Zürichs teure Wohnungen gehen oft nur mit einem Zückerli weg

Ab 4000 Franken wird es schwierig. Was tun? Im Freilager zum Beispiel liess man sich etwas einfallen.

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Online-Inserate, individuelle Wohnungsführungen, ein Brief an die bestehenden Mieter mit der Bitte um Weiterempfehlung, Mietzinsreduktionen, mobile Werbetafeln – und sogar Velos mit Postern auf den Anhängern: Die Zürcher Freilager AG lässt kaum etwas unversucht, um ihre Wohnungen auf dem Areal des ehemaligen Zollfreilagers an die Frau und an den Mann zu bringen. Beworben werden insbesondere «Wohnungen im oberen Preissegment», wie Urban Henzirohs von der Besitzerin AXA Winterthur bestätigt. Ein Beispiel: Eine 4,5-Zimmer-Wohnung mit 171,3 Quadratmeter im obersten Stock der Rautitürme bekommt man aktuell für 4660 Franken monatlich brutto.

Velo-Werbung: Das Freilager sucht mit unkonventionellen Mitteln nach Mietern. Bild: Tages-Anzeiger

Auch andere Verwaltungen kennen das Problem. «Bei diesen Wohnungen herrscht ein deutliches Überangebot», sagt Matthias Holzhey, Immobilienexperte bei der UBS. Viele Vermieter würden sich darum mittlerweile mit einem «Zückerli» für die potenziellen Mieter behelfen. Das könne beispielsweise ein 1000-Franken-Einkaufsgutschein beim nahe gelegenen Möbelgeschäft oder der Erlass der ersten Miete sein. Oder wie in diesem Inserat ein Gutschein für die Wohnungsreinigung während der ersten drei Monate. Diese Willkommensgeschenke sollen eine Mietzinsreduktion verhindern, die je nach Liegenschaft zu einer Minderung des Buchwerts führen könne.

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Trotzdem: Kleinere Wohnungen und solche im tieferen Preissegment sind deutlich gefragter. Das zeigen die noch im Bau stehenden Wohnungen auf dem Labitzke-Areal. Hier ist bereits mehr als die Hälfte der Wohnungen vermietet – notabene ein Jahr vor Bezug. Feyza Ciritoglu, bei Bauherrin Mobimo verantwortlich für die Vermietung der Wohnungen, verweist vor allem auf die verhältnismässig kleinen und kompakten Wohnungen sowie die insgesamt moderaten Preise – Wohnungen über 3220 Franken Bruttomiete werden zurzeit keine angeboten. Zudem werde bei kleineren Wohnungen bis 3,5 Zimmer auf eine zweite Nasszelle verzichtet. «Es braucht für jeden Standort das richtige Produkt. Hier im Kreis 9 zielen wir eher auf eine junge, urbane Zielgruppe.»

Die Leute sind offenbar bereit, bei der Wohnqualität Abstriche zu machen, um sich das Wohnen in Zentrumsnähe leisten zu können.Matthias Holzhey, Immobilienexperte

Die kleineren Wohnflächen und die fehlende zweite Nasszelle seien bis vor wenigen Jahren noch ein No-go gewesen, sagt Immobilienexperte Holzhey. «Die Leute sind offenbar bereit, bei der Wohnqualität Abstriche zu machen, um sich das Wohnen in Zentrumsnähe leisten zu können.» Entspannen wird sich die Lage für die Vermieter nicht, sagt Holzhey – im Gegenteil. Die relativ hohe Bautätigkeit in der Stadt Zürich und zahlreiche Neubauprojekte in den Agglomerationen mit zumeist sehr guten Ausbaustandards würden den Konkurrenzkampf bei hochpreisigen Wohnungen weiter verschärfen.

«4-Zimmer-Wohnungen über 4000 CHF sind schwer zu vermieten, da hier einerseits eine starke Konkurrenz durch Eigentum besteht und andererseits der Anteil Haushalte mit genügend Einkommen relativ tief ist», sagt Holzhey. Zwischen 3000 und 4000 Franken gäbe es noch einen funktionierenden Markt – allerdings sei der Wettbewerb hier schon recht hart. Das bedeutet aber im Umkehrschluss nicht zwingend, dass die Mieter weniger tief in die Tasche greifen müssen.

Ansturm auf günstige Wohnungen

Im Juni des vergangenen Jahres bewarben sich Tausende für die Wohnungen in der städtischen Siedlung Kronenwiese. Video: Lea Blum

Trotz insgesamt leicht sinkender Marktmieten dürften die durchschnittlichen Mietzinsen in Zürich dennoch etwas ansteigen, sagt Holzhey. Dies, weil viele bestehende Mieten aktuell noch unter den Marktmieten lägen. «Im oberen Mietpreissegment in Zürich würde ich einen deutlichen Rückgang der Marktmieten von gegen 5 Prozent erwarten.»

Erfolgreiche Mietzinsreduktion beim Freilager

Nebst der intensivierten Werbung wurde im Falle des Freilagers im Februar eine Mietzinsreduktion für zwei Wohnungstypen im oberen Preissegment vorgenommen. Davon profitieren auch bereits bestehende Mieter. «Seit dieser einmaligen Reduktion haben wir 82 von 109 leer stehenden Wohnungen im Hochpreissegment vermieten können», sagt Henzirohs. Von einer Fehlplanung will er nichts wissen: «In diesem Preissegment dauert es eine gewisse Zeit, wenn mehrere Wohnungen gleichzeitig auf den Markt kommen. Mit dem aktuellen Vermietungsstand zeigt es sich, dass grosse Wohnungen – auch im oberen Segment – gefragt sind.» Die Mietzinssenkungen und die zusätzlichen Werbemassnahmen führten zudem nicht über die ursprüngliche Budgetplanung hinaus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2017, 12:07 Uhr

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