Der Münsterhof ist vornehm, aber ungemütlich

Auf dem Platz kollidieren die Gestaltungsprinzipien der Stadt mit den Erwartungen des Publikums – ein vorhersehbarer und unvermeidlicher Konflikt.

Ein «einladender Aufenthaltsraum» ist der autofreie Münsterhof für den Stadtrat – doch kaum jemand verweilt dort. Foto: Urs Jaudas

Ein «einladender Aufenthaltsraum» ist der autofreie Münsterhof für den Stadtrat – doch kaum jemand verweilt dort. Foto: Urs Jaudas

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Knapp gesagt: Der neue Münsterhof ist gut für den Geist, aber schlecht fürs Gesäss. Oder noch knapper – und etwas grob: Auge statt Hintern. Seit die Parkplätze weg sind, ist der Münsterhof zum richtigen Platz gewachsen mit ungewohnter Weite für die Altstadt. Ausser einem Brunnen und ein paar niedrigen Bänken ist da nichts, was den weiten Blick unterbricht. Das wiederum stärkt die Fassaden ringsum; die Zunfthäuser zur Waag und zur Meisen und das Fraumünster werden neu inszeniert. Oder wie es der Stadtrat beschreibt: «Mit seinen barocken Fassaden gilt er als eigentliches mittelalterliches Juwel der Innenstadt. Er verfügt über ein herausragendes Potenzial als geschützter, einladender, begehbarer Platz, Erlebnis- und Aufenthaltsraum.»

Blöd nur, dass dieses Juwel heute weniger Menschen anzieht als früher mit Parkplätzen. Das jedenfalls berichten die ansässigen Gewerbetreibenden und beklagen sinkende Umsätze. Es würden zu wenig Leute passieren und zu wenig verweilen.

Stehend verweilen

Tatsächlich ist der ausgeräumte Münsterhof bestens geeignet zum Begehen, aber höchst ungeeignet zum Verweilen. Denn die wenigen Bänke haben keine Rückenlehne und sind voll der Sonne ausgesetzt. Im Sommer ist es dort viel zu heiss. Wenn der Stadtrat also schreibt, das Juwel Münsterhof habe ein herausragendes Potenzial als Aufenthaltsraum, dann meint er offenbar den stehenden Aufenthalt. Oder die Einkehr in einem der Boulevard-Cafés.

Diese Härte ist nicht Bosheit, sondern eine Folge des Konzepts. Es heisst «Stadträume 2010» und formuliert die Leitideen, nach denen die Stadt Zürich gestaltet werden soll: eine klare, elegante und aus der Funktion abgeleitete Formensprache mit dem Ziel eines ruhigen, offenen Erscheinungsbildes. Das Farbspektrum ist zurückhaltend; die Möblierung knapp und unauffällig.


Das gestalterisch Korrekte ist selten das, was sich das Publikum wünscht.

Warum hat es die Kargheit in Zürich zum Gestaltungsideal gebracht? Weil die Ästheten in den Bauämtern die städtischen Räume für überladen halten und zusammenhangslos gebaut. Neben der Offenheit und Ruhe, die das Gestaltungskonzept vorschreibt, gilt es in der Altstadt, immer auch die Geschichte zu berücksichtigen. Und der Respekt vor der Historie verbietet auf dem Münsterhof Bauten und Bäume. Der Münsterhof war immer ein offener Platz; er diente für Aufmärsche, Feste und Märkte. Eine Zeit lang gab es einen Brunnen, der aber mehr für Spott als für Wasser sorgte, weil der Leitungsdruck zu schwach war. Einzig an der nördlichen Wand des Fraumünsters gab es eine Reihe von Verkaufsständen.

Der kahle Münsterhof, wie er sich heute präsentiert, ist also in allen intellektuellen, gestalterischen und historischen Bezügen korrekt. Aber das gestalterisch Korrekte ist selten das, was sich das Publikum wünscht. Der krasseste Fall für diesen Konflikt ist die geplante Fischerstube am Zürichhorn. Dort hat das Hochbaudepartement beim Neubau des Restaurants derart ­exzessiv auf den Originalbau von 1939 gestarrt, dass die beliebte Seeterrasse fehlt. Erst auf Druck des Gemeinde­rats wurde nachträglich eine Seitenterrasse entworfen. Aus Sicht der Passanten müsste der Münsterhof in der Mitte eine Baumgruppe haben, gespickt mit Bänken (samt Rückenlehnen!).

Dass das karge Konzept nicht zum Verweilen einlädt, hat die Stadt mittlerweile selber eingesehen und Eisenstühle aufgestellt.

Dass das karge Konzept nicht zum Verweilen einlädt, hat die Stadt mittlerweile selber eingesehen und Eisenstühle aufgestellt – paarweise wie auf dem Sechseläutenplatz. Das ist gemäss Gestaltungskonzept zwar falsch, aber für den Präsidenten der Vereinigung Münsterhof, Lorenz Schmid, wenigstens ein Anfang, um den Platz «heimelig» zu machen. Er hoffe aber auf mehr, sagte er jüngst im TA.

In der Tat dräut mehr: Der Stadtrat hat ein ausgeklügeltes Nutzungskonzept beschlossen – nach einem Mitwirkungsverfahren mit den Anrainern, wie er versichert: Neben den üblichen Anlässen wie Sechseläuten, Fasnacht oder Silvesterlauf sollen dort «qualitativ hochstehende kulturelle Veranstaltungen» stattfinden: Aufführungen im Rahmen des Tanzfestivals, von Kunst im öffentlichen Raum oder in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste. «Diese unterstützen die Identitätsbildung des Münsterhofs als öffentlicher Kulturort in der Stadt.»

Zweimal Markt pro Woche

Diese Identitätsbildung gleicht in Sprache und Geist dem städtischen Gestaltungskonzept, weshalb sie wohl nicht das ist, was die Publikumsströme anziehen und die Gewerbetreibenden die Parkplätze vergessen lassen wird. Statt weiterer Kopfgeburten wäre die Rückbesinnung auf vergangene Tage wohl willkommener: Der Münsterhof wird wieder ein Marktplatz, was mit einer Teilverlegung oder Erweiterung des Bürkliplatz-Marktes dienstags und freitags geschieht. Und das Zunfthaus zur Meisen öffnet sich wieder fürs Laufpublikum. Wie früher, als der Staatsschreiber Gottfried Keller dort Abend für Abend Klevner trank und seiner unglücklichen Lieben gedachte: Anna, Judith, Dortchen und immer wieder Betty, Betty, Betty.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 23:18 Uhr

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