Legal kiffen in Zürich – schwaches Gras verwirrt die Polizei

Die Hanfläden in der Limmatstadt boomen: Wo es legales Gras zu kaufen gibt und warum die Konsumenten weiter mit Verfolgung rechnen müssen.

In der Cannabis-Boutique im Lochergut: Was Kunden zum Angebot sagen.

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Günes Gezen war der Erste, der es versuchte. Im vergangenen Juni machte sich der Besitzer des Rauchershops Paff Paff auf den Weg zum Polizeiposten Oerlikon. Mit dabei hatte er drei Hanfsorten – zwei aus Outdooranbau und ein Treibhausgewächs. Der Opencrop GmbH – seinem Lieferanten aus Bern – ist es gelungen, den THC-Gehalt der Blüten auf unter ein Prozent zu züchten. Gemäss Betäubungsmittelgesetz ein zulässiger Anteil des psychoaktiven Wirkstoffs.

Gezen wollte den Polizisten mitteilen, dass er das Cannabis in seinem Shop verkaufen wolle. Bei den Beamten stiess er jedoch auf Unverständnis. Sie glaubten, er wolle sie über den Tisch ziehen, konfiszierten die Ware und drohten mit einem Verfahren. Von der Möglichkeit einer legalen Hanfsorte hatten sie noch nie etwas gehört. Gezen gab nicht auf und kontaktierte weitere Amtsstellen. Im August folgte ein Anruf der Stadtpolizei Zürich – es sei alles in Ordnung mit seinem Hanf. Für Gezen und seinen Shop Paff Paff war es der Anfang eines blühenden Geschäfts.

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Der Hanfverkauf boomt in Zürich wie seit den 90er-Jahren nicht mehr. Ab August begannen weitere Anbieter wie Pilze aus dem Boden zu schiessen. Darunter auch der Shop von Agi Petrova. Mit ihrem Freund eröffnete sie im November an der Badenerstrasse die Hanfboutique Green Passion. «Seit ‹20 Minuten› über uns berichtete, rennen uns die Leute die Türe ein.» Es sind Banker, Bauarbeiter, Studenten oder Arbeitslose, die an einem normalen Wochentag die Boutique aufsuchen – die Neugierde erscheint riesig. «Unsere bisher älteste Kundin ist 84», sagt Petrova. Die Rentnerin wollte einen Joint drehen – zum ersten Mal in ihrem Leben. «Jetzt, wo das Zeugs ja legal ist.»

Nerv der Zeit getroffen

Die Stadtpolizei Zürich kontrolliert allerdings rigoros – dies, weil Hanf mit hohem THC-Gehalt weiterhin illegal ist. Im vergangenen Jahr erteilte sie 1981 Ordnungsbussen. Das sind täglich mehr als fünf Personen, die für ihr Vergehen 100 Franken bezahlen. Seit vergangenem August ist die Situation für die Behörden komplexer geworden. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) legalisierte erstmals eine Hanfsorte, indem es sie als Tabakersatzprodukt einstufte. Es war die Marke ­C-Pure der Firma Biocan aus Ossingen ZH mit einem THC-Anteil von unter einem Prozent. Firmenchef Dario Tobler trat darauf medienwirksam an die Öffentlichkeit. Vor laufenden Kameras entzündete er «den ersten legalen Joint» – staatlich geprüft. «Damit treffen wir den Nerv der Zeit», prophezeite Tobler.

Video – Gras kaufen im «Bio Top»:

Er sollte recht behalten. Biocan ist der führende Player in einem neuen, jedoch hart umkämpften Markt. Erfolgsgrund dürfte auch das niederschwellige Businessmodell sein. Wollen Zwischenhändler die Biocan-Produkte verkaufen, füllen sie auf der Biocan-Website lediglich ein simples Adressformular aus. Nach einer Datenüberprüfung wird ein persönliches Login ausgestellt. Es ist gleichzeitig die Berechtigung für Hanf zu «Grosshandelspreisen». Mittlerweile gibt es schweizweit 21 Verkaufsstellen, die Biocan-Hanf im Sortiment haben. Acht sind es im Raum Zürich. Dazu kommen Läden mit Konkurrenzprodukten sowie ein florierender und unübersichtlicher Onlinehandel.

Wie viel Biocan mit dem Franchisesystem erwirtschaftet, will die Firma nicht sagen. Wohl auch, um nicht weitere Konkurrenz auf den Plan zu rufen. «Der Landbote» mutmasste Anfang Dezember einen «Verkaufswert im siebenstelligen Bereich» in nur drei Monaten. Szenekenner zweifeln diesen Betrag allerdings an. Das Bio Top im Zürcher Kreis 5 vertreibt das Produkt seit August. Vor allem zu Beginn sei der Absatz fantastisch gewesen. «In den ersten Tagen verkauften wir durchschnittlich eine Kiste», sagt die Verkäuferin. Eine Kiste, das sind 100 Beutel à 10 Gramm zu einem Preis von je 28 Franken – ein Tagesumsatz von 2800 Franken. Zum Vergleich: Beim Strassendealer kostet ein Gramm Marihuana zwischen 10 und 12 Franken – also etwa das Fünffache.

Die Shops sind zufrieden mit den Verkäufen. Doch das grosse Geld verdiene man noch nicht, sagt Werner Bösch, Chef von Werners Headshop. «Die Marge von 10 Prozent ist eher tief.» Grund dafür seien die hohen Abzüge durch Mehrwert- und Tabaksteuer.

Aufwendige Kontrollen

Die Betreiber der Shops Green Passion und Paff Paff haben einen anderen Weg gefunden. Sie verkaufen ihre Hanfblüten als «Rohstoff» und nicht als Tabakersatzprodukt – womit auch die Steuer wegfällt. «Unsere Kunden entscheiden selbst, was sie mit dem Gras anstellen», sagt Green-Passion-Betreiberin Petrova. Auf der Firmenwebsite wird gar vom inhalierenden Konsum abgeraten – so nehmen sich die Verkäufer aus der Verantwortung. Dennoch geben fast sämtliche vom TA befragten Kunden zu, dass sie sich mit den Blüten Joints bauen. Die Verkäufer begeben sich damit in eine rechtliche Grauzone.

Verworren ist die Situation auch für Konsumenten. Das Rauchen eines Joints mit THC-Gehalt von unter einem Prozent ist erlaubt. Dennoch besteht ein Bussenrisiko. Polizisten können das legale Gras nicht vom illegalen unterscheiden – Geruch und Aussehen sind identisch. Als sich das Problem letzten August erstmals zeigte, entschied die Stadtpolizei, an den bisherigen Bussenverfahren festzuhalten.

Wer die Busse nicht bezahlen will, kann sich weigern. Damit wird jedoch ein aufwendiges Untersuchungsverfahren ausgelöst. Die Polizei lässt das beschlagnahmte Gras im Labor prüfen. Liegt der THC-Gehalt unter einem Prozent, erhält der Konsument sein Cannabis zurück. Die Verfahrenskosten von mehreren Hundert Franken bezahlt der Steuerzahler. Bisher hält sich die Zahl solcher Fälle in Grenzen. Seit August wurden 18 Analysen durchgeführt, wobei es zu einer Rückgabe kam. Wenn jedoch die Polizei an ihrer strengen Bussenpraxis festhält und immer mehr legales Hanf gekauft wird, dann könnte es teuer werden für den Steuerzahler.

Teure und erfolglose Razzia

Teuer wurde es für den Steuerzahler in einem anderen Fall – aufgrund polizeilichen Versagens. Der Bülacher Patrick Widmer und sein Geschäftspartner Mike Toniolo sind landesweit die grössten Hanfzüchter für kosmetische- und pharmazeutische Zwecke. Ihr Start-up Medropharm produziert ausschliesslich Pflanzen mit einem THC-Gehalt von unter einem Prozent. Dennoch kam es im September beim Firmensitz in Kradolf TG zu einer grossen Razzia.

Die Kantonspolizei Thurgau rückte im Auftrag der Staatsanwaltschaft mit 15 Beamten aus. Zuchtanlagen und mehrere Hundert Pflanzen wurden beschlagnahmt, Geschäftsräume durchsucht und ein Gärtner abgeführt. Die Ausbeute der Aktion war ernüchternd – nichts Illegales wurde gefunden. Ein Schreiben, das dem TA vorliegt, zeigt, dass das Verfahren eingestellt wurde. Es entstanden Kosten von 50'000 bis 100'000 Franken. «Wir sind eine seriöse Firma», sagt Geschäftsführer Toniolo. Der Landschaftsgärtner glaubt, dass es bis zur «Entkriminalisierung der Pflanze» ein weiter Weg ist. «65 Jahre Prohibition haben ihre Spuren hinterlassen.» Die Anti-Hanf-Lobbys seien gut organisiert. Dennoch gelang es dem Unternehmen in den letzten zwei Jahren zu expandieren. Mittlerweile unterhält Medropharm schweizweit fünf Plantagen und beschäftigt zeitweise bis zu 25 Angestellte. Weitere rund 15 Millionen Franken sollen in den nächsten Jahren investiert werden. «Das pharmazeutische Potenzial dieser Pflanze ist riesig», sagt Toniolo. Die Schweiz könne europaweit eine führende Position einnehmen und wirtschaftlich profitieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2016, 22:43 Uhr

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Ein potenzieller Milliardenmarkt

Das schweizerische Betäubungsmittelgesetz deklariert Cannabis als illegale Substanz – sofern der Gehalt von Tetrahydrocannabinol (THC) mehr als 1 Prozent beträgt. Hochgezüchtete Indoorpflanzen haben teilweise einen THC-Anteil von 15 Prozent und mehr. Im August deklarierte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erstmals eine Hanfsorte als Tabakersatzprodukt.

Der Clou: Durch den tieferen THC-Wert steigt der Anteil an Cannabidol (CBD). Anstelle des Rauschs tritt eine beruhigende Wirkung. Hinter CBD wird ein grosses Potenzial für pharmazeutische Zwecke vermutet. Auf diverse Krankheiten soll der Stoff eine heilsame Wirkung entfachen – darunter multiple Sklerose, Krebs, Epilepsie, Arthritis, Rheuma oder Migräne.

In Amerika ist daraus bereits ein Milliardenmarkt entstanden. In diesem Jahr soll der Umsatz mit legalen Marihuana-Produkten 7 Milliarden Dollar betragen, bis 2020 sollen es 22 Milliarden werden. Die Zucht von Cannabis mit hohem CBD-Anteil ist ein aufwendiges genetisches Verfahren. Die Firma Medropharma im Thurgau brauchte für ihre Sorte M1337 vier Jahre und investierte rund 150 000 Franken. Das BAG finanzierte im vergangenen Jahr eine Studie, welche die medizinische Anwendung von Cannabis untersuchte. Insbesondere bei chronischen Krankheiten, multipler Sklerose und bei durch Krebs verursachten Schmerzen wurde ein hoher Wirkungsgrad erzielt. (mrs)

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