«Zürich ist Lichtjahre im Hintertreffen»

Auf einer Stadtrundfahrt schüttelt der Velobotschafter aus Kopenhagen nicht nur den Kopf.

«That's some oldschool shit!»: Colville-Andersen hält die Zürcher Radwege für überholt.

«That's some oldschool shit!»: Colville-Andersen hält die Zürcher Radwege für überholt. Bild: Dominique Meienberg

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Wir sind gerade erst vom Marriott-Hotel losgefahren, als er sein Velo bereits wieder stoppt, den Kopf schüttelnd. «Das ist lächerlich! Are you kidding me?», ruft Mikael Colville-Andersen. Auf den Boden des Trottoirs ist ein gelbes Velopiktogramm gemalt. Hier lang, bitte, sagt das Zeichen. Nur: Der Pfeil, der zum Piktogramm gehört, zeigt nicht auf einen Radweg, sondern auf das Neumühlequai. Und das ist vollkommen verstopft. Einen Velostreifen gibt es nicht, kein noch so windschnittiger Velokurier würde zwischen Autos und Randstein passen. Colville-Andersen zückt sein Smartphone und fotografiert das Piktogramm, immer noch kopfschüttelnd. Nicht das letzte Mal heute.

Mikael Colville-Andersen (44) hat sich weltweit einen Namen gemacht als Kopenhagens Velobotschafter. Inspiriert von der velofreundlichen dänischen Hauptstadt hat er die Firma Copenhagenize Consulting aufgebaut, die zum Beispiel in Dublin ein neues Veloweg-Netzwerk plant oder Norwegens Transportministerium berät. Colville-Andersen, der früher als Fotograf und Filmregisseur beim dänischen Staatsfernsehen gearbeitet hat, reist heute als Experte für Velokultur um den Globus. Für drei Tage ist er in Zürich, ich will von ihm wissen: Was taugen unsere Velowege?

Politiker ohne Visionen

Stampfenbachstrasse, Schaffhauserplatz, hoch zum Milchbuck. Colville-Andersen kämpft gegen die Gangschaltung seines geliehenen Rads, schnauft hörbar, er spürt die Party vom Vorabend. Kein abgetrenntes Velotrassee, keine Veloampeln, stellt er missbilligend fest. Manchmal gibt es einen Velostreifen, manchmal nicht. Erst beim Milchbuck treffen wir auf neu ausgebaute Radwege. «Das ist Stückwerk. Es scheint hier keine umfassende Radstrategie zu geben.»

Ich verteidige Zürich. Es fehle der Platz, die Stadt sei eng, man müsse auf wenig Raum Trams, Fussgänger, Autos und Velos zusammenquetschen. Velowege zu bauen, brauche Zeit. «Blödsinn. Die Frage ist, ob die Politiker Visionen haben.» Amsterdam sei genauso eng, Dublin, Sevilla und Barcelona ebenso – trotzdem gehe es dort schneller vorwärts als in Zürich. Dann zitiert er Bertrand Delanoë, den Bürgermeister von Paris: «Fakt ist, dass Automobile in den grossen Städten unserer Zeit keinen Platz mehr haben.» Paris sei früher für Velofahrer ein Albtraum gewesen, aber Delanoë habe das Steuer herumgerissen. «Heute ist Zürich Lichtjahre im Hintertreffen.»

Die Mängelliste wird länger und länger

Zürich sei eben nicht als Velostadt prädestiniert, halte ich dagegen. Zu viele Hügel. «Aarhus in Dänemark ist auch hügelig. Barcelona genauso.» Und der Winter? Rutschige Fahrbahnen, durchnässte Kleider? «In Kopenhagen haben wir den Winter ausgeschaltet. Der Räumdienst befreit immer zuerst die Radwege vom Schnee.» Die neuste Idee sei, Ampeln mit Wettersensoren auszurüsten. Bei Regen und Schnee würden die Lichter für Velofahrer länger auf Grün geschaltet, so seien diese schneller am Ziel.

Wir biegen auf den Bucheggplatz-Kreisel ein. «That’s some oldschool shit!», ruft Colville-Andersen, auf die rot gestrichenen Fussgängerbrücken zeigend. Dann beginnt er, über «Wunschlinien» zu sprechen. Fussgänger und Velofahrer wollten immer direkt von A nach B gelangen. Darum gebe es in falsch designten Parks braune Streifen auf den Wiesen – weil sich die Passanten den effizientesten Weg selbst suchten. Wer in Städten moderne Verkehrsachsen plane, müsse diese Wege vorausahnen und dabei Autos, den ÖV, Fussgänger und Velofahrer als gleichberechtigte Partner verstehen. «Aber hier dominiert das Auto. Und das Tram.»Die Rosengartenstrasse hinunter, über den Escher-Wyss-Platz, die Hardbrücke entlang. Wir heben unsere Räder über Randsteine, umkurven Leitplanken. Colville-Andersens Mängelliste wird länger und länger. Selbst die gelben Veloweg-Piktogramme kritisiert er. Gelb sei eine klassische Warnfarbe. In Kopenhagen sind die Velohinweise blau-weiss.

Die Angst auf der Strasse

Beim Parkhaus Pfingstweide setzen wir uns ins Restaurant Les Halles, ein Espresso, ein Latte Macchiato, ein Nussgipfel, 13 Franken. «Das ist sogar für einen Dänen teuer», sagt Colville-Andersen grinsend und wird gleich wieder ernst: 36'000 Verkehrstote gebe es in Europa jedes Jahr, die meisten wegen Autounfällen. In Kopenhagen pendle jeder Dritte mit dem Velo zur Arbeit und erspare so dem dänischen Staat Gesundheitskosten von 235 Millionen Euro. «Verstehen Sie mich nicht falsch, Zürich ist eine wunderbare Stadt mit grossartigem ÖV-System.» Aber das böten inzwischen viele Städte. Moderne Metropolen würden heute danach beurteilt, wie lebensfreundlich sie seien. In Zürich habe er vor allem Männer zwischen 20 und 40 auf dem Rad gesehen. «Warum so wenige Frauen und ältere Leute? Ganz einfach – sie haben Angst.» Darum seien abgetrennte Velotrassees so wichtig: um den Leuten Sicherheit zu vermitteln.

Nebenstrassen bringen uns vom Escher-Wyss-Platz zum HB. Hier ist der Verkehr ruhiger, wir fahren nebeneinander. Colville-Andersens Ideenreservoir ist noch immer nicht leer, er erzählt von mehrspurigen Radwegen, der grünen Welle für Veloampeln, von grossräumigen Tempo-30-Zonen. Funktioniert alles, Kopenhagen habe es vorgemacht. Wir kreuzen die Langstrasse. Keine Velostreifen auch hier. Schande.

Eine grosse Zürcher Idee

Beim Landesmuseum schleppen wir unsere Räder die Bahnhofstreppe hinunter, weil wir auf die andere Seite des HB wollen. Ich verdrecke mir dabei die Hose mit Kettenschmiere, egal, es eilt, wenigstens einmal soll Zürich heute als Velostadt punkten, bevor Colville-Andersen zum nächsten Interview und zum Flughafen muss. Unter dem Bahnhof gibt es ein Stück Autobahntunnel, das Ende der 80er-Jahre gebaut wurde, seither aber leer steht, weil der Rest des Tunnels im Planungsstadium stecken geblieben ist. Die Stadt will daraus ab 2014 eine 200 Meter lange Unterführung mit 1500 Veloabstellplätzen machen. Zwei SBB-Mitarbeiter stehen mit Schutzhelmen bereit, sie führen uns in den Tunnel hinab. Die riesige Doppelröhre ist hell erleuchtet, sie dient als Zufahrt zur Baustelle des neuen Bahnhofs, der unter dem HB entsteht. Die SBB-Männer erklären uns alle Details des Velotunnels, ich stelle neugierig Fragen. Und Mikael Colville-Andersen? Er kritisiert für einmal nichts. Er fotografiert. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.11.2012, 09:24 Uhr)

Umfrage

Soll sich Zürich die Velostadt Kopenhagen zum Vorbild nehmen?

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5858 Stimmen


(Bild: TA-Grafik str)

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