Das Gesicht der Gentrifizierung

Die Welle der Solidarität mit einem türkischen Gemüsehändler im Kreis 5 zeugt vom enormen Unbehagen im Quartier.

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Die Nachricht vom drohenden Rauswurf des türkischen Dirok-Market aus der CS-Liegenschaft an der Limmatstrasse hat sich im Kreis 5 wie ein Lauffeuer verbreitet. Schon am Morgen der Veröffentlichung im «Tages-Anzeiger» standen Quartieraktivisten im Laden und boten an, eine Petition zu lancieren. Andere Quartierbewohner drängten jetzt erst recht und aus Solidarität in den Laden und füllten ihren Einkaufskorb. Jeder zweite Kunde unterschrieb die ausliegende Petition, die von der Immobilienverwalterin Wincasa den Verbleib von Dirok im Kreis 5 «ohne schikanöse Auflagen» verlangt. Am Freitagnachmittag hatten bereits 2000 Empörte die Online-Petition unterschrieben. Im Laden selbst zählte Fatma Yapici an die 500 Unterschriften. Ende April will die Quartierorganisation 5im5i die Petition bei Wincasa und dem Immobilienfonds der Credit Suisse abgeben, um sich für den Erhalt des Familien­ladens einzusetzen.

Die enorme Solidaritätswelle lässt sich nur damit erklären, dass die Menschen im Kreis 5 die Verdrängung der alteingesessenen Quartierläden und -bewohner allerorten spüren und mit Sorge wahrnehmen. Schon seit Jahren ist niemand, der noch in einer günstigen Wohnung wohnt oder eine vergleichsweise niedrige Geschäftsmiete bezahlt, vor einem Rauswurf mehr sicher. Zuletzt traf es den kurligen Perücken- und Masken­macher Martin Furrer, der zum Herbst seinen Laden an der Langstrasse aufgeben muss. Die Menschen im Kreis 5 spüren, dass die Luft für sie immer dünner wird. Denn die Schlinge um die ethnisch und sozial bunt gemischten Kreise 4 und 5 zieht sich immer enger zusammen. Es wird aufgehübscht und aufgewertet, für Unrentables und Unangepasste ist immer weniger Platz. Mit Wincasa und der Credit Suisse hat die Gentrifizierung zwar noch kein Gesicht, aber immerhin zwei Namen. Zu ihren Taten stehen wollen jedoch weder die Wincasa-Verwalter noch der Manager des CS-Renditefonds 1a Immo PK, dem die Liegenschaft gehört. Das mache alles die Wincasa, lässt Thomas Vonaesch über seinen Medienmann ausrichten. Wofür bezieht er eigentlich sein Gehalt?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2016, 23:30 Uhr

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