Zürich ist reif für echte Hochhäuser
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 10.07.2010 25 Kommentare
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Wie bei einem Kind schaute die ganze Stadt dem Prime Tower im Kreis 5 beim Aufwachsen zu, sah, wie er erst vor einem Jahr zur Hardbrücke aufschloss und dann ein Gebäude nach dem anderen hinter sich liess: zuerst den benachbarten Freitag-Turm (24 Meter), dann die Migros Herdern (55 Meter), den Bluewin Tower (60 Meter) und schliesslich den bisherigen Rekordhalter, den grössten der vier Hardau-Türme (92 Meter). Und jetzt, wo der Prime Tower ausgewachsen ist und satte 126 Meter misst, ist man ganz zufrieden mit ihm.
«Eine männliche Geste»
Kaum zu glauben! Schliesslich steht der Turm in einer Stadt, die einmal eine Hochbauvorsteherin hatte, die sagte, ein Hochhaus sei eine «typisch männliche Geste». Und deren Bevölkerung diesen Typ Haus 1984 mit einem strikten Rayonverbot für die ganze Innenstadt belegte. Der Turm steht zudem in einem Kanton, wo bereits Gebäude ab 25 Metern als Hochhaus durchgehen. Und er steht in einem Land, das allem, was das Mittelmass übersteigt, aus Prinzip mit Misstrauen begegnet.
Dass der 126 Meter hohe Turm dennoch wohlwollend aufgenommen wird, liegt auch daran, dass seine Architekten Annette Gigon und Mike Guyer ein typisches Zürcher Hochhaus geschaffen haben: Es ist schlicht, stylish und äusserst bescheiden im Auftritt: Es ist vom Boden bis zum Dach in grünes Glas gekleidet und löst sich beinahe in den begrünten Hügeln der Stadt auf.
Das Wohlwollen rührt aber auch daher, dass Zürich anders als vor noch zwanzig Jahren reif ist für den nächsten Schritt: für ein echtes Hochhaus wie den Prime Tower und nicht nur für ein 25 Meter hohes Türmchen. Was hätte das in Little Big City für einen Aufruhr gegeben, wenn man den 126 Meter hohen Turm bereits in den 80er-Jahren hätte hinstellen wollen! Einen Wolkenkratzer im damaligen Postkarten-Zürich mit Geranientöpfen, angemalten Plastiklöwen und Bahnhofstrassenromantik. Der Prime Tower wäre damals tatsächlich ein Schuh zu gross gewesen.
40 Meter sind nicht genug
Zwar mag die Bezeichnung Metropole auch heute noch nicht so recht zu Zürich passen, eine Little Big City ist die Stadt aber auch nicht mehr. Sie hat sich in den letzten Jahren bis an die Ränder verdichtet, ihre Bevölkerung ist gewachsen, und sie ist weltoffener und internationaler geworden.
So gewinnen Hochhäuser in der Bevölkerung immer mehr an Boden: Im letzten November hat sie den Schweizer Demokraten eine grobe Abfuhr erteilt, welche mit ihrer Volksinitiative «40 Meter sind genug» alle Gebäude in der Stadt auf dieser Höhe plafonieren wollten. 73 Prozent der Stimmenden sagten Nein. Was die Initianten aber am meisten erstaunte, war, dass ausgerechnet die Direktbetroffenen die Initiative mit über 80 Prozent fast am deutlichsten ablehnten – die Bevölkerung des Kreises 5, wo heute die Hochhäuser richtiggehend aus dem Boden schiessen.
Es braucht keine 828 Meter
Die Stadt Zürich braucht keinen Burj Khalifa, der in Dubai 828 Meter gen Himmel emporsteigt, sie braucht nicht einmal einen Roche Tower, der in der zweiten Version auf 175 Meter angewachsen ist und voraussichtlich in fünf Jahren den Prime Tower als höchstes Gebäude der Schweiz ablösen wird. Die Stadt soll sich nicht einmal auf den landesweiten Wettbewerb um das höchste Gebäude einlassen – Basel kann es ruhig haben.
Steht man heute auf dem Uetliberg und schaut auf die Spielzeugstadt zu seinen Füssen herab, zeigt sich aber, dass es dort unten durchaus noch ein paar Klötzchen vertragen würde, welche zusätzliche Orientierung bieten und die Bestehenden deutlich überragen. Sie dürften sich an geeigneten Orten auch prominenter ins Stadtbild rücken, als dies heute der Prime Tower tut, das Auge hat sich durch die vielen Beispiele im Ausland langsam daran gewöhnt. Und die grösseren Klötzchen sollen nicht nur in den Entwicklungsgebieten an der Peripherie Akzente setzen, sondern durchaus auch an zentraleren Orten ausserhalb der Altstadt.
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Erstellt: 10.07.2010, 10:43 Uhr
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25 Kommentare
Grundsätzlich ist gegen Hochhäuser in einer ohnehin verschandelten Stadt nichts einzuwenden. Sie schonen die knappe Ressource Boden, da viele Leute auf wenig Platz auskommen. Zudem eignen sie sich für alle Wohnungstypen, von Sozial- zu Luxuswohnungen. Die Architekten könnten allerdings noch kreativer sein. Deshalb, nur weiter in die Höhe, über den Prime Tower hinaus. Antworten



