Aus dem Weg!

Der Bus hält in Zürich vor dem Fussgängerstreifen selbst dann, wenn die Situation eher peinlich ist. Das Postauto ist ganz anders unterwegs.

Hier geht es um die Kurve und dann geradewegs raus aus der Stadt: Postauto auf der Birmensdorferstrasse in Zürich-Wiedikon. Foto: Doris Fanconi

Hier geht es um die Kurve und dann geradewegs raus aus der Stadt: Postauto auf der Birmensdorferstrasse in Zürich-Wiedikon. Foto: Doris Fanconi

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Eine der nobelsten Aufgaben dieser Zeitung ist es, die gegenseitige Würdigung der Verkehrsteilnehmer angemessen abzubilden. Kritiker schnöden, das sei so konstruktiv wie das böse Kinderspiel, Spinnen, Ameisen und Fliegen aufeinander loszulassen. So ein Quatsch. Uns geht es um Verkehrspolitik. Da gehört es zu den Grundlagen, dass Velofahrer Idioten sind und Autofahrer Armleuchter. Und erst diese sadistischen Tramfahrer mit dem Türschalter. Von den Inlineskatern fangen wir bitte gar nicht erst an, sonst vertippen wir uns noch.

Trotz aller journalistischen Gewissenhaftigkeit gibt es in der Stadt Zürich noch ein Verkehrsmittel, das sich der Berichterstattung bisher entzogen hat: das Postauto. Vielleicht liegt das daran, dass es der Städter instinktiv ausblendet. (Wie er auch ein Murmeltier als beunruhigende Erscheinung ausblenden würde, das man hier ja auch nicht erwartet.) Vielleicht liegt es aber auch am flüchtigen Naturell des Postautos, das sein herausragendes Merkmal ist: Es fährt einfach durch, ohne zu bremsen.

Hier muss zunächst etwas über Fussgängerstreifen gesagt werden: Wenn da jemand steht, haben die Motorfahrzeuge anzuhalten. Steht so im Gesetz. Einzige Ausnahme ist das Tram, und auch das nur deshalb, weil sein Bremsweg so lang ist, dass korrektes Verhalten oft zu medizinisch schwer zu korrigierenden Ergebnissen führen würde. Keine solche Sonderregel gibt es für die blau-weissen Busse der VBZ. Ihre Fahrer sind so versessen darauf, korrekt zu handeln, dass sie selbst dann auf die Bremse treten, wenn man nur zufällig vor einem Fussgängerstreifen eine Zigarette anzündet. 150 Augenpaare verdrehen sich dann hinter den Scheiben, und es bleibt einem nichts anderes übrig, als die Strasse zu überqueren. Sonst wird die Situation für alle nur noch peinlicher. Wer solche Missverständnisse vermeiden will, muss sich demonstrativ von der Strasse abwenden – und in Kauf nehmen, dass nun alle glauben, man sei ein Sauhund, der an die Hauswand pinkle.

Das Postauto wirkt im Vergleich mit dem braven Bus wie der verhaltensauffällige Cousin. Was auch etwas Gutes hat: Peinliche Situationen bleiben einem erspart, wenn man in den Luftwirbeln des ungebremst vorbeirauschenden gelben Wagens am Strassenrand steht. Dass Postautos am Fussgängerstreifen nicht halten, ist das Ergebnis einer persönlichen Langzeitstudie am Ende der Birmensdorferstrasse. Auf dieser Einfallachse, die vom Triemli in gerader Linie bis Wiedikon führt, teilen sich fünf Postauto-Kurse das Trassee mit Tram und Bus – man hat dort den direkten Vergleich. Der Vollständigkeit halber: Der Leiter der Zürcher Postautos, der am anderen Ende der Strasse wohnt, kann unsere Ergebnisse nicht bestätigen. Allerdings fällt selbst Postauto-Fahrern auf, dass auf dieser Strecke zügig gefahren wird, vor allem stadteinwärts. Wir lassen das mal so stehen und suchen nach Erklärungen für das Phänomen:

1. Der Aargau

Mit Unglauben registrieren Zürcher, wie im Aargau über den ersten fixen Blechpolizisten gestritten wird. Wer in einem solchen Kanton sozialisiert wird, hat am Steuerrad ein anderes Selbstbewusstsein als die eingebremsten Zürcher. Und woher kommen wohl mehrere Postauto-Kurse, die in die Stadt fahren? Und wo steht ihre Garage? Dass wir bei Stichproben auf dem Fahrersitz keine Aargauer getroffen haben, wirkt nur bedingt entlastend. Denn da sassen dafür Deutsche oder Walliser, die beide nicht gerade für zurückhaltendes Fahren bekannt sind.

2. Die Verschwörung

Die Bürgerlichen wissen es schon lange: In Zürich werden Velos und Fussgänger eingesetzt, um Autos zu bremsen. Politisch lässt sich da wenig machen, also schickt man aus den Landgemeinden eine Geheimwaffe los: Das Postauto macht am Fussgängerstreifen den Weg frei, und motzen kann keiner, ist ja ÖV. Jetzt muss man nur noch wissen, dass einer der Kurse aus Oberwil-Lieli kommt. Wir sagen nur: Andreas Glarner.

3. Die Blase

Postautos kommen von weit her und sind wegen Baustellen oft verspätet, wenn sie die Stadt erreichen. Und die sechs, sieben Minuten Pause, die der Fahrer am Ziel für die Zigarette und den Gang aufs WC hat, sind ohnehin knapp.

4. Die Tradition

Erinnern Sie sich an Rudolf Kollers Gemälde von der Gotthardpost? Und an das Kalb davor? Noch Fragen?

5. Die Signale

Das Postauto benutzt die Tramspur in der Mitte der Strasse, fast eine Autobahn. Stadteinwärts sind die Fussgängerstreifen in diesem Bereich zunächst nicht durchgezogen, dann ändert sich das plötzlich. Schon etwas verwirrend.

6. Die Biologie

Gelb-Schwarz ist in der Natur die beliebteste Kombination von Warnfarben. Weil man sie auch bei schlechten Lichtverhältnissen noch sieht. Und haben Sie schon mal eine Wespe bremsen sehen?

7. Der Stadtverkehr

Postautos sind im Schuss. Beleg Nr. 1: Ein Billett kann man beim Fahrer erst lösen, wenn die Stadtgrenze erreicht ist – zu gross ist der Druck, dass von hinten ein Tram nahen könnte. Beleg Nr. 2: Weil das Postauto weniger Stopps hat als das Tram, fährt es zunächst hart auf dieses auf und überholt es dann an der Haltestelle rechts. Vielleicht spielt da auch die Panik des Landbewohners im Stadtverkehr mit: bloss weg hier.

Wie dem auch sei: Wir fordern ab sofort vor jedem Fussgängerstreifen den Einsatz des berühmten Dreiklanghorns. Dann wird es auch endlich etwas mit der Würdigung durch die anderen Zürcher Verkehrsteilnehmer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2017, 22:40 Uhr

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