Zürichs grüne Oasen verschwinden

120 Familiengärten müssen dem geplanten ZSC-Stadion weichen, 79 einem Schulhaus in Albisrieden und 170 für die Renaturierung der Limmat. Jetzt fordern Kritiker Schutzzonen für die Gärten.

Hobbygärtner bei der Arbeit: Die Pächter der Landparzellen fühlen sich immer mehr von Neubauten bedroht.

Hobbygärtner bei der Arbeit: Die Pächter der Landparzellen fühlen sich immer mehr von Neubauten bedroht. Bild: Keystone

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Ob Tomaten auf dem Balkon, gemeinsam bepflanzte Hochbeete auf städtischen Plätzen oder der altbekannte Schrebergarten: Urbanes Gärtnern liegt bei Zürchern im Trend. Doch nun nimmt ausgerechnet der Druck auf die traditionellen Familiengärten zu. Aktuelles Beispiel: Das geplante Stadion für die ZSC-Lions auf dem Vulkan-Areal in Altstetten. Um die Eishockey-Arena zu realisieren, müssen 120 der 320 dort ansässigen Gärten verschwinden. Seit die Verantwortlichen ihr Bauvorhaben wieder forcieren, sind auch die Hobbygärtner wieder in Kampfstimmung.

«Wir sind klar gegen dieses Stadion», sagt Robert Kümin, Vizepräsident des Familiengartenvereins Altstetten-Albisrieden. Er kündigt an, den Vorstand politisch stärker zu vernetzen. «Kommt es zu einer Volksabstimmung, werden wir das Stadionprojekt mit allen Mitteln bekämpfen.»

Kein eigenes Häuschen mehr möglich

Die Stadt Zürich hat den Hobbygärtnern im Dunkelhölzli am Siedlungsrand in Altstetten einen Ersatz angeboten. Sie plant dort allerdings keine individuellen Parzellen, sondern ein Kleingartenareal mit verschiedenen neuartigen Gartenformen. «Auf den Flächen im Dunkelhölzli kann es auch Familiengärten geben, mehrheitlich sind diese aber als sogenannte Fruchtfolgeflächen ausgeschieden», sagt Marc Werlen von Grün Stadt Zürich. Eine Infrastruktur, die ein klassisches Familiengartenareal mit sich bringt, ist auf einer Fruchtfolgefläche nicht möglich, so Werlen. In solchen Zonen sind beispielsweise Gartenhäuschen nicht mehr erlaubt. Werkzeuge und Gartenzubehör werden an einem zentralen Ort gelagert. Kümin: «Das ist doch kein richtiger Ersatz. Für viele unserer Pächter ist ein Garten ohne dazugehöriges Häuschen unvorstellbar.» Kümin ist skeptisch. «Da sind noch einige Fragen ungeklärt. Wer schaut zum Beispiel in diesen Gemeinschaftsgärten nach Ruhe und Ordnung?»

Vorsorglich habe sich sein Verein für eines der städtischen Gemeinschaftsareale im Dunkelhölzli beworben, aber Kümin bleibt skeptisch. Er glaubt nicht, dass viele seiner Vereinsmitglieder von diesem Zügelangebot profitieren werden. «Zudem finden sowieso nicht alle 120 vom Stadionbau Betroffenen dort Platz.» Er befürchtet vielmehr, dass nicht wenige ihr Hobby für immer an den Nagel hängen werden, da der Umzug ins Dunkelhölzli keine wirkliche Alternative zum jetzigen Standort ist.

«Natürlich wehren wir uns»

Tatsache ist: Familiengärten im altbewährten Stil gibts auf Stadtboden immer weniger. Ein weiteres Beispiel ist das Freilager-Areal in Albisrieden. Dort will die Stadt ein neues Schulhaus bauen, in dem einst 350 Kinder unterrichtet werden. Damit diese Anlage realisiert werden kann, müssen die Gärten zwischen Bachwiesenstrasse, Freilagerweg und Flurstrasse aufgehoben werden.

«79 Gärten werden wegen des Schulhauses verschwinden», bestätigt Jolanda Marchetti, Vizepräsidentin des Familiengartenvereins Aussersihl. Ersatz sei ihnen bis jetzt nicht angeboten worden. «Natürlich wehren wir uns, man muss ein Zeichen setzen», sagt sie, «wir haben eine Petition für den Erhalt der Gärten gestartet und sammeln jetzt Unterschriften.»

Bald wird es auch in Zürich-Nord weniger Familiengärten geben. Die Stadt plant auf dem Areal Thurgauerstrasse West neue Wohnungen für 2000 Menschen. Auf dem Gelände befinden sich entlang der Thurgauerstrasse zahlreiche Gärten, die wegen der neuen Wohnsiedlung aufgehoben werden müssen.

Aber Wohn-, Schulhäuser und Stadien sind nicht immer die Gründe für das Gartensterben. Beim Schlieremer Betschenrohr will der Kanton Zürich das Limmatufer wieder in den natürlichen Zustand zurückversetzen. Damit die Renaturierung gelingt, müssen 170 Schrebergärten geopfert werden. Der Vereinsvorstand hat auch in diesem Fall angekündigt, für Ersatzparzellen zu kämpfen.

Gärten werden an den Siedlungsrand gedrängt

«Für Menschen mit einem grünen Daumen ist die Entwicklung frustrierend. Gerade in grossen Städten wie Zürich oder Bern stehen die Familiengärten unter starkem Druck», sagt Walter Schaffner. Der Präsident des Schweizerischen Familiengärtner Verbandes weiss warum: «Überall werden die grünen Flächen für Neubauten gebraucht, weil die Städte wachsen.» Die Folge sei, dass die Ersatzareale, falls es solche überhaupt gibt, an den Stadtrand gedrängt werden. «Keinesfalls ideal. Sie sind weniger gut zugänglich, oft braucht man ein Auto, um sie zu erreichen», so Schaffner.

Für ihn geht diese Entwicklung in eine falsche Richtung. Es sei zwar so, dass meistens die Stadt die nötigen Flächen gegen Pacht zur Verfügung stelle, aber die Menschen in den Städten würden sich zunehmend Sorgen machen, wenn immer mehr Grünraum zugunsten von Neubauten verschwinde. Was dagegen tun? «Wir setzen grosse Hoffnungen in die Revision des Raumplanungsgesetzes. Familiengärten gehören endlich in eine geschützte Zone. Es braucht ein einheitliches Gesetz, denn bis jetzt kann jeder Kanton machen, was er will», sagt Schaffner. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.09.2015, 11:46 Uhr

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