Bastien Girod konnte auf die SP zählen

Der Ständeratskandidat der Grünen hat über 31 Prozent der Stimmen geholt und konnte über das linke Lager hinaus punkten. Dagegen blieb SVP-Kandidat Hans-Ueli Vogt mit 22 Prozent weit unter dem Wähleranteil seiner Partei zurück.

Er will die Erfahrung des Wahlkampfs nun für den politischen Alltag nutzen: Bastien Girod. Foto: Reto Oeschger

Er will die Erfahrung des Wahlkampfs nun für den politischen Alltag nutzen: Bastien Girod. Foto: Reto Oeschger

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Es hat Bastien Girod kaum geschadet, dass bekannte SP-Politiker wie Mario Fehr oder Markus Notter statt des Grünen den FDP-Kandidaten Ruedi Noser zur Wahl empfahlen. «Girod ist vom linken Lager ziemlich geschlossen gewählt worden», sagt der kantonale Chefstatistiker Peter Moser nach einer ersten Analyse des Wahlresultats. Zudem habe Girod auch Stimmen aus der Mitte geholt. Bei den nationalen Wahlen am 18. Oktober hatten SP, Grüne und AL im Kanton Zürich zusammen einen Wähleranteil von 29 Prozent erzielt. Girod kam gestern auf 31,7 Prozent aller abgegebenen Stimmen, und er erhielt gut 26'000 Stimmen mehr als im ersten Wahlgang. In Zürich wurde er überall ausser im Wahlkreis 7/8 gewählt, in Winterthur in vier von sieben Kreisen. Selbst auf dem Land gibt es eine Gemeinde, die Girod gewählt hat: Dachsen ganz im Norden des Kantons. Das geplante Atomendlager im Weinland dürfte dabei eine Rolle gespielt haben.

Dieners Hilfe kam zu spät

Aus persönlicher Sicht ist der 34-jährige Nationalrat mit seinem Resultat zufrieden. Er lobt auch die Hilfe der SP. Deren Basis habe sich im Strassenwahlkampf sehr für ihn engagiert. «Etwas spät» sei die Unterstützung durch die abtretende GLP-Ständerätin Verena Diener gekommen, bedauert Girod, «aber es ist eine schöne Geste von ihr und hat sicher noch die eine oder andere Stimme gebracht». Diener hat erst letzte Woche eine öffentliche Wahlempfehlung für Girod abgegeben. Die GLP-Parteipräsidenten Martin Bäumle (Schweiz) und Thomas Maier (Zürich) hingegen hatten sich von Anfang an für Noser ausgesprochen. Laut Statistiker Moser haben die GLP-Anhänger denn auch mehrheitlich für den FDP-Kandidaten gestimmt.

Grünen-Präsidentin Marionna Schlatter freut sich, dass das linke Lager für einmal «funktionierte». Girod sei für die Grünen der beste Kandidat gewesen, «weil er auch Stimmen aus der Mitte gewinnen kann und viel Geld gesammelt hat». Am Tag nach dem ersten Wahlgang hätten die Grünen ein Notbudget in der Höhe von 15'000 Franken aufgestellt, so Schlatter. «Bis am Abend hatten wir bereits das Doppelte an Spenden, und zuletzt waren es 170'000 Franken.» Das ist zwar noch immer fast dreimal weniger, als die FDP für Ruedi Noser einsetzte, aber für die kleine Partei der Grünen eine ausserordentlich hohe Summe. Einen massgeblichen Teil hat sie für Werbung in den sozialen Medien ausgegeben, einen Teil für Zeitungsinserate.

Schlatter hat «noch nie so einen engagierten Wahlkampf erlebt», seit sie vor fünf Jahren das Parteipräsidium übernahm. «Wir haben einen Schwung ­gewonnen, den wir sehr nötig hatten.» Girod möchte das, war er im Wahlkampf gelernt hat, ebenfalls für die Stärkung der Grünen nutzen: «Ein überzeugender Auftritt und eine professionelle Kampagnenführung helfen uns im Kampf um unsere Anliegen – gerade in nächster Zeit.» Denn im neuen nationalen Parlament werden Umweltanliegen noch weniger Gewicht haben als bisher.

«Als Mensch stärker geworden»

Was alle Politbeobachter gestern überrascht hat: SVP-Kandidat Hans-Ueli Vogt erhielt 48 000 Stimmen weniger als im ersten Wahlgang. Er blieb mit 22 Prozent aller abgegebenen Stimmen 8 Prozent unter dem Wähleranteil der SVP. «Viele haben taktisch für Noser gestimmt», erklärt Vogt sein schlechtes Resultat. Nicht zuletzt die Wahlbörse des TA habe die Leute dazu bewogen, weil Girod dort relativ hoch im Kurs war. Um den Grünen zu verhindern, hätten zahlreiche SVP-Wähler den FDP-Kandidaten unterstützt. Und noch etwas habe ihm geschadet, sagt Vogt: «Parteiintern wurde lange diskutiert, ob die SVP überhaupt im zweiten Wahlgang nochmals antreten soll. Das war für die Mobilisierung schädlich und hat die Zuversicht meiner Supporter gehemmt.»

Persönlich könne er aber problemlos mit der Niederlage umgehen, beteuert Vogt, der im Dezember statt in den Ständerat neu in den Nationalrat einziehen wird: «Es geht mir gut.» Er habe im Wahlkampf viel gelernt, auch als Mensch. «Ich bin stärker geworden.» Der Rechtsprofessor und geistige Vater der SVP-Initiative, welche Schweizer Recht über Völkerrecht stellen will, hat sich als Ständeratskandidat exponiert. «Ich erhielt viel Zuspruch und umgekehrt viel scharfe Kritik.» Es habe einige «sehr unangenehme Situationen» gegeben, sagt Vogt, ohne konkret zu werden.

33 Gemeinden, fast alles kleine Landgemeinden, haben den SVP-Kandidaten gewählt. In den Städten schnitt Vogt, der ein urbaner Mensch ist und zu seiner Homosexualität steht, schlecht ab.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2015, 23:07 Uhr

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