«Zürich gehört uns allen!»

Selten ziehen mehrere Tausend Personen durch Zürich, um damit eine Veranstaltungsreihe zu starten. Die grosse Mobilisation am Samstag war möglich, weil sich viele Stadtbewohner fragen: «Wem gehört Zürich?»

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Laut Angaben der Organisatoren beteiligten sich 3000 Menschen am Demonstrationszug, der von der Rathausbrücke zum Brupbacherplatz im Kreis 3 führte. Zentrale Forderungen, der von etwa 40 Organisationen und allen linken Parteien unterstützten Kundgebung: bezahlbarer (Wohn-)Raum für alle, auch fürs Gewerbe und die Kultur. Einen wirksamen Mieterschutz. Für Freiräume und Selbstverwaltung. Gegen Verdrängung und gegen eine Stadt der Kapitalinteressen.

Gleicher Raum, weniger Leute

Auf dem Kundgebungsweg wurde an verschiedenen Orten haltgemacht, und dabei wurden unterschiedliche Probleme thematisiert:

  • Urs Frey, Präsident des Quartiervereins Riesbach, machte auf die Entwicklung im Seefeld aufmerksam. Wohnten dort im Jahre 1941 noch 25'000 Einwohner, waren es im Jahre 2010 noch gut 15'000. Häuser, die Luxusüberbauungen weichen müssten, böten auf gleichem Raum weniger Menschen Platz. Die Frage, wer hier wohnen dürfe, werde immer häufiger mit dem Hinweis beantwortet: «Wer es sich leisten kann.» Eine gute Durchmischung der Bevölkerung sei aber ein wesentlicher Teil der Lebensqualität einer Stadt.
  • Stadtsoziologin Vesna Tomse zeigte auf, wie die alternative Szene, die sich einst im Seefeld und im «Dörfli» breitgemacht hatte, durch die Quartieraufwertungen zunächst nach Aussersihl, in der Folge ins Industriequartier und jetzt nach Altstetten abgedrängt wurde. Dort waren Industrieareale frei geworden und die Mietzinse noch bezahlbar. «Das kreative Feuerwerk in Altstetten wird bald verschossen sein: Alle Areale gehörten längst globalen Playern», sagte sie. Tatsächlich laufen in den nächsten Monaten zahlreiche Verträge aus. Wo Vereine, Zentren und Ateliers unterkommen, ist offen.
  • In der Nähe der Bahnhofstrasse erläuterte Wirtschafts- und Sozialgeograf Philipp Klaus, wie sich Zürich zu einer «Global City» entwickelt habe. Über den Finanzsektor gehöre Zürich zu den Entscheidungs- und Steuerungszentralen der globalen Ökonomie. Solche Städte buhlten um hoch qualifizierte Arbeitskräfte, Investitionen und Vermögende. Unter diesem Konkurrenzdruck seien «die Städte für die Wohlhabenden und Privilegierten aufgerüstet worden. Auch Zürich». Folge sei, dass es für weniger Wohlhabende immer weniger Raum gebe und die Kreativen aus den Industriearealen vertrieben würden. Klaus glaubt, eine zunehmende «Arroganz in der Vereinnahmung von Quartieren» zu beobachten.

Durch Aufwertung vertrieben

  • AL-Gemeinderat Niklaus Scherr kritisierte in der Europaallee die «Spekulativen Bundesbahnen SBB». Sie verwerteten «ihre Ländereien wie eine beliebige Spekulantin». Dabei sei «der enorme Mehrwert auf den Filetstücken der SBB nur dank Grossinvestitionen und viel Goodwill der öffentlichen Hand entstanden». Scherr wies darauf hin, dass statt der in Aussicht gestellten 500 Wohnungen nur 373 gebaut würden, darunter 186 Mietwohnungen. Diese 3½- und 4½-Zimmer-Mietwohnungen seien «für schlappe 4900 bis 5900 Franken zu haben». Vor drei Jahren hätten die SBB eine Baulandparzelle an die UBS verkauft – für 26'931 Franken pro Quadratmeter. 1858 habe die Stadt an gleicher Stelle einen Quadratmeter für 4 Franken verkauft.
  • An der Ecke Kanzlei-/Kernstrasse wies eine Vertreterin des Autonomen Beauty Salons auf die Zerstörung von Wohnraum hin. Ein dortiges Gebäude war nach einem Brand besetzt worden. Weil es abgerissen werden sollte und eine polizeiliche Räumung bevorstand, verliessen die Besetzer das Haus. In der Folge seien aber bloss die sanitären Anlagen herausgerissen und die Fenster im Parterre zugemauert worden.
  • «Zürichs ehemals hässlichste Strasse verwandelt sich in eine Luxusmeile – in einer Heftigkeit und Geschwindigkeit, die kaum zu überbieten ist.» Dies sagte Rahel Nüssli beim nächsten Halt an der Weststrasse. Sie kritisierte die «kapitalistische Aufwertungslogik» und die damit einhergehende Verdrängung an der Weststrasse. Als langjährige Anwohnerin habe sie miterlebt, wie früher 1000 Personenwagen und 100 Lastwagen pro Stunde durch die schmale Quartierstrasse gefahren seien. Seit der Eröffnung der Westumfahrung würden die allermeisten, vorher kaum gepflegten Häuser total saniert oder abgerissen und neu gebaut. Schon 2011 sei jedem zweiten Mieter gekündigt worden. Eine normale Familie könne sich die Gegend heute nicht mehr leisten. Dabei hätten die städtischen Behörden der Verdrängung im Wesentlichen nur zugeschaut.
Platz für alle

Die friedlich verlaufene Kundgebung hat nach Ansicht der Organisatoren «ein Zeichen für eine bunte und lebendige Stadt gesetzt, die nicht länger von Kapitalinteressen dominiert werden soll, sondern in der viele verschiedene Menschen und Kulturen ihren Platz finden sollen».

Bis ins Frühjahr hinein sind verschiedene Veranstaltungen terminiert und weitere geplant. Das Ziel der Mobilisierung ist für die Organisatoren klar: Man will «eine möglichst breite Koalition von Betroffenen, um der vom Neoliberalismus gepredigten Vereinzelung ein solidarisches Handeln entgegenzusetzen». Die Frage «Wem gehört Zürich?» ist für die Teilnehmenden allerdings bereits heute beantwortet: «Uns allen!» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.10.2013, 09:51 Uhr)

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