Zwei Tierärzte kastrieren die Liebsten der Randständigen

Das Tierarztpaar Katharina und Mauro Petracca operiert einmal im Monat Katzen und Hunde von Menschen auf der Gasse – im Vet-Mobil, mitten im Kreis 4.

Aus der ehemaligen Ambulanz ist ein rollender Tierspital geworden: Mauro und Katharina Petracca entfernen dort Tumore, Eiterzähne oder Hoden.

Peter Lauth

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Hinterhof der Anlaufstelle Sunestube der Sozialwerke Pfarrer Sieber steht ein kleiner Spital auf vier Rädern. In der ehemaligen Ambulanz liegt eine narkotisierte Mischlingshündin rücklings auf dem Operationstisch, die Beine sind festgebunden, die Zunge hängt schlaff zur Schnauze heraus. Mauro Petracca reicht seiner Frau Katharina das Messer. Sie schneidet die Bauchdecke auf, ortet die Eierstöcke, trennt diese ab und näht die Wunde zu. Nach dem letzten Stich entfernt Mauro Petracca den Narkoseschlauch, streichelt der Hündin über den Kopf, hebt sie auf und trägt sie in die Sunestube, wo sie die Betriebsleiterin Mirjam Spring in Empfang nimmt und auf eine Matte bettet. Sie überreicht dem Tierarzt die nächste Patientin: Eine zitternde Yorkshire-Hündin in einer falschen Burberry-Tasche. Auch sie soll kastriert werden.

Einmal im Monat fahren Katharina und Mauro Petracca mit ihrem Vet-Mobil vom Bündnerland an die Langstrasse, um Katzen und Hunden einen Tumor, Eiterzahn oder die Eierstöcke respektive Hoden zu entfernen. Den Anstoss zu ihrem Engagement gab ein Vortrag von Pfarrer Ernst Sieber im Rotary-Club Zürich Glattal, bei dem Katharina Petracca Mitglied ist. Sie fragte den Obdachlosen-Pfarrer, ob er Bedarf für zwei Tierärzte hätte – dieser bejahte.

14 Kampfhundwelpen – 14 Probleme

Das Ehepaar stellt Zeit und Knowhow zur Verfügung, die Medikamente finanziert der Rotary-Club Zürich Glattal. Mit ihren Operationen ergänzen die Petraccas die Arbeit des Gassentierarztes. Die häufigsten Eingriffe sind Kastrationen, zu denen die Leiterin der Sunestube und der Gassentierarzt den Besitzern raten. «Wir möchten damit jungen Tieren ein miserables Schicksal ersparen.» Manchmal gehe es auch darum, zukünftiges Unheil zu vermeiden, wie beispielsweise bei der Kastration einer Rottweiler-Hündin, die von einem Kampfhund geschwängert worden war. «Diese 14 Welpen wären zu 14 Problemen geworden.»

Kampfhundbesitzer zu überzeugen, ihre Status-Symbole zu kastrieren, sei nicht einfach, sagt die Sunestube-Leiterin Mirjam Spring. Bei der Betreuung und Pflege der Tiere bleibe immer der Mensch im Vordergrund. «Umso wichtiger ein Tier seinem Halter ist, umso ernster müssen auch wir es nehmen.» Für viele Randständige sei das Haustier ein wichtiger Partner.

Während Katharina Petracca dem Yorkshire-Hündchen den Bauch rasiert und mit Betadine einreibt, erzählt sie von den Schicksalen der Tierbesitzer, die meist verborgen bleiben. So liessen die langen Krallen des Hündchens vermuten, dass dieses kaum aus der kleinen Wohnung herauskomme. Und der Grossvater, der das Mädchen mit dem ersten Hund begleitet habe, sei wohl auch nicht ihr Grossvater. Petracca ist selbst an der Langstrasse aufgewachsen und ist froh, über die Vierbeiner auch den Zweibeinern helfen zu können. «Ich schätze es auch, zur Abwechslung nicht gegen Geld zu arbeiten.»

Die Kastration eines Hundes dauert etwa eine Stunde und kostet regulär gegen 700 Franken. Bei den Petraccas zahlen die bedürftigen Tierhalter so viel, wie sie können. Manchmal finanziert das den Tierärzten die Fahrt zurück in die Berge.

Nachdem das Tierarztpaar mit einigen präzisen Schnitten zwei Kater kastriert hat, schauen sie nach den ersten beiden Patienten in der Sunestube. Der Mischling ist bereits abgeholt worden und das Yorkshire-Hündchen blinzelt schon wieder aus der falschen Burberry-Tasche. Die Besitzerin streichelt es liebevoll und erzählt der Tierärztin von ihrem ständigen Kopfweh. «Am besten, Sie schlafen beide etwas», rät diese.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2008, 22:06 Uhr

TA Marktplatz

Blogs

Nachspielzeit Aber natürlich ist das völlig absurd

Geldblog Hypothek reduzieren und Steuern sparen

Die Welt in Bildern

Männchen machen für einen Heiligen: Auf den Hinterbeinen bahnen sich Pferd und Reiter ihren Weg durch die Menschenmenge in Ciutadella auf der spanischen Insel Menorca. Das ist Brauch während des San-Juan-Fests – und wer die Brust des Tieres streicheln kann, soll vom Glück gesegnet werden. (23. Juni 2017)
(Bild: Jaime Reina) Mehr...