Züricher, unverkennbar!

Eine Ausstellung zeigt, warum es gar nicht so falsch ist, wenn die Deutschen vom Züricher sprechen. Und wir wollen wissen: Was ist für Sie typisch Zürich?

Treffsichere Zürcher Jugend: Ansichtskarte zum Knabenschiessen um 1900. Foto: ZB (Ansichtskarte Varia, Feste, Knabenschiessen)

Treffsichere Zürcher Jugend: Ansichtskarte zum Knabenschiessen um 1900. Foto: ZB (Ansichtskarte Varia, Feste, Knabenschiessen)

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Von dieser Ausstellung wird wohl jeder Besucher und jede Besucherin sein eigenes Bild nach Hause tragen. Das hängt zum einen mit der Vielfalt der rund 100 Exponate zusammen. Vor allem aber, weil ihr Thema in hohem Masse zum Mitdenken reizt. «Typisch Zürich!» lautet der Titel der Ausstellung, die heute in der Schatzkammer der Zentralbibliothek eröffnet wird. Sie ist für das Jubiläumsjahr konzipiert – die Zentral­bibliothek feiert ihr hundertjähriges Bestehen und kann bei diesem Thema aus dem Vollen schöpfen.

«Wir haben uns gefragt, was Stadt und Kanton Zürich geprägt hat und noch heute prägt», sagt Kuratorin Christine Baur. «Und wie wir dies exemplarisch mit Schriften oder Objekten aus unserem Bestand veranschaulichen können.» Dabei ist den Ausstellungsmachern klar, dass es sich dabei bis zu einem gewissen Grad auch um ihre subjektive Sicht von Zürich geht. «Wenn wir es schaffen, dass die Besucher sich nachher fragen, was denn nun für ihr typisches Zürich fehlt, haben wir eines un­serer Ziele erreicht», sagt Rainer Walter von der Handschriftenabteilung, die etliche kostbare Stücke für die Ausstellung beisteuert.

Mehr als Zwingli und Zünfte

Die Ausstellung führt durch die Zeit und durch verschiedene Themen – je nach Interesse können die Besucher vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert bummeln, oder aber sie gehen kreuz und quer durch den Raum, indem sie sich an speziellen Themen wie etwa Alltag, Religion, Bildung oder Politik und Wirtschaft orientieren. Dann lohnt es sich allerdings, sich von der Ausstellungsbroschüre mit ihren gut lesbaren Einführungstexten leiten zu lassen.

Typisch Zürich sind natürlich Zwingli und Pestalozzi, das Sechseläuten und das Knabenschiessen. Typisch Zürich sind natürlich die Zünfte und die Stadtheiligen, die seltsamerweise auch heute noch auf dem Staatssiegel des reformierten Kantons Zürich abgebildet sind. Typisch Zürich ist die Seidenindustrie oder Dada. All dem sind Ausstellungsobjekte zugeordnet. Typisch Zürich sind auch die Trams und der Uetliberg, auf den es bereits um 1905 eine Massenwanderung gab, wie der allererste Zürich-Film überhaupt zeigt. Auch dieser ist in der Ausstellung zu sehen.

Ein Dresscode aus dem 19. Jahrhundert illustriert, wie der Mann von Welt zum Sport zu erscheinen hat.

Daneben aber gibt es auch Gegenstände, bei denen man sich zuerst fragt: Typisch Zürich? Zu sehen sind Spielkarten aus der Mitte des 15. Jahrhunderts oder ein Kleiderkodex aus dem 19. Jahrhundert, der haargenau festlegt und illustriert, wie der Mann von Welt in Zürich zur Sportveranstaltung oder zur Cocktailparty zu erscheinen hat. Und wir begegnen einem über drei Meter langen Leporello, auf den die jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler handschriftlich Gedichte schrieb und diese dem Zürcher Bundesrat Albert Meyer widmete – in der Hoffnung, dass dies ihren Asylantrag günstig beeinflusse. Hat nichts genützt.

Die Pistole des Chefredaktors

Wir begegnen Globi, der als Werbefigur für das Warenhaus Globus geschaffen wurde. Die ersten Globi-Bücher werden in der Zentralbibliothek zusammen mit wertvollen Handschriften in klimatisierten Spezialkammern aufbewahrt. Wir begegnen Heidi, ja dem Bündnermädchen Heidi – typisch Zürich, denn «Heidi»-Autorin Johanna Spyri war ganz und gar Zürcherin, in Hirzel geboren in der Stadt Zürich gestorben. Wir begegnen natürlich und mehrfach Gottfried Keller, der als Maler entschieden weniger eigenständig war denn als Schriftsteller. Und wir müssen in dem Zusammenhang zähneknirschend zugeben, dass die Deutschen gar nicht so falsch liegen, wenn sie uns Züricher nennen – Kellers Novellensammlung, aus der ein Erstdruck des «Hadlaubs» zu sehen ist, heisst tatsächlich Züricher Novellen.

Zu den eigentümlichsten Ausstellungsgegenständen gehört eine Pistole: Sie lag während des Zweiten Weltkriegs im Pult des NZZ-Chefredaktors Willy Bretscher (1897 bis 1992) und macht deutlich, wie unmittelbar viele Menschen auch in Zürich die Gefahr des Nationalsozialismus wahrnahmen. Belustigend, ja fast schon übermütig dagegen wirkt die Partitur eines 1957 von Werner Wollenberger und Paul Burkhard für das Cabaret Fédéral geschriebenen Liedes: Vertextet wurde darin das kantonale Formular zur Steuererklärung, der Titel heisst «Alptraum».

Was in der Ausstellung fehlt: die Turnachkinder, der Sprüngli . . . Die Ausstellungsmacher haben ihr Ziel erreicht.

Was ist für Sie typisch Zürich?

Was ist für Sie typisch Zürich? Schreiben Sie uns mit dem Betreff Typisch Zürich an zuerich@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2017, 22:39 Uhr

Ihre Meinung ist gefragt

Was ist für Sie typisch Zürich?

Die aktuelle Ausstellung in der Schatzkammer der Zentralbibliothek zeigt auf, was typisch für Stadt und Kanton Zürich ist. Dabei musste notgedrungen eine Auswahl
getroffen werden – auch ist wohl vieles Ansichtssache. Daher möchten wir von Ihnen wissen: Was ist für Sie typisch Zürich? Schreiben Sie uns Ihre Meinung dazu. Entweder per Post an Tages-Anzeiger Redaktion, Stichwort: «Typisch Zürich», Postfach, 8021 Zürich oder per E-mail mit dem Betreff Typisch Zürich an zuerich@tages-anzeiger.ch

Die Ausstellung

Typisch Zürich! In der Schatzkammer der Zentralbibliothek Zürich, Zähringerplatz 6; bis 2. Dezember, Montag bis Freitag 13 bis 17 Uhr, Samstag 13 bis 16 Uhr.
Infos zum Jubiläum: www.zb100.ch

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