche die zahllosen Oktoberfeste überschwemmen. Die tragen bayrische Dirndl und Lederhosen. Ein Kostümspiel, hinter dem die Sehnsucht des Städters nach unverfälschter Natürlichkeit steht. Er sucht sie auf dem Land, und findet er sie nicht, dann baut er sich die Traumwelt selber. Es war der Lesezirkel Hottingen, der das einheimische Trachtenwesen im vorletzten Jahrhundert aus der Versenkung holte.


«Ländlerstadt Zürich», nächste Führungen: Samstag 8. und 22. Dezember, Treffpunkt jeweils 10 Uhr vor dem Hotel Limmathof beim Central. Die verschiedenen Stationen sind mit Info-Tafeln ausgeschildert. Den Plan dazu gibts auf: www.kulturstube.ch (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.11.2012, 07:43 Uhr)

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