Zürcher Besetzer vergraulen ihre Fürsprecher

Nächtlicher Lärm, Hanfplantagen, unbewilligte Bauten – und die Polizei schaut zu. Die Besetzer vom Zürcher Koch-Areal ärgern selbst linke Politiker.

Sind die Besetzer des Koch-Areals übermütig geworden? Anwohner berichten von Hanfplantagen und unbewilligten Bauten. Foto: Reto Oeschger

Sind die Besetzer des Koch-Areals übermütig geworden? Anwohner berichten von Hanfplantagen und unbewilligten Bauten. Foto: Reto Oeschger

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Auch wenn der Zürcher Stadtrat zurzeit nichts zum Thema sagt: Für die Polizei ist das besetzte Koch-Areal in Albisrieden offenbar tabu. Das legt nicht nur ihr passives Verhalten trotz gehäufter Lärmklagen nahe, sondern auch die Erlebnisse mehrerer TA-Leser. Einer von ihnen hatte die Kantonspolizei per Mail angefragt, ob sie interessiert sei an einem Hinweis auf eine grosse Hanfplantage. Natürlich, kam die Antwort, er solle die Adresse angeben. Also schrieb er zurück: Rautistrasse 20, Zürich – die Adresse des Koch-Areals. «Man muss nicht lange suchen, die Anlage befindet sich auf diversen Terrassen.»

Kurz darauf bekam er einen Anruf – diesmal aber von der Stadtpolizei. Der Fahnder sagte, dass ihnen diese Plantage schon bekannt sei. Gefragt, warum die Polizei nichts unternehme, druckste er herum: Das sei halt so eine Sache. Es hänge auch vom THC-Gehalt der Pflanzen ab und davon, ob es sich um Eigenbedarf handle. Dann verabschiedete er sich mit dem Hinweis, man bleibe am Thema dran. Als der irritierte Informant später einer Stadtpolizistin im Kreis 9 den gleichen Tipp gab, reagierte diese abwehrend: «Dazu sage ich gar nichts, das ist eine politische Sache.»

Getränkepreise wie im Club

Ähnlich erging es einem Anwohner, der vor einem Monat auf einen neu entstandenen Holzaufbau auf dem Dach hoch über dem Koch-Areal hinwies. Ob es dafür eine Baubewilligung gebe, wollte er von den Behörden wissen. Eine Antwort steht bis heute aus. Gewundert haben sich letztes Wochenende auch Besucher eines Konzerts auf dem besetzten Areal. Der Wodka Lemon kostet dort zwischen 12 und 14 Franken, das Bier zwischen 4 und 5 Franken. Das sind Preise, wie man sie aus kommerziellen Clubs kennt – nicht Selbstkostenpreise.

Wird das Koch-Areal zu einem rechtsfreien Raum, wie Kritiker monieren? Der Stadtrat hat das in ähnlichen Fällen bisher stets bestritten. Die Polizei sorge auch in besetzten Liegenschaften für Recht und Ordnung. Allerdings nicht um jeden Preis: Wenn etwa spät nachts eine laute Party im Gang ist, aber die Veranstalter nicht gesprächsbereit oder gar feindselig sind, verzichtet die Polizei meist darauf, mit einem Grossaufgebot einzufahren. Sonst drohe die Lage zu eskalieren. Es sei generell schwierig, in besetzten Häusern die Vorschriften durchzusetzen, heisst es in einer Stadtratsantwort von 2012. Anders als bei Gastrobetrieben fehle oft ein Verantwortlicher, und man könne keine verwaltungsrechtlichen Massnahmen ergreifen.

Dieses Laisser-faire könnte Grund dafür sein, dass sich die Besetzer immer mehr Freiheiten herausnehmen und sich die Konflikte mit den Nachbarn ums Koch-Areal nun akzentuiert haben. So argumentieren nicht mehr nur bürgerliche Politiker wie FDP-Gemeinderat Michael Schmid, sondern auch linke. Alan David Sangines (SP) aus dem Stadtkreis 9, wo sich das Areal befindet, vermutet, die Besetzer seien «übermütig» geworden, weil man ihnen stets entgegengekommen sei. Und sein Parteikollege Pascal Lamprecht, ebenfalls aus dem Kreis 9, hat den Eindruck, dass auf dem Areal derzeit mehr Party gemacht werde als auch schon – allen Klagen und Vermittlungsversuchen zum Trotz.

Mehr Ärger als im Binz-Areal

Immer lauter, immer rücksichtsloser – diesen Eindruck stützt der Blick zurück auf das jahrelang besetzte Binz-Areal im Kreis 3, von wo viele nach der Räumung 2013 aufs Koch-Areal übersiedelten. Der spätere AL-Polizeivorsteher Richard Wolff sagte damals im Wahlkampf, es habe wegen der Binz-Besetzer kaum je Klagen der Nachbarn gegeben. Und das, obwohl dort mindestens so viele Leute wohnten wie ums Koch-Areal. Wolffs Gegner behaupteten zwar das Gegenteil, aber die Polizeistatistik zeigt: Die Zahl der Lärmklagen im gesamten Kreis 3 ging nach Ende der Besetzung nicht zurück. Sie liegt Jahr für Jahr bei 500 bis 600. Hätte zu Zeiten der Binz-Besetzung eine ähnlich aufgeladene Stimmung geherrscht wie jetzt ums Koch-Areal, wo die Polizei allein im laufenden Jahr 171 Reklamationen registriert hat, hätte sich das in der Statistik niederschlagen müssen. Laut Polizeisprecherin Judith Hödl gibt es auch sonst keinerlei Hinweise darauf, dass die Stadtpolizei seinerzeit wegen Lärmbelästigungen durch die Besetzer in ähnlichem Mass beschäftigt gewesen wäre wie jetzt.

Diese Unterschiede müssen nicht nur am veränderten Verhalten der Besetzer liegen. Es kann auch damit zu tun haben, dass die heutigen Nachbarn kompromissloser sind. Tatsächlich sollen die kritischsten unter ihnen, ein gutes Dutzend, eine Einladung der Besetzer zu einer Aussprache ausgeschlagen haben. Die Fronten sind beidseits verhärtet.

Bei Lärm den Strom abschalten?

Für SP-Gemeinderat Lamprecht ist aber klar, dass punkto Lärm Handlungsbedarf besteht. Sonst verspiele die Besetzerszene den Goodwill, den sie bei vielen habe. Zwei Konzerte pro Woche sind nach verbreiterer Ansicht zu viel. Sein Parteikollege Sangines sagt, die Besetzer hätten mehrfach Grenzen überschritten. «Wenn sie Toleranz erwarten, müssen sie auch anderen Respekt entgegenbringen.» Er verlangt, die Nutzungsvereinbarung fürs Areal um Lärmauflagen zu ergänzen – wie das der Stadtrat vorhat. Man müsse diese Regeln dann allerdings auch durchsetzen, sagt Sangines, indem man bei Verstössen Geldbussen verteile oder den Strom abstelle. Eine Räumung, wie sie die FDP verlangt, sei das allerletzte Mittel. Aber denkbar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2016, 20:30 Uhr

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