Zürichs weibliche Seite

Was die Geschichte der Frauen anbelangt, hält Zürich noch einige Überraschungen bereit. Ursina Largiadèr vom Verein Frauenstadtrundgang weiss wo.

Frauen unter sich: Die Co-Präsidentin des Vereins Frauenstadtrundgang Zürich, Ursina Largiadèr, neben der «Schreitenden» am Sechseläutenplatz.

Frauen unter sich: Die Co-Präsidentin des Vereins Frauenstadtrundgang Zürich, Ursina Largiadèr, neben der «Schreitenden» am Sechseläutenplatz. Bild: Sabina Bobst

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Zürich lässt sich auf schier unendliche Art und Weise mit Stadtführungen erkunden. Es gibt die «Food Tour» für Feinschmecker, die «Love Stories» für Verliebte oder «Money, Money, Money» für jene, die den Spuren des Geldes in der Bankenstadt folgen wollen, um nur drei Varianten zu nennen, die derzeit im Angebot stehen.

Und dann gibt es da noch die Frauenstadtrundgänge, die mit Themen wie «Das Recht der Weiber», «Frauen zwischen Lust und Laster» oder «Arbeiterinnen in Aussersihl» Entdeckungsreisen in die Geschlechterhistorie der Stadt ermöglichen. «Wir wollen die weibliche Geschichte von Zürich sicht- und erlebbar machen und versuchen mit unseren Rundgängen im wahrsten Sinne des Wortes neue Wege zu beschreiten», sagt die Co-Präsidentin des Vereins Frauenstadtrundgang Zürich, Ursina Largiadèr.

25 Jahre auf den Spuren der Frauen

In diesem Jahr feiert der Verein sein 25-Jahr-Jubiläum. Ans Aufhören denkt niemand. Genderspezifische Veranstaltungen dieser Art seien nach wie vor wichtig, sagt Largiadèr. «Wie tief sich historisch gewachsene Strukturen festsetzen, zeigt sich allein beim Thema Kinder- und Patientenbetreuung: Wie bereits vor hundert Jahren werden hierzu Migrantinnen ins Land geholt, weil sie für weniger Geld arbeiten.» Der Verein will sein Jubiläum zum Anlass nehmen, um auf solche, noch immer aktuelle Aspekte der Geschlechtergeschichte aufmerksam zu machen.

Largiadèr arbeitet seit 1998 für den Verein – damals noch als Studentin. In dieser Zeit hat die heute 44-Jährige viele der 17 Stadtrundgänge mitgestaltet, welche der Verein derzeit im Portfolio hat. Anfangs musste sich der Verein noch dafür rechtfertigen, dass die Rundgänge etwas kosten. «Ein klassisches Genderproblem», sagt Largiadèr. «Hätten Männer die Veranstaltungen durchgeführt, wäre die Bezahlung selbstverständlich gewesen.» Von den Einnahmen kann trotzdem keine der Mitarbeiterinnen des Vereins leben. «Unsere Bezahlung ist fernab von marktüblichen Löhnen, und auch die Finanzierung ist alles andere als einfach», sagt die Co-Präsidentin.

Inzwischen hat die Historikerin Largiadèr weit über 100 Frauenstadtrundgänge geleitet. Für den «Tages-Anzeiger» hat sie drei Orte herausgepickt, die aus Gendersicht besonders spannend sind:

  • Die Frauenfreizeitstatue:
    «In Zürich herrscht eine männliche Denkmalkultur. Skulpturen von Frauen sind dekorativer Schmuck oder anonyme Allegorie – und meist nackt. Ein Beispiel dafür ist ‹Die Schreitende› des Zürcher Künstlers Otto Charles Bänninger beim Sechseläutenplatz. Wir nennen sie vereinsintern unsere Frauenfreizeitstatue, denn sie hat eine schillernde Geschichte. Die dargestellte Dame hiess Giuditta Tommasi. Sie kam in den 1930er-Jahren aus bescheidensten Verhältnissen aus dem Rheintal nach Zürich. Sie stand Modell für die Boheme jener Zeit und gelangte so in gehobene Kreise, was ihr schliesslich ermöglichte, ihre Passion für den Reitsport auszuleben. An Damenrennen gewann sie mehrere Preise. Tommasi war somit eine Frau, die gemacht hat, was sie wollte – was zu jener Zeit völlig untypisch war.»

  • Stramme und schwache Tote:
    «Ein Besuch des Friedhofs Sihlfeld ist auch aus genderspezifischer Perspektive sehr spannend. Das Sprichwort ‹Der Tod macht alle gleich› trifft nämlich nicht zu. Die unterschiedlichen Bilder bleiben über den Tod hinaus haften. Während Männer auf Grabmälern als athletische Jünglinge mit aufrechtem Blick ins Jenseits oder als Abbild des Verstorbenen als eigentliches Grabdenkmal dargestellt werden, sind Frauen in passiv trauernder Haltung als ‹schwaches Geschlecht› verewigt. Ähnlich sieht es übrigens auch bei den Todesanzeigen aus: Formulierungen wie ‹Er hat bis zum Schluss gegen die tückische Krankheit gekämpft› stehen Sätzen wie ‹Sie ertrug in stiller Geduld die schwere Krankheit› gegenüber.»

  • Fromme Weberinnen:
    «Das verwinkelte Oberdorf in der Zürcher Altstadt ist ein Gebiet, das die meisten kaum kennen, aber unbedingt einen Besuch wert ist. In einem Haus ganz oben an der Trittligasse 34 lebte im Mittelalter eine Beginengemeinde. Beginen sind Frauen, die fromm und ehelos leben, ohne einem Orden anzugehören. Mit Webarbeiten haben sie sich ihren Lebensunterhalt verdient. Das ist insofern erstaunlich, als Textilarbeiten damals den Zünftern vorbehalten waren. Die Beginen waren somit die einzigen Frauen der Stadt, die mit Erlaubnis der Zünfter weben durften.»

Zum 25-Jahr-Jubiläum begibt sich der Frauenstadtrundgang Zürich auf die Spuren von Kunst, Gender und Geschlecht von Dada bis heute. Premiere ist am 4. Juni. Den Saisonauftakt macht der Verein bereits am 23. April mit dem Rundgang «Bibel und Bestseller». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 13.03.2016, 17:05 Uhr)

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