«Zürich ist eine brutal einsame Stadt»

In die Streetchurch kommen 17- bis 22-Jährige ohne Papiere, Bett, Wohnort und Job. Pfarrer Markus Giger und sein Team bieten Hilfe auf dem Weg zurück ins Leben.

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Markus Giger, wer kommt zu Ihnen in die Streetchurch?
Es sind meist 17- bis 22-Jährige, die sich schon zwei, drei Jahre treiben lassen und nichts mehr auf die Reihe bringen. Bei einem Teil von ihnen sprechen wir von jugendlichen Stadtnomaden. Sie kommen zu uns, weil sie von unserem Fensterputz-Projekt «Saubere Jungs für saubere Fenster» gehört haben und einen Job wollen.

Bekommen sie den?
Sie bekommen eine Chance, als Fensterputzer einzusteigen, aber wir stellen auch unsere Bedingungen. Wir möchten sie kennen lernen und erwarten von ihnen, dass sie sich ihrer Situation stellen. Wir haben Zeit und Geduld, aber sie müssen wollen. Das ist kein Spaziergang, sondern eine knüppelharte Auseinandersetzung.

In welchen Lebenssituationen stecken sie?
Sie haben zwar 100 Kollegen, sind aber vereinsamt und alleingelassen. Viele der Jugendlichen, die uns aufsuchen, haben mehrere Tausend Franken Schulden und mit 20 Jahren noch nie gearbeitet. Sie haben keine Papiere, keinen Wohnort und kein Bett. Sie schlafen mal hier, mal da, kiffen, koksen und versinken im Alkohol. Zürich ist eine brutal einsame Stadt.

Wie helfen Sie ihnen, wieder ins offizielle Leben einzusteigen?
Wir überzeugen sie, alle Karten auf den Tisch zu legen. Dann kommen sie bisweilen mit Plastiksäcken voller unbezahlter Rechnungen, Mahnungen und Pfändungsandrohungen zu uns. Man macht sich keine Vorstellung, was in zwei, drei, vier Jahren alles kaputtgehen kann. Oft sind keine Papiere da, und wir müssen abklären, wer für die Jugendlichen zuständig ist. Das ist nicht einfach, weil die Gemeinden, aus denen die Jugendlichen ursprünglich stammen, Zürich als deren Lebensmittelpunkt verstehen, die städtische Behörde das oft aber anders einschätzt. Haben wir erst einmal die Zuständigkeit geklärt, begleiten wir sie aufs Arbeitslosen- oder Sozialamt.

Wie unterstützen Sie sie menschlich?
Die Jugendlichen brauchen Bezugspersonen, ein Dach über dem Kopf und einen Job – die ersten Bedürfnisse sind nicht spiritueller Art. Wir bieten ihnen umfassende Hilfe an, wir nennen das eine «Gesamtsanierung». Es ist unsere Stärke, als Kirche für die Jugendlichen Zeit zu haben – wir müssen keine sofortige Lösung finden. Die Jugendlichen wollen begleitet, nicht behandelt werden, und sie wollen als Person wahrgenommen werden. Wir konfrontieren sie mit ihren Defiziten, helfen ihnen, Eigenverantwortung zu übernehmen und auch ihre Talente zu entdecken. Das klingt gut, aber Enttäuschungen sind unser täglich Brot, und wir müssen viel aushalten. Versöhnung steht im Zentrum, auch ihre Versöhnung mit ihrer eigenen Biografie.

Wie sieht die klassische Biografie eines jugendlichen Stadtnomaden aus?
Es sind meist junge Migranten aus einem hochgradig gestörten Umfeld. Der Vater hat sich oft früh verabschiedet oder ist unbekannt, die Mutter war jung und überfordert und ist in vielen Fällen ohne den Nachwuchs in die Schweiz gezogen, um hier ein besseres Leben aufzubauen. Die Mutter ist vielleicht bereits mit einem Schweizer verheiratet, wenn die Kinder nachziehen. Diese fühlen sich persönlich und kulturell zerrissen, und es kommt immer öfter zum Eclat. Als Jugendliche orientieren sie sich an älteren Jungs aus ihrem Umfeld, rutschen in die Soft-Delinquenz ab und beginnen dann zu dealen. Es kommt zu Streit, Anzeigen, Gewalt. Sie wollen aussteigen, realisieren, wie steinig der Weg ist, und schon sind sie wieder mittendrin. Meistens lassen sie sich von Frauen unterhalten, für viele ist ihre Attraktivität ihr Kapital.

Sind es immer Männer?
Fast immer, ja. Frauen können sich tendenziell besser organisieren und haben weniger Mühe, Hilfe zu suchen und zu reden.

Wie viele der Jugendlichen, die bei Ihnen anklopfen, halten durch?
Nach dem dritten Gespräch verschwindet jeder Dritte wieder, manchmal tauchen sie später wieder auf. Es ist oft ein jahrelanger Prozess, bis sie bereit sind, in der Normalität Fuss zu fassen. Aber sie wissen, dass sie hier jederzeit offenen Türen vorfinden, auch wenn sie aus dem Fensterputz-Programm gefallen sind. Das ist enorm wichtig. Ich bin seit 13 Jahren auf den Strassen von Zürich und kenne die Szene: Es gibt immer mehr jugendliche Stadtnomaden.

Worauf führen Sie das zurück?
Die Maschen des sozialen Netzes werden weiter, die Beziehungsverwahrlosung nimmt zu. Wir leben in einer hochkomplexen Welt. Für viele sind die staatlich organisierten Hilfsangebote eine Überforderung. Wir haben ein Spitzen-Sozialnetz, aber wer die Basics nie gelernt hat, ist von den Ansprüchen eines Arbeitsamtes überfordert. Anfang 2009 lancieren wir deshalb das Pilotprojekt «Life School», an der grundlegende Lebenskompetenzen gelernt werden können.

Wie muss man sich das vorstellen?
Wir planen, Experten aus diversen Bereichen zu rekrutieren, die ihr Wissen weitergeben. In massgeschneiderten Modulen sollen unsere Jugendlichen lernen können, was eine Franchise und ein Selbstbehalt ist, wie man mit 960 Franken im Monat gesund leben kann, was man am Telefon sagen muss, wenn man sich für eine Stelle interessiert, und so weiter. Wenn wir wollen, dass diese Jugendlichen in der Gesellschaft funktionieren, müssen wir ihnen die dazu notwendigen Kompetenzen vermitteln.

Was fasziniert Sie an Ihren Jugendlichen?
Gerade weil der Weg mit ihnen oft schwierig ist, entstehen tiefe und verbindliche Beziehungen. Das liegt wohl auch daran, dass ihre Gefühle so brutal echt sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2008, 08:18 Uhr

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