Zürich setzt auf eine veraltete Software
Von Patrick Kühnis. Aktualisiert am 05.01.2011 43 Kommentare
Stadt krempelt ihre IT um
Millionen für das Nervenzentrum
Bis 2007 war die städtische Informatik ein Flickenteppich. 80 Dienstabteilungen und Fachstellen betrieben eigene IT-Abteilungen und arbeiteten mit unterschiedlicher Hard- und Software. Eine neue Strategie soll das ändern: Neu betreut Organisation und Informatik Zürich mit 350 Mitarbeitenden die PCs und Server. 15'000 Computer werden einheitlich mit Windows Vista und Office ausgestattet. Die zentrale Beschaffung bringt ab 2017 einen Spareffekt von 600'000 Franken pro Jahr. Richtig ins Geld gehen die Grossrechner: 140 Millionen hat das Volk bereits für das Rechentrum Albis bewilligt – ein zweites soll auf dem Werkareal Hagenholz entstehen. Insgesamt lässt sich die Stadt die Erneuerung ihrer Informatik einen dreistelligen Millionenbetrag kosten.(pak)
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So einig war sich der Gemeinderat selten: Mit 112 zu 0 Stimmen wünschte er sich vom Stadtrat im Dezember 2008 einen Marschhalt bei der Softwarebeschaffung. Gegen den Willen von Finanzvorstand Martin Vollenwyder (FDP) überwies er damals ein Postulat, das die Umrüstung sämtlicher Computerarbeitsplätze auf Windows Vista stoppen wollte. Stattdessen sollte die Stadt noch zuwarten – und dann direkt auf das neue Betriebssystem Windows 7 wechseln. «Dieses arbeitet gemäss ersten Testberichten viel zuverlässiger und schneller als Windows Vista», fanden die Postulanten von der Partei für Zürich.
«Le grand flop»
Sie stützten sich dabei auf das einhellige Urteil enttäuschter Privat- und Geschäftsnutzer, die Vista in der Praxis als umständlich, überladen und teilweise quälend langsam erlebten. Gerade viele Grossfirmen weigerten sich standhaft, überhaupt auf diese Software umzusteigen – was dem Hersteller schmerzliche Umsatzeinbussen bescherte. «Vista de Microsoft: le grand flop», titelte «Le Matin» im Juni 2008. Knapp ein Jahr später schob Microsoft selbst sein Vorzeigeprodukt aufs Abstellgleis. Ein Vizepräsident riet an einer Konferenz den Geschäftskunden ausdrücklich dazu, Vista zu überspringen. Man solle lieber auf die endgültige Version von Windows 7 warten.
Die Stadt Zürich kümmerte das wenig. Sie hatte sich 2007 auf Vista festgelegt – und hielt trotz des politischen Widerstands eisern daran fest. Seit dem Start im Jahre 2008 sind inzwischen 10'000 Arbeitsplätze umgerüstet, sagt Daniel Heinzmann, Chef von Organisation und Informatik (OIZ). «Weitere 4000 Computerarbeitsplätze werden dieses Jahr ausgeliefert.» Ursprünglich waren Arbeitsplätze mit stark erhöhten Sicherheitsanforderungen von der Umstellung ausgenommen. Jetzt sollen aber auch Spitäler, Polizei und Feuerwehr einen «IT-Standard-Arbeitsplatz» erhalten. 12,8 Millionen hat die Stadt für die Harmonisierung bisher ausgegeben.
Der einheitliche Vista-Arbeitsplatz ist eines der wichtigsten Ziele der neuen IT-Strategie, die sich die Stadt mehrere Hundert Millionen Franken kosten lässt. Heinzmann betont, dass sich durch die zentrale Ausrüstung auch viel Geld einsparen lasse: «Für die laufende Umstellung konnten wir um 30 Prozent günstigere Hardwarepreise erzielen. Wir haben eine grössere Einkaufsmacht, als wenn jede Abteilung ihre Computer selber beschafft.»
Bund: Aufstand gegen Vista
Auch die Bundesverwaltung vereinheitlicht für knapp 50 Millionen Franken ihre 38'000 PC-Arbeitsplätze. Und auch sie wollte überall Windows Vista installieren. Doch dagegen gab es einen Aufstand der Bundesräte Leuenberger, Widmer-Schlumpf und Burkhalter, die nicht auf das umstrittene Vista, sondern gleich auf Windows 7 setzen wollten. Im letzten Februar zog die Landesregierung die Notbremse. Sie gestattete den drei Departementen, die noch nicht umgesattelt hatten, gleich das neue Betriebssystem zu kaufen. Dieses verfüge gegenüber Vista «über einige Verbesserungen und eine bessere Akzeptanz auf dem Weltmarkt», fand der Bundesrat. Die Mehrkosten von 4 Millionen Franken mussten Leuenberger, Widmer-Schlumpf und Burkhalter anderweitig kompensieren.
Für die Stadt Zürich dagegen kam solch ein fliegender Wechsel nicht infrage. «Wir haben uns bewusst dagegen entschieden», sagt OIZ-Chef Daniel Heinzmann. «Das wäre kontraproduktiv gewesen, weil es zu höheren Projekt- und Betriebskosten führen würde.»
So bereut es der IT-Chef keineswegs, nicht gleich auf Windows 7 gesetzt zu haben. «Die Erfahrungen mit Vista zeigen, dass damit effizient gearbeitet werden kann.» In der aktuellen Kundenumfrage habe die städtische Informatik im Vergleich mit ähnlichen Betrieben ein überdurchschnittliches Ergebnis erzielt. Doch in der Verwaltung gibt es auch kritische Stimmen. So findet es ein Angestellter in einem Brief an den TA höchst verwunderlich, dass Zürich angesichts der drohenden Sparmassnahmen mehrere Millionen in eine veraltete Software stecke. Für Wirbel sorgte zudem, dass alle Lehrpersonen in der unterrichtsfreien Zeit einen dreistündigen Vista-Kurs besuchen mussten, der laut einem SVP-Vorstoss für geübte Nutzer «sehr wenig oder keinen Nutzen brachte».
2012 kommt der Nachfolger
Lang müssen sich die Stadtangestellten ohnehin nicht mit Vista herumschlagen. 6000 Arbeitsplätze in der separaten Schul-IT wurden bereits mit der Nachfolgersoftware bestückt. Und noch dieses Jahr wählt die Stadt zwischen Windows 7, Linux- und Apple-Lösungen das neue Betriebssystem aus, das ab 2012 eingesetzt wird. Bis dahin wird der Stadtrat auch dem Parlament erklären, wieso es dessen Bedenken gegen Vista ignoriert hat. Die Frist für die verlangte Auskunft lief am 10. Dezember ab. Man werde sich im Geschäftsbericht 2010 mit dem Postulat befassen, sagt Heinzmann. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.01.2011, 22:37 Uhr
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43 Kommentare
Offensichtlich wird Zürich von Microsoft "gesponsort". Man kann durchaus auf Windows setzen, wenn man jedoch auf Vista setzt, dann stellt sich die Frage der absoluten Inkompetenz. Mittlerweile sollte auch den IT Fachstudies klar sein, dass man für ein gutes, schnelles BS keinen Rappen löhnen muss und nur Support bezahlt. Wählen Sie zwischen Win7 & Ubuntu 10.04 LTS...aber warten sie nicht auf Win8! Antworten
Fast nicht zu glauben. Unter Exekutivpolitikern sind groteske IT-Fehlentscheide offenbar immer noch Kavaliersdelikte. In der Zwischenzeit stellen München, Wien und Amsterdam ihre Verwaltung auf Freie Software um. Zürich pumpt lieber neunstellige Frankenbeträge in den Sand. Antworten



