Das Grauen am Central

Zürich hat nach dem Bellevue und der Bahnhofstrasse schon wieder eine Monsterbaustelle im Stadtzentrum. Hört das denn nie auf? Nein.

Grossbaustelle am Central: Die rot-weissen Abschrankungen grüssen freundlich, Bauarbeiter und Maschinen bringen sich allmählich in Position. Foto: Urs Jaudas

Grossbaustelle am Central: Die rot-weissen Abschrankungen grüssen freundlich, Bauarbeiter und Maschinen bringen sich allmählich in Position. Foto: Urs Jaudas

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Die Stadt Zürich ist zur Baustelle verdammt. Ist die eine fertig, kommt die nächste – jahrein, jahraus. Der Mythos von Sisyphos, der in der Unterwelt auf ewig einen Felsblock bergauf stossen muss, hat in Zürich eine moderne Interpretation gefunden. Allerdings nicht als Sage, sondern zum Stolpern real.

Noch steckt allen der Schreck von den Megabaustellen Bahnhofstrasse (2013/14) und Bellevue (2015) in den Knochen. Und von der Grüblerei am Parade- und am Löwenplatz 2016 hat man noch jedes Staubkorn im Gespür. Doch schon macht sich am Central ein neues Ungemach von ähnlichem Ausmass breit. Noch besteht die Baustelle zur Hauptsache aus rot-weissen Baulatten, die sich kumpelhaft mit Vornamen vorstellen: «Walo». Einige Baucontainer sind verstreut aufgestellt, zwei tiefe Löcher gegraben, Masten gesetzt und einige Trottoirs sind angeknabbert. Das EWZ nutzt die allgemeine Unruhe aus und vergräbt seine Glasfasern. Hin und wieder kurvt ein nervöser Muldenkipper herum.

Chaos befürchtet

Im Juni geht es dann richtig los, wenn die Tramgleise herausgerissen werden, auch jene am Limmatquai bis zur Rudolf-Brun-Brücke. Der Fachmann nennt das Gleisschlag. Im Juli und Anfang August ist die Haltestelle Central für den gesamten Tram- und Busbetrieb gesperrt, was so viele Umleitungen erfordert, dass unzählige Menschen zu spät zur Arbeit kommen werden oder sich sonst wie verirren. Mit 45'000 Ein- und Aussteigern pro Tag ist das Central die siebtgrösste Haltestelle der Verkehrsbetriebe. Für die Autos bleibt der Platz grundsätzlich befahrbar, aber mit vielen Einschränkungen. Den Autofahrern wird der übliche Trost beschieden: «Die Umleitungen sind ausgeschildert.»

Die Automobilverbände ACS und TCS haben sich mit Händen, Pedalen und Juristen gegen diese Baustelle gewehrt, denn sie führt letztlich nicht nur zu längeren Tramhaltekanten und grösseren Wartedächern, sondern auch zu einem Spurabbau auf der Bahnhofbrücke und auf dem Neumühlequai. Stau, Chaos und Ruin fürchteten die Autoverbände, doch die Gerichte widersprachen: Der temporäre Spurabbau während einer früheren Baustelle hatte keine grösseren Auswirkungen auf den Verkehrsfluss.

Bis Ende November dauert die Bauerei am Central. Wer sich ihr nicht gewachsen und von den Presslufthämmern bedroht fühlt, kann zwar dem Central ausweichen, aber nicht der Baustelle an sich. Denn schon am Hauptbahnhof lauert die nächste, neben der Sihlpost die übernächste, und wer meint, mehr ist nicht möglich, tappt am Stauffacher in eine weitere Baustelle – wilder als die am Central, die noch in den Anfängen steckt. Und vom Römerhof erreicht uns die Klage, dass dort alles noch viel schlimmer sei.

Für die SVP sind Baustellen eine Bosheit der Linken zur Schikanierung des Autoverkehrs.

Warum hört die Bauerei nie auf? Sind Zürichs Strassen, Kanalisationsröhren und Tramgleise übertrieben sensibel? Viel weicher, als wir wissen? Gewiss gehören sie zu den meist gestressten Bauteilen in der Schweiz, ausgesetzt einem dichten Auto- und Lastwagenverkehr und einer ständig wachsenden Bevölkerung, die das Klosett neben der Braun- auch für die Grün­abfuhr benützt. Die Gleise und Weichen der VBZ wiederum leiden unter den kleinen Rädern des Cobratrams wie ein Parkettboden unter 1000 Stilettos.

740 Kilometer misst das Strassennetz in Zürich, 1000 Kilometer das Kanalisationssystem, 170 Kilometer das Tramschienennetz. Strassen halten im Schnitt 45 Jahre, Kanäle 100 Jahre, Tramgleise auf Kreuzungen 8 bis 12 Jahre. Das ergibt pro Jahr einen durchschnittlichen Renovationsbedarf von 16 Kilometer Strasse und 10 Kilometer Kanalisation. Kurz: Die Baustelle gehört zur Stadt wie das Blau im Wappen oder das Couvert des Steueramtes mit der Aufforderung «Bitte frankieren». Doch nicht alle in Zürich kennen diesen notwendigen Zusammenhang. Für die SVP sind Baustellen eine Bosheit der Linken, ein Instrument zur Schikanierung des Individualverkehrs. Als das Tiefbauamt noch von der grünen Stadträtin Ruth Genner geführt wurde, wiederholten sie das so oft, bis sie selber daran glaubten. Jetzt mit dem freisinnigen Filippo Leutenegger als oberstem Baggerführer der Stadt ist diese Kritik allerdings verstummt.

Wer schaufelt, lebt

Ohnehin ist das Nörgeln an Zürichs Bauwesen kurzsichtig, denn die 122 Baustellen des letzten Jahres hatten ein Investitionsvolumen von 225 Millionen Franken – Geld, das zum grössten Teil privaten Bau- und Planungsfirmen zugutekam. So gesehen müsste das Tiefbauamt noch viel mehr Strassen aufreissen. Baggern fürs Gewerbe!

Doch dieser ökonomische Scharfsinn geht nicht nur den bürgerlichen Politikern ab, sondern auch den Passantinnen und Fahrgästen, wenn sie sich verärgert an Gräben und Abschrankungen vorbeizwängen und im Rattern der Presslufthämmer ihr Handygespräch unterbrechen müssen. Es zeugt also nicht von ausgeprägter Bürgertugend, wenn man Baustellen verdammt einzig wegen des persönlichen Ungemachs. Mit Blick aufs Ganze müsste man die Baustellen schätzen als Dienst an der Volkswirtschaft und am Stadtkörper. Und den Messdienern im Graben mit ihrem gelben und orangen Kopfschmuck gehört kein böser, sondern ein anerkennender Blick. Wo sie schaufeln, lebt Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 23:08 Uhr

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