Zürichs berühmtester Schwulentreff muss Wohnungen weichen

Nach 25 Jahren schliesst mit dem T & M der erfolgreichste Zürcher Schwulenclub. Die Räumlichkeiten im Zürcher Niederdorf weichen einem Apartmenthaus.

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Wenn sich die Tür unter dem Neon-Regenbogen öffnet, brodelt in so manchem jungen Mann die Angst. Ein letztes Mal versichert er sich, dass keiner der Nachtschwärmer, die das Niederdorf bevölkern, ihn beobachtet, wie er nervös vor der Marktgasse 14 hin und her läuft. Er prüft noch einmal die Frisur, den Sitz seiner Jeans und nimmt zaghaft die erste Stufe der Treppe, die ihn hinaufführen soll in die Welt seiner Sehnsüchte. Das Leben als Schwuler, es tritt in diesem Moment in einen neuen Zustand ein. Hinaus aus nächtlichen Träumen, hinein in die reale Welt der Begierden, in die Welt von Kerlen, die nur darauf warten, einen dieser Neulinge zu beglücken.

Tüll und Müll

Es ist eine Szene, die sich vor den Pforten der Marktgasse 14 seit 25 Jahren regelmässig wiederholt. So wurde das T & M, eine der ältesten Gay-Discos der Schweiz, zum Markstein vieler schwuler Biografien, zum Ort, wo alles anfing: das erste Date, der erste Tanz mit einem Mann, der erste Kuss, die erste Taxifahrt zu einem fremden Bett. In der Zürcher Schwulen-Community ist der Club eine Institution, die, sind die ersten Erfahrungen gesammelt, oftmals liebevoll belächelt wird. Wer sich für trendig hält, macht ums Tamara & Marisa einen Bogen. Der Sound ist für manchen zu trashig, das Publikum ebenso.

Spötter nennen das Lokal auch «Tüll und Müll» – und finden sich nach einer durchzechten Nacht doch am Bartresen oder im Darkroom wieder. Schliesslich hat das T & M alle anderen Gay-Schuppen der Stadt überlebt, das legendäre Aera ebenso wie das berüchtigte Labyrinth.

Ein Akt der Zivilcourage

Im Februar 2013 allerdings wird auch der Neon-Regenbogen endgültig ausgeschaltet. Die Räume weichen einem Apartmenthaus. Das kleine Gay-Universum an der Marktgasse, das Unternehmerin Sigi Gübeli leitet, wird auf verschiedene Standorte verstreut. Die Pigalle-Bar zieht ins heutige Tip Top am Seilergraben, das Hotel Goldenes Schwert findet seinen Nachfolger im Platzhirsch an der Spitalgasse. Was mit dem T & M als Herzstück passiert, möchte Sigi Gübeli noch nicht verraten. Fest steht, dass der neue Club unter der Leitung der Event-Profis Alain Mehmann und Marco Uhlig eröffnet werden soll. Natürlich brodelt es in der Gerüchteküche der Szene. Das Schwulenmagazin «Cruiser» brachte bereits das Sexkino Stüssihof ins Gespräch.

Dass sich in Zürich dereinst so viele Standorte für einen Nachfolgeclub anbieten würden, davon konnten Roger Pfändler, Thomas Kraus und Frank Bruse, die Väter des T & M, 1987 nur träumen. Abgesehen von ein paar schummrigen Lokalen oder öffentlichen Parks gab es in der Stadt kaum Orte, an denen Schwule unter sich sein konnten. Wenn es um Homosexuelle ging, herrschte in der Gesellschaft ein frostiges Klima, über der Regenbogen-Glückseligkeit schwebte der Schatten der ersten grossen Aidswelle. Bei manchem brannten angesichts der Bedrohung die Sicherungen durch. Im Dezember 1987 forderte ein St. Galler Facharzt für innere Medizin im «Blick», Aidskranken ein «A» auf die Brust zu tätowieren, Infizierte sollten in Isolationsstationen gesteckt werden. In dieser Atmosphäre einen Schwulenclub in der Innenstadt zu eröffnen, war da fast ein Stück Zivilcourage.

«Die Zwänge der Gesellschaft blieben draussen»

Doch Roger Pfändler war im damaligen Zürcher Nachtleben kein Anfänger. Im Haus an der Marktgasse führte er zu Beginn der 80er-Jahre das Dancing Swiss Chalet, wo für japanische Touristen auf Heuwagen gejodelt wurde und Künstler wie Ines Torelli, Stephanie Glaser oder Maja Brunner auftraten. Als in der Mata-Hari-Bar an der Langstrasse Travestieshows für Begeisterung sorgten, nahm sich auch Roger Pfändler dieses Genres an, um es zusammen mit den beiden Travestiekünstlern Thomas Kraus und Frank Bruse richtig bombastisch aufzuziehen. Kraus war Tamara, Bruse gab Marisa. Sie fungierten als Namensgeber und Queens des neuen Gay-Tempels.

«Das T & M war ein Versuchsbetrieb, der nur für 14 Monate angelegt war», sagt Thomas Kraus. Für die Zürcher Schwulen brachte die Eröffnung eine lang ersehnte Befreiung. Endlich hatten sie ein grosszügiges Refugium, ein bunt dekoriertes Flaggschiff, auf dessen Deck Tamara und Marisa jeden Abend bis nach Mitternacht auf High Heels und in atemberaubenden Kostümen auftraten. Zum ersten Mal, auch das ein Novum, durften hier bereits 16-Jährige in den Ausgang. An der Bar traf sich das gesamte gesellschaftliche Spektrum der Stadt. «Der Anwalt sass neben dem Polizisten, der Pfarrer neben dem Gefängniswärter, der Richter neben dem derben Ledertypen. Das machte die Welt des T & M aus. Die Zwänge der Gesellschaft, sie blieben draussen», erzählt Thomas Kraus, der sich mittlerweile aus dem Betrieb zurückgezogen hat.

Der Zeitgeist zog weiter

Verschämtes Flirten in der Schummerecke gab es hier nicht mehr. «Keiner unserer Gäste sass im Dunkeln herum. Wir sorgte für genügend Licht, sodass man jedes Gesicht genau erkennen konnte.» Im T & M lernten schwule Männer ein neues Selbstvertrauen. Doch auch vor dieser Oase machte die bittere Realität nicht halt. 1990 starb Frank Bruse alias Marisa an Aids. «Bis zuletzt wollte er, dass wir lachen und klatschen. Wir liessen uns die Lebensfreude nicht nehmen», erinnert sich Thomas Kraus, der als Tamara, die «Walküre vom Niederdorf», allein weitermachte.

Der Versuchsbetrieb mauserte sich rasch zum Unternehmen. Neben dem Club betrieb Roger Pfändler im selben Haus auch die Pigalle-Bar, darüber das Hotel Goldenes Schwert. Im Lauf der 90er-Jahre erwachte das Zürcher Nachtleben auch für Schwule aus dem Dornröschenschlaf. Das T & M erhielt Konkurrenz. 1993 startete das Labyrinth als Untergrundclub. Im selben Jahr sorgte das Deposit mit seinen schrillen Gay-Trance-Partys für Furore, auch im Aera ravten Kerle durch die Nacht. Das T & M drohte, den Anschluss an den Zeitgeist zu verlieren. 1999 stieg eine Frau in die Geschäftsleitung ein. Für Sigi Gübeli war diese Welt unbekanntes Terrain. «Aber vielleicht war das ganz gut», sagt sie heute. «Als Frau hatte ich es in einem homosexuellen Umfeld einfacher, mich durchzusetzen.» Das neue «Mami» des T & M hievte den Betrieb wieder auf die Höhe der Zeit. Im zweiten Stock wurde das Aaah! eingerichtet, ein Darkroom, in dem es härter zur Sache ging. Damit das düstere Labyrinth amtlich bewilligt wurde, einigte man sich auf den passenden Begriff «Ausstellungsraum».

Zeit der Online-Kontaktbörsen

Erstaunlicherweise hat das T & M auch die grösste Umwälzung in der Schwulenwelt ohne Besucherrückgang überstanden – das Internet. Online-Kontaktbörsen wie Gayromeo oder Grindr veränderten auch das Ausgehverhalten komplett. Männer müssen längst nicht mehr den Umweg in einen Club oder eine Bar auf sich nehmen, um einen Partner zu suchen. Das erledigen sie heute am Computer. Der Gang ins T & M wird zum unterhaltsamen Rahmenprogramm.

Dass die Institution trotzdem ans Ende gekommen ist, sieht Thomas Kraus überraschend rational. «Alles hat seine Zeit. Nach einem Vierteljahrhundert Schwulengeschichte ist der richtige Moment für eine Übergabe an Jüngere gekommen. Die Erinnerungen kann uns niemand nehmen.» Dafür wird auch der Dokumentarfilm «T & M» von Regisseur Oliver Brand sorgen. Nächstes Jahr kommt die Hommage in die Kinos.

Die Jubiläumsparty steigt diesen Donnerstag, ab 20 Uhr, Marktgasse 14. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.11.2012, 08:15 Uhr)

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