Zürich

Zürichs Angst vor dem Schatten

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 15.03.2011 31 Kommentare

Wann immer in der Stadt Zürich etwas Hohes gebaut wird, fällt sofort das Wort Schattenwurf: Zürich hat ein schwieriges Verhältnis zu Türmen.

Wird auch die Badi Letten beschatten: Der geplante Swiss Mill Tower .

Wird auch die Badi Letten beschatten: Der geplante Swiss Mill Tower .
Bild: PD

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Das derzeit höchste Haus der Schweiz, der 126 Meter hohe Prime Tower, steht ausgerechnet in der Stadt Zürich. Prädestiniert für die Spitzenposition ist diese nämlich nicht; sie baute spät und nur sehr zögerlich in die Höhe: Gerade einmal 44 Meter massen 1952 die beiden ersten Hochhäuser, welche diesen Namen verdienten: die Wohnhochhäuser der Siedlung Heiligfeld beim Letzigraben. Die Lausanner hingegen hatten den Massstabsprung bereits 1931 gewagt und den 68 Meter hohen Bel-Air-Turm hingestellt.

Zürich begegnete Hochhäusern zwar mit einer gewissen Skepsis, der Architekt der Siedlung Heiligfeld selber sprach von «einer Art Hochhaussucht». Letztlich waren es aber praktische Gründe, welche die Stadt nicht in die Höhe schiessen liessen: Die Häuser durften nur so hoch gebaut werden, wie die Feuerwehrleitern lang waren.

Zwischen dem Bau der Siedlung Heiligfeld und dem Prime Tower durchlebten die Hochhäuser in Zürich eine wechselvolle Zeit. Einmal waren sie die Lösung, dann wieder das Problem. In den 50er-Jahren sah man in ihnen die Chance, die sich scheinbar unaufhaltsam vermehrende Bevölkerung unterbringen zu können. In den 80er-Jahren hingegen wurden sie für alle sozialen Missstände im Quartier verantwortlich gemacht.

Höhenmonopol geknackt

Die Heiligfeld-Türme lösten zumindest eine kleine Hochhaussucht aus: Bis 1981 entstanden in Zürich rund 20 Gebäude, die mindestens so hoch waren wie diese, das Lochergut (1966), das heutige Swissôtel in Oerlikon (1972) oder die Hardau-Türme (1978). 1970 knackte das Bettenhochhaus Triemli erstmals das offizielle Höhenmonopol der Kirche und wuchs mit seinen 70 Metern über das Grossmünster (62 Meter) hinaus.

1981 ging der Höhenrausch mit dem Hochhaus der Migros am Limmatplatz bereits zu Ende und es sollte ein Vierteljahrhundert dauern, bis in Zürich wieder serienmässig Türme gebaut wurden. Die Stimmung war gekippt, weil die hohen Häuser architektonisch nicht durchwegs überzeugten, manche einseitig an sozial Benachteiligte vermietet wurden und verslumten. Dass die Zürcher Bauvorsteherin in ihnen eine «typisch männliche Geste» sah, machte es auch nicht besser.

1984 belegten die Zürcherinnen und Zürcher die Hochhäuser mit einem strikten Rayonverbot für die ganze Innenstadt – und die Zürcher Unternehmen mussten ihre grossen Gesten fortan im Ausland zum Ausdruck bringen – die Swiss Re etwa errichtete 2003 ihre «Gurke» im Londoner Finanzdistrikt.

Nur nicht auf mein Haus

Erst Mitte der 90er-Jahre traute man sich in Zürich wieder, in die Höhe zu denken; die Industrieareale in Zürich-Nord und Zürich-West waren geräumt und die Grundstückbesitzer begannen sich Gedanken zu machen, was man darauf bauen könnte – worauf die Stadt schleunigst ein Hochhausleitbild entwickelte, um den neu erwachten Höhenrausch in geordnete Bahnen zu lenken. Zwar tauchten auch in den letzten Jahren noch vereinzelt Ressentiments gegen Hochhäuser auf. Die Schweizer Demokraten etwa beklagten, dass man von Wipkingen aus die Berge nicht mehr sehen könne, wenn in Zürich-West ein ganzer Wald hoher Klötze stehe. Ihre Initiative «40 Meter sind genug» wurde Ende 2009 aber deutlich verworfen. Die meisten Zürcherinnen und Zürcher stehen heute Hochhäusern wieder nüchtern gegenüber; sie akzeptieren sie, sofern sie nicht in der Innenstadt oder am See stehen – und wenn sie keine Schatten auf ihr Haus werfen.

Setzten früher die Feuerwehrleitern die Grenzen, so ist es heute die Angst vor dem Schattenwurf. Beim geplanten Getreidesilo von Swissmill etwa war nicht dessen Höhe von 120 Metern das Hauptargument der – unterlegenen – Gegnerschaft, sondern der Schatten, den es unter anderem auf die Badi Letten wirft. Wann immer in Zürich bekannt wird, dass etwas Hohes gebaut werden soll, fällt sofort das Wort Schattenwurf. Das war auch beim Prime Tower so, beim verworfenen Projekt des Kleeblatt-Hochhauses oder beim Hardturmstadion.

Keine Verslumung mehr

So ist im Kanton Zürich eine eigentliche Wissenschaft zur Bestimmung der «2-stündigen Schattendauer» entstanden – nur so lange darf ein Haus einem anderen vor der Sonne stehen. Es ist genau festgelegt, an welchen Tagen der Schatten gemessen werden muss (an den «mittleren Wintertagen» 3. November und 8. Februar), wo der Schatten beobachtet wird (am Fusspunkt des Hauses) und auf welcher geografischen Position die Berechnungen basieren (auf jener der Sternwarte).

Anders als bei der ersten Generation von Hochhäusern besteht bei den heutigen nicht die Gefahr, dass sie verslumen. Sie sind sorgfältig gestaltet und werden nicht von Randständigen bewohnt, sondern wie der Mobimo-Tower von UBS-Verwaltungsräten und Bührle-Erben. Die Wohnungen sind teuer, weil der Bau in die Höhe kostspielig, der Boden aber oft nicht besser ausgenutzt werden darf als bei tieferen Bauten.

Wenn sich nun die Elite wie früher in den Geschlechtertürmen in Hochhäusern sammelt, könnten aber auch jene der zweiten Generation in Verruf geraten, diesmal als «Bonzentürme». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2011, 20:57 Uhr

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31 Kommentare

Renato Lobsiger

15.03.2011, 11:01 Uhr
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Hochhäuser sind ökonomisch (also wirtschaftlich) und ökologischer Unsinn, wie dies von unzähligen und jüngsten Studien belegt wird. Aber das will man schliesslich nicht lesen und schon gar nicht hören, weder hier noch anderswo. Antworten


Adrian Frey

15.03.2011, 09:59 Uhr
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In der Provinz Miyagi in Japan wären sie heilfroh ihre Häuser würden noch Schatten werfen... Schön bedenklich, dass wir hier in der Schweiz immer irgendwelche Probleme suchen, wenn wir schon keine haben... Antworten



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