Zürichs Kriech- und Flugrouten

In Zürich stehen derzeit 80 Insektenfallen: Anhand der toten Tiere versucht eine Forscherin herauszufinden, auf welchen Wegen sich Bienen, Mücken und Käfer durch die Stadt bewegen.

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Sonja Braaker packt in Zürich-Affoltern inmitten von hohem Gras ihren Rucksack aus. Neben ihr steht ein grosser, gelber Trichter. Die Doktorandin lässt das Wasser aus dem Behälter abfliessen. In einem Sieb bleiben Dutzende von Insekten zurück: Bienen, Wespen, Mücken, Wanzen und eine etwa zehn Zentimeter grosse Heuschrecke. «So eine habe ich noch nie in einer Insektenfalle gesehen», sagt Braaker und füllt die Insekten in mit Alkohol gefüllte Gläser. Die Tierchen werden im Labor auf ihre Art hin bestimmt.

Jede Woche klappern Braaker und ihre Mitarbeiter insgesamt 80 Trichter- und kleinere Bodenfallen ab, die sie Mitte Mai in der Stadt Zürich aufgestellt hat. Käfer und Spinnen fallen in die im Boden eingelassenen Joghurtbecher, fliegende Insekten prallen in die Plexiglasscheiben, die über dem Trichter installiert sind. Sie ertrinken im Wasser, mit dem die Behälter gefüllt sind.

Das ist eine standardisierte Fangmethode der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), die das Projekt zusammen mit der ETH Zürich durchführt. Sonja Braaker nimmt dabei in Kauf, dass die Tiere umkommen: «An den Windschutzscheiben von Autos verenden in der Stadt Zürich täglich mehr Insekten.»

Was nützen begrünte Flachdächer?

Die an einem Standort gefangenen Tiere werden nach Art gezählt. So wollen die Forscher aufzeigen, welche Vegetationen welche Insekten anlocken und ob die Tiere sich von Fläche zu Fläche bewegen. Ausserdem untersucht Braaker, ob sich Bienen, Spinnen, Mücken und Käfer von breiten Strassen oder Siedlungen abschrecken lassen. Je ähnlicher die auf einer Versuchsfläche gefundenen Insekten, desto besser sind die Orte vernetzt, sprich, die Insekten fliegen oder kriechen von A nach B.

Sonja Braaker nennt ein Beispiel für den Nutzen des Forschungsprojekts: «Wenn die VBZ an einer Haltestelle eine ökologisch wertvolle Wiese wachsen lassen, wollen sie vielleicht wissen, ob die Wiese auch wirklich von Arten genutzt wird und ob sie ökologisch mit anderem urbanem Grün vernetzt sind.» Ein weiteres Beispiel sind die Flachdächer, auf denen die Hälfte der Fallen steht: «Schön wäre es, wenn sich zeigen würde, dass die Anlagen nicht nur energietechnisch sinnvoll sind, sondern auch ein wichtiger Lebensraum für Insekten.» Möglicherweise, so die Biologin, nutzen die Tiere die begrünten Dächer wie auch gewisse Bodenflächen als «Trittsteine auf ihrem Weg durch die Stadt».

«Überraschende Vielfalt»

Das Projekt von ETH und WSL ist Teil des Forschungsprojekts «Enhance», das die Lebensraumvernetzung und Massnahmen zu deren Förderung in urbanen, landwirtschaftlichen und wassernahen Gebieten untersucht. Es wird durch das Competence Center Environment and Sustainability der ETH Domain (CCES) und die WSL finanziert.

Braaker packt ihre Sachen zusammen und macht sich auf den Weg zur nächsten Falle. Fünfzehn weitere Standorte besucht sie an diesem Tag noch. Es sei nicht ganz einfach gewesen, geeignete Orte mit der passenden Vegetation zu finden, sagt sie. Deshalb stehen einige Fallen jetzt auch in Parkanlagen und Schularealen. «Das ist nicht ideal, aber es wurden schon einige Fallen beschädigt, weshalb wir Alternativstandorte suchen mussten.» Noch bis Mitte September ist Braaker von Falle zu Falle unterwegs. Am Schluss wird sie Tausende von Tieren eingesammelt haben. Zwar sei es noch zu früh, um erste Tendenzen festzustellen, aber eines sei bereits klar: «Die Vielfalt der Insekten in der Stadt ist überraschend.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.08.2010, 11:00 Uhr)

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