«Streiten Jugendliche, kommen öfters Messer zum Einsatz»

FCZ und GC spielen nicht gegeneinander, trotzdem attackieren sich deren Fans. Experte Roland Seiler sagt, weshalb.

Mehrere Personen verhaftet: Vor dem GC-Fanlokal an der Heinrichstrasse wurde am Samstagnachmittag ein 22-Jähriger von einer Stichwaffe mittelschwer verletzt.

Mehrere Personen verhaftet: Vor dem GC-Fanlokal an der Heinrichstrasse wurde am Samstagnachmittag ein 22-Jähriger von einer Stichwaffe mittelschwer verletzt. Bild: Screenshot Google Street View

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Herr Seiler, am Samstag haben FCZ-Anhänger einen GC-Fan vor seinem Fanlokal niedergestochen. Wie erklären Sie sich den Vorfall?
Generell gehen Jugendliche immer wieder aufeinander los. Neu scheint, dass häufiger Stichwaffen wie beispielsweise Schmetterlingsmesser zum Einsatz kommen. Die Verletzungen sind folglich tiefgreifender als nach einem Faustkampf. Diese Beobachtung gilt auch für Konfrontationen zwischen Fussball-Fans.

Aber weshalb findet eine solche Auseinandersetzung ausserhalb von Spielen statt?
Die Fan-Rivalität zwischen GC- und FCZ-Fans beruht auf einer traditionellen Fehde. Das Ziel, den Gegner zu bezwingen, ist nicht an den Rasen gebunden. Es kann gut sein, dass versucht wird, dieses Ziel auch ausserhalb des Stadions zu erreichen. Trotz Abstieg des FCZ bleibt der gegnerische Club das Feindbild. Und gerade das Gefühl der Demütigung kann neue Rachegefühle schüren.

Die Involvierten sind alle sehr jung.
Eine Umfrage von uns zeigt, dass Gewaltbereitschaft bei jungen Erwachsenen zwischen 20 und 35 Jahren deutlich höher ist als in anderen Alterskategorien. Ein kleiner Teil der Befragten gab an, Gewalt nicht a priori abzulehnen und bei Provokation zuzuschlagen.

Was unterscheidet die Messerstecherei vom Samstag von ähnlichen Zwischenfällen im Nachtleben?
Der Auslöser ist ein anderer. Es steht die Fanrivalität im Zentrum, nicht etwa Drogenkonsum oder eine Frau. Ein anderer Unterschied ist, dass bei Auseinandersetzungen zwischen Fans oft nicht Einzelpersonen, sondern Gruppen einander gegenüberstehen. Deren Mitglieder nehmen dann ihre Gegner nicht mehr als Einzelpersonen war, sondern solidarisieren sich gemeinsam gegen die Fans der feindlichen Mannschaft. Das setzt die Hemmschwelle für Gewalt herunter. Die Mitglieder einer Fan-Gruppe stiften sich dann gegenseitig an.

Täter, die mit dem Auto vorfahren und auf Opfer einstechen – das erinnert an einen Mafiafilm. Weisen Fussball-Fan-Clubs mafiöse Strukturen auf?
Mafiöse Strukturen – das wäre zu weit gefasst. Jedoch sind die Capi (Capo, italienisch «Kopf») – wie man die Anführer der Fans nennt – relativ mächtig. Sie setzen den Kurs für die Fans fest, indem sie beispielsweise bestimmen, was bei den Fanmärschen passiert. Das kann zu einer gewissen Instrumentalisierung der Anhänger führen. Es ist hierbei aber anzumerken, dass die Schweiz kaum typische Hooligans kennt, die sich nur für Gewaltakte wie beispielsweise Schlägereien treffen. Im vorliegenden Fall handelt es sich wahrscheinlich um ein Aufeinandertreffen zwischen sogenannten Ultras – besonders fanatische Anhänger einer Mannschaft. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.02.2017, 13:55 Uhr

Roland Seiler

Der Vizedirektor am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern forscht zum Thema Fangewalt und Fanarbeit. Letzten Sommer stellte er an einem Symposium die Resultate der Studie «Eskalation versus Nicht-Eskalation von Fangewalt» vor.
(Bild: zvg/HG Hoff)

Weitere Verhaftungen

Ein Streit zwischen FCZ- und GC-Fans ist am Samstagnachmittag eskaliert. Ein 22-Jähriger GC-Anhänger wurde vor dem GC-Fanlokal an der Heinrichstrasse durch eine Stichwaffe mittelschwer verletzt. Die Polizei leitete daraufhin eine Grossfahndung ein und verhaftete kurze Zeit später im Kreis 1 einen 20- und einen 21-jährigen Verdächtigen. Seither wurden weitere Personen verhaftet, darunter auch das 22-jährige Opfer. Insgesamt wurden heute Montag fünf Personen von der Staatsanwaltschaft befragt, wie Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich, sagt. Die Verhafteten sind mittlerweile alle auf freiem Fuss. (sip)

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