Zürich hing an Lea

Lea war ein menschlicher Menschenaffe: Die Orang-Utan-Dame suchte den Kontakt zu den Zoobesuchern, las Klatsch- und Motorradmagazine und war frauenfeindlich.

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Ihr Platz war stets ganz vorne an der Scheibe. Dort hockte sie, immer schon, Lea, die Orang-Utan-Dame im Zürcher Zoo. Dort vorne hatte sie ihr Nest eingerichtet, äugte in den Besucherraum. Die Haare um den Mund waren allmählich ergraut, das zottelige Fell mit der Zeit ein bisschen ausgedünnt, der Blick aber – typisch für Lea – bis fast zum Schluss ihres Lebens wach und interessiert.

Ihr Leben. Es begann am 22. August 1967 im Tiergarten Wilhelma in Stuttgart nicht allzu gut. Lea wurde von ihrer Mutter verstossen, und so stand eines Abends Heinz Scharpf mit einem Affenbaby zu Hause im Wohnzimmer. Fortan teilten Gundi und Heinz Scharpf, beides Tierpfleger in der Wilhelma, und ihre beiden Töchter ihre Wohnung mit einem kleinen Orang-Utan-Mädchen.

Lea war das erste Orang-Utan-Baby, das in der Wilhelma zur Welt kam, «doch die Mutter wusste nicht, was sie mit ihm anfangen sollte», erinnert sich Gundi Scharpf in einem Artikel der «Stuttgarter Zeitung». Die Scharpfs sind in der Folge zu einer Institution geworden in Stuttgart, auf Lea folgten noch 34 weitere Menschenaffen, die sie von Hand bei sich daheim aufzogen. In ihrem Familienalbum finden sich Bilder von Orang-Utan-Babys im Laufgitter, von Schimpansen mit Windeln, von kleinen Affen im grossen Stubenwagen, von Gundi Scharpf beim Kochen, aus ihrer Schürze ragt ein kleiner Affenarm.

Ein Star und Publikumsmagnet

Im November 1974 kam Lea nach Zürich. Sie war ein Geschenk der Vita Lebensversicherung an den Zoo. Nach der Eingewöhnung im Einzelkäfig integrierte sie sich schnell in die damals sechsköpfige Gruppe. Im Frühjahr 1975 gebar sie ihr erstes von fünf Kindern; der Vater war Pongo, der als einer der schönsten Orang-Utans Europas galt. Anders als ihre Mutter zog sie vier Kinder auf, das fünfte verstarb kurz nach der Geburt.

Lea war bald eine Attraktion im Zoo. Die Besucher schlossen sie sofort ins Herz. Sie liebten, wie sich der Affe unter die schräge Scheibe zwängte, Grimassen schnitt, Faxen machte, mit ihren Lippen das dicke Glas abtastete. Sogar auf der Plattform Tripadvisor wirbt Lea für «ihren» Zoo. Eine Touristin aus Istanbul hat das Foto eingestellt: Lea, leicht unscharf, klebt geduckt an der Scheibe. Das Bild ist versehen mit dem Kommentar: «Unbedingt besuchen.»

Kontaktfreudig von Beginn an: Lea am Tag ihrer Ankunft im Zoo Zürich im November 1974. Foto: Keystone

Zookurator Robert Zingg sagt, Lea sei ein faszinierendes Tier gewesen. «Sie schaute einen bisweilen so intensiv an, dass der Eindruck entstand, sie studiere ihr Gegenüber genauso, wie wir sie studierten.» Gut möglich, dass dies mit ihrer Umgebung nach der Geburt zu tun hatte: Sie war Menschen und vor ­allem auch Kinder gewohnt, sie wuchs mit zwei menschlichen Schwestern auf. «Sie wollte den Leuten nahe sein, sich mit ­ihnen austauschen», sagt Zingg.

Die letzten gut drei Jahre ihres Lebens verbrachte Lea gemeinsam und geruhsam mit Oceh in einem eigenen Käfig. Die beiden Weibchen wurden von der Gruppe getrennt, weil es zu Spannungen gekommen war. Eine Situation, die es früher schon gab. Als Robert Zingg 1994 beim Zoo Zürich begann, hatte Lea einen «Freundeskreis». «Vornehmlich ältere Damen», schrieb die NZZ 1990, besuchten Lea mehrmals pro Woche. Sie brachten zum Geburtstag Bananen und Kuchen, blätterten mit der Affendame durch die Scheiben hindurch durch die «Regenbogenpresse» (NZZ), überreichten der Zooleitung Namensvorschläge, als sie Lea trächtig glaubten.

Lea erreichte ein für Orang-Utans stattliches Alter: Sie wurde 49-jährig und war damit das älteste Säugetier im Zoo.

Was herzlich und herzig klingt, war nicht frei von Spannungen – unter denen nicht zuletzt Lea selber litt, wie sich Zingg erinnert. «Das Verhalten von aussen hatte Wirkung nach innen, in die Struktur der Gruppe.» Die Fans präsentierten dem Tier Sachen an der Scheibe, sie trugen ihm Gedichte vor und versuchten mit Zeichensprache zu kommunizieren, «etwas, das ein Menschenaffe sofort versteht», sagt Zingg. Das Problem: Lea stand die Kommunikation nach aussen in der Gruppenhierarchie nicht zu. Das Problem zeigte sich mit dem Tod des Männchens Pongo, der diese Sonderstellung Leas akzeptiert hatte. Seine Nachfolger taten dies nicht mehr.

Die Gruppenstruktur sei bei den Orang-Utans fragil, sagt Zingg. Sie hätten keine so klare Sozialstruktur wie zum Beispiel die Gorillas. In der Wildnis leben die Tiere als Einzelgänger, dreissig bis vierzig Meter über dem Boden in den Baumkronen des indonesischen Urwalds. Das hat mit dem Nahrungsangebot auf Sumatra und Borneo zu tun: Es ist zu klein, als dass die Orang-Utans in Gruppen überleben könnten.

Fern- und Besucherschauen

Lea hatte durchaus menschliche Gewohnheiten und Charakterzüge. Eine ihrer Pflegerinnen sagte 2007 Tagesanzeiger.ch/Newsnet, Lea sei seit einem negativen Erlebnis mit einer Pflegerin richtiggehend frauenfeindlich. Fast etwas «zu extrovertiert» beschrieb sie Zinggs Vorgänger Christian Schmidt einmal in der NZZ. Zingg findet, Lea sei ein gutmütiges Tier gewesen. «Oceh wusste das auszunützen: Sie fischte ihr die besten Leckerbissen quasi noch aus dem Mund.» Lea war der Unterhaltung nicht abgeneigt: Sie blätterte interessiert in Zeitschriften, auch in solchen mit Motorradzubehör. Sie schaute in ihrer Kindheit bei den Scharpfs Fernsehen, später im Zoo war Besucherschauen einer ihrer liebsten Zeitvertreibe.

Am Mittwoch wurde Lea eingeschläfert, ihr Gesundheitszustand hatte sich in den letzten Tagen verschlechtert. Es sei letztlich ein Vernunftsentscheid ­gewesen, das Tier gehen zu lassen, sagt Robert Zingg. Lea erreichte ein für Orang-Utans stattliches Alter: Sie wurde 49-jährig und war damit das älteste Säugetier im Zoo.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 20:13 Uhr

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