Zum Abschied von Eric Baumann
Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 25.08.2009
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Eric Baumann, in Luzern aufgewachsen, studierte in Bern Volkswirtschaft und arbeitete während und nach dem Studium als Journalist unter anderem für den «Bund», die «Berner Tagwacht» und «Moneycab». Mit knapp 33 Jahren zog er nach London, um von dort als Wirtschaftskorrespondent für den «Tages-Anzeiger» zu schreiben. Da, mitten im Leben, wurde er mit der Diagnose Hirntumor konfrontiert.
Eric Baumann machte nie ein Geheimnis aus seiner Krankheit. Er ging, ganz im Gegenteil, von Anfang an sehr offensiv mit der Schicksalswende um und machte seine Krankheit auch zum öffentlichen Thema. Er schrieb in verschiedenen Medien - unter anderem im «Magazin» - über seinen Alltag mit dem Krebs, trat in Fernsehsendungen auf und publizierte Ende letzten Jahres im deutschen Lübbe-Verlag sein Buch «Einen Sommer noch - Mein Leben mit der Diagnose Hirntumor». Spätestens seither ist er im In- und Ausland bekannt.
Eric Baumanns offener Umgang mit der Krankheit war erfrischend. Er hat trotz des Tumors mit bewundernswerter Energie intensiv und lustvoll gelebt - zusammen mit seiner Partnerin Alice. Seine einnehmende, warme Art hat einen riesigen Kreis von Menschen berührt.
Lieber Eric
Du warst der beste Bruder, den ich mir wünschen konnte. Wie wir als Kinder miteinander spielten, es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen. Wie wir uns beide sträubten, wenn wir jeden Sonntag mit den Eltern wandern gehen mussten. Wie wir beide als Teenager ein Musikmagazin publizierten und damit sozusagen Geschäftspartner waren.
Jahre später, wenn ich Rat von Dir brauchte, warst Du jederzeit für mich da. Dein Dasein war eine Bereicherung für die ganze Familie! Deine offene, liebenswürdige Art war einmalig. Selbst in Momenten, wo Du unter Deiner Krankheit stark leiden musstest, hast Du stets ein offenes Ohr für die Probleme der anderen gehabt.
Auch in den schwierigsten Zeiten hast Du Deinen Humor nicht verloren. Wie Du mit der schlimmen Diagnose umgegangen bist, hat mich tief beeindruckt.
Eric , an Heiligabend vor einem halben Jahr hast Du, angesprochen auf Deine Situation, gesagt, wie schade es wäre für Dich, schon so früh gehen zu müssen. Schlimm wäre es aber vor allem für uns, die mit der Trauer zurückbleiben müssten. Eric , wir vermissen Dich so sehr, aber Du lebst in uns weiter. Dein Bruder.
Dominik Baumann , Bruder, Fotograf
Der Tanz der «Dudos»
Als wir uns 1999 an der Journalistenschule kennen lernten, ass Eric faden, braunen Reis und rauchte Bio-Zigaretten. Wir nannten uns «Dudo», zusammen waren wir die «Dudos». Wir wurden beste Freunde. Wir haben mit der Sprache gespielt wie Kinder mit Bauklötzen. Wir sind durch Zürichs Elektro-Keller getanzt und um die Welt gereist. Nächtelang haben wir gelacht und geredet, manchmal gar die gleiche Frau geküsst, aber nacheinander, meistens.
Eric liebte die Popkultur nicht nur, er lebte sie. Am Abend vor seiner zweiten Hirnoperation drängte er uns, Tickets für ein «Dan le sac»-Konzert zu besorgen. Und so wippte Eric dann strahlend auf der Tanzfläche, mit einem Stapel Spitalbürokratie unter dem Arm, die er hat unterschreiben müssen, damit die Ärzte ihn gehen liessen.
Wie er am letzten Freitag aus der Pathologie geschoben wurde - in einem weissen Rüschenhemd und einer weissen Fliege: Wäre er nicht schon tot gewesen, Eric hätte sich totgelacht. Er hätte gegluckst, und seine Lippen hätten sich gekräuselt. Jetzt liegt er da, aufgebahrt, in einem knallroten T-Shirt, und noch immer hat er diese verschmitzte Miene, als ob er gleich die Augen öffnen und sagen würde: «Ätsch, reingelegt!»
Eric brachte Menschen zusammen, er war ein brillanter Gastgeber und Geschichtenerzähler. Ein Superhirn mit einem scharfen Auge für Details. Das Archiv einer Zeit, das Archiv einer Freundschaft, mein allerbester Freund. Er fehlt. Es bricht mir das Herz.
Christof Moser, bester Freund, Journalist
Sein längster Sommer
Im Frühjahr 1996 tauchte Eric in den südländischen Lifestyle ab, als er in Amsterdam mit einigen Portugiesen eine Wohnung teilte. Seine Lebensgrundsätze hatten etwas Religiöses - sein Essen, seine Musik, sein Bier. Bald waren wir alle auch Vegetarier und Weizenbiertrinker und verehrten «seine» Musik. Mit seinem Zauber eroberte er dann auch in Lissabon die Einheimischen. Er lockerte seine strengen «Schweizer» Regeln, und unser Laisser-faire wurde zu seinem Antrieb. Er war grossartig im kulturellen Geben und Nehmen.
Wir gaben ihm das kleine Lissabon, und er verwandelte es in eine Metropole mit tausend Wohnzimmern. Eric wurde zur Solarzelle, die Selbstverständliches strahlen liess; unsere Gewohnheiten, unsere Sprache. Die Sonnenuntergänge über der Brücke, der Strand (den er «Ozean» nannte), die vegetarischen Festessen und die epischen Partys waren für ihn und uns gleichermassen inspirierend.
Letzten Freitag dachte ich daran, wie wir glaubten, dass er für immer bleiben würde. Doch er musste gehen. Wie im brasilianischen Song «Águas de Março, fechando o Verão» war ein langer Sommer zu Ende gegangen, und er gab seinem Land, das er nie wirklich verlassen hatte, noch eine Chance. Aber auch uns hat er nie wirklich verlassen.
Luís Rego, Journalist, Freund aus Portugal
Fragen über Fragen
Eines hat mich an Eric gleich vom Moment an beeindruckt, als er in der Wirtschaftsredaktion das Dossier Telekommunikation und Informationstechnologie übernahm. Selbst an die kleinsten Aufgaben ging er mit Systematik und Akribie heran. Wo andere Journalisten sich auf ihr Gespür verlassen und die Geschichte im Schreiben entwickeln, arbeitete Eric mit einem beinahe wissenschaftlichen Ansatz. Seine Gesprächspartner spürten das, indem er sie mit Fragen löcherte, bis er auf alles eine Antwort bekommen und alles verstanden hatte. Die Leser merkten es, indem sie nie Texte mit Knalleffekten vorgesetzt erhielten, sondern stets dichte, fundierte Berichte.
Diese Qualitäten machten Eric auch zum idealen Redaktor, um «Die Frage» zu betreuen. Begeistert hat er sich nach Ausbruch seiner Krankheit daran gemacht, der täglichen Rubrik ein Gesicht zu geben. Er verfasste Hunderte von Beiträgen, redigierte und koordinierte aber auch die von Kollegen. Ihm ist es zu verdanken, dass die Rubrik bis heute nie langweilig wurde. Dank Erics systematischer Arbeitsweise, umsichtiger Planung sowie riesigen Engagements wurde aus «Die Frage» ein Buch, ein Bestseller notabene.
Eric war zu Recht stolz auf «seine Frage». Und es war ihm ein Anliegen, dass die Rubrik auch ohne ihn weiter geführt wird. Das werden wir auch tun. Keine Frage.
Stefan Eiselin, Mitglied der Chefredaktion Tagesanzeiger.ch/Newsnetz. Er leitete zuvor das TA-Wirtschaftsressort (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.08.2009, 13:19 Uhr



