Zur englischen Perfektion fehlt den Zürcher Pendlern nicht viel

Aktualisiert am 02.09.2010 21 Kommentare

Ein Augenschein im HB beweist: Die Pendlerregel «Links gehen, rechts stehen» wird fast von allen befolgt. Doch diese zivilisatorische Leistung will erkämpft werden, meint Tagesanzeiger.ch-Redaktor Christoph Landolt.

Alles geht – bis einer stehenbleibt.
Video: Video: Christoph Landolt

Hätte die Schweiz ein London, dann würde es Zürich heissen – zumindest was das Schlangestehen betrifft. Was in der kleinen Stadt an der Limmat eine Errungenschaft neueren Datums ist, ist den Bewohnern der grossen an der Themse schon vor Generationen ins Blut übergegangen: Schlangestehen. Die Engländer gelten völlig zu Recht als Weltmeister in dieser Disziplin, die eine der höchsten zivilisatorischen Leistungen darstellt. Eine ordentliche «Queue» verlangt Disziplin, Empathie und Sinn für Effizienz – und duldet kein Abweichen.

Vor einigen Jahren haben die SBB begonnen, im stark frequentierten Zürcher HB die Pendlerströme zu entflechten und auf den Rolltreppen zwei Schlangen einzuführen, eine stehende und eine gehende. Der Maxime «Links gehen, rechts stehen» sollte mit gelben Fussabdrücke auf den Stufen zum Durchbruch verholfen werden. Weil die längst verblichen sind, stellten die SBB vor kurzem Tafeln mit der selben Botschaft auf, «im Sinne einer Erinnerung», wie Sprecher Daniele Pallecchi erklärte.

Ein Augenschein im morgendlichen Pendlerverkehr zeigt: Die Regel wird befolgt. Die Uneiligen stellen sich auf die rechte Seite, links hasten jene vorbei, die knapp dran sind. «In Zürich funktioniert es wirklich ganz gut», bilanziert auch Pallecchi. Anders in anderen Städten: In Basel etwa wird auf sämtlichen Rolltreppen konsequent gestanden. In Bern reichte ein SP-Parlamentarierin gar einen Vorstoss ein, um Bewegung auf die Rolltreppen zu bringen.

Doch die Perfektion der Londoner Art hat Zürich noch nicht erreicht. Man muss die Rolltreppen im HB nicht allzu oft benutzen, um mit Linksstehern zusammenzuprallen. Die Motive der Abweichler, die den Pendlerstrom verstopfen, unterscheiden sich:

  • Zufällige Nicht-Zürcher (Touristen und Ortsunkundige) kennen den Zürcher HB nicht. Weil sie Regeln grundsätzlich unterstützen, reagieren sie peinlich berührt, wenn sie sich bewusst werden, dass sie im Weg stehen.
  • Überzeugte Nicht-Zürcher beehren den HB nur, wenns unbedingt nötig ist. Die Hektik in der Stadt finden sie bedrohlich. Mit Linksstehen demonstrieren sie den Städtern, wie viel unkomplizierter man zuhause auf dem Land ist.
  • Städter des Typs «Zürich ist so kleinkariert» geben vor, sehr locker zu sein. Jene, die den Reichtum ihrer Stadt erarbeiten, verachten sie zutiefst. Linksstehen wird bei ihnen zum politischen Statement, zum willkommenen Sand im Getriebe der Leistungsgesellschaft.
  • Städter des Typs «Was luegsch mich aa, Mann» stehen aus dem gleichen Grund links, wie sie Kampfhunde halten. Sie wollen sich einen Platz in der Hackordnung der Stadt sichern, indem sie grundsätzlich tun, was den andern nicht passt.

In der Eigenschaft, Linkssteher zu tolerieren, offenbart sich immer wieder die schweizerische Gewohnheit, dem Nachbarn nicht dreinreden zu wollen. Um im Schlangestehen britische Meisterschaft zu erreichen, fehlt in Zürich nur die Einsicht, dass einige Regeln das Zusammenleben einfacher machen. Und den Mut, dafür einzustehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 02.09.2010, 10:24 Uhr

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21 Kommentare

Markus Altdorfer

02.09.2010, 11:33 Uhr
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Ich wuchte die Leute einfach weg. In dieser rücksichtslosen und egoistischen Welt verstehen leider viele Leute nur noch diese Sprache. Man ist sich selbst der Nächste! Das Wegwuchten ist aber nur in Zürich nötig. Zum Glück... Antworten


Andraas Grossman

02.09.2010, 10:57 Uhr
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Kann ich nicht nachvollziehen, am Abend schaffen es die ersten 3, 4 die aus der Uetlibergbahn aussteigen "durchzurennen", dann steht so ein Vollpfosten im weg, und der dahinter traut sich nicht, den aus dem weg zu schieben -> die ganze Rolltreppe steht... Antworten



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