Der prominente Vorläufer des Dada-Deals

Kulturpolitik per Häusertausch: Das Cabaret Voltaire wäre nicht die erste Kultureinrichtung, die dank eines Tauschgeschäfts in den Besitz der Stadt Zürich kommt. Beim Pfauen lief es ähnlich.

Vor dem Tausch: Das Schauspielhaus im Juni 1971. Foto: Keystone

Vor dem Tausch: Das Schauspielhaus im Juni 1971. Foto: Keystone

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Jetzt ist es definitiv: Am 24. September werden die Stadtzürcher Stimmberechtigten über den umstrittenen Kauf des Dada-Hauses durch die Stadt und den damit verbundenen Immobilientausch entscheiden. Dies teilte der Stadtrat kürzlich mit. Bei dem Liegenschaftentausch zwischen der Stadt und der Anlagestiftung Swiss Life übernimmt die Stadt neben der Geburtsstätte der Dada-Bewegung an der Spiegelgasse in der Altstadt auch ein Wohnhaus in der Enge. Im Gegenzug überlässt sie der Swiss Life ein Geschäftsgebäude an der Rämistrasse und das Parkhaus-Grundstück Hallenstrasse im Seefeld.

Der von der AL bekämpfte Deal rund ums Cabaret Voltaire hat einen prominenten Vorgänger: 1974 kam das Schauspielhaus am Pfauen ebenfalls per Immobilientausch in den Besitz der Stadt. «Die Stadt Zürich hat mit Stadtratsbeschluss vom 11. September 1974 mit der Tochtergesellschaft der Schweizerischen Bankgesellschaft, der Aktiengesellschaft Pfauen, einen Liegenschaftentausch vorgenommen», bestätigt Nat Bächtold, Sprecher von Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP). Die Stadt erhielt damals die Liegenschaften Zeltweg 1–5 respektive Rämistrasse 34 und gab dafür die Gewerbeliegenschaften Freilagerstrasse 46/48 in Albisrieden ab an die Bankgesellschaft, die spätere UBS.

Zwar hatte die Stadt bereits 1951 das Theatergebäude kaufen wollen. Doch das Volk machte ihr einen Strich durch die Rechnung, wenn auch äusserst knapp: 240 Stimmen gaben damals den Ausschlag für das Nein zum Kauf der Aktien der Pfauen AG und der Schauspielhaus AG im Umfang von 1,7 Millionen Franken. Es war einer der knappsten Entscheide, die es bei Stadtzürcher ­Abstimmungen je gab.

Das hauchdünne Nein brachte den Stadtrat in Nöte, der Weiterbetrieb des Theaters war ernsthaft gefährdet. Die bisherige Eigentümerin wollte eine Verlängerung des Mietverhältnisses über Ende Juni 1952 nicht zugestehen, wie die NZZ im Oktober 1951 schrieb. Und eine Umsiedlung ins Corso-Gebäude hätte «zeitbeanspruchende Vorbereitungen» nötig gemacht.

Bankgesellschaft eilte zu Hilfe

Doch dann kam der Stadt die Privatwirtschaft zu Hilfe: «In dankenswerter Weise hat sich die Schweizerische Bankgesellschaft im Interesse der Fortführung des Theaterbetriebs am bisherigen Ort bereitgefunden, in den dahingefallenen Kaufvertrag der Stadt Zürich mit Frau Rieser einzutreten und mit der neuen Schauspiel AG den bisherigen Mietvertrag zu verlängern», teilte der erleichterter Stadtpräsident Emil Lan­dolt (FDP) am 19. Oktober der Öffentlichkeit mit. Die Verhandlungen zwischen den Parteien hätten in allseitigem Ein­vernehmen zum Abschluss des Kauf­vertrags geführt, sodass der Weiter­betrieb der Schauspielbühne im Pfauen gesichert sei.

Die Bankgesellschaft sorgte in den kommenden Jahren auch für den Unterhalt des Schauspielhauses. Doch 1974 wurde eine umfassende bauliche Sanierung «unumgänglich», wie es im Stadtratsprotokoll vom 11. September 1974 heisst. Eine solche Renovation könne aber nur Aufgabe der Stadt und nicht eines Privaten sein, befand der Stadtrat. Die Bankgesellschaft hatte sich schon 1969 zum Verkauf des Aktienpakets an die Stadt bereit erklärt, pochte allerdings auf Realersatz. Und die Suche nach diesem bereitete «grössere Schwierigkeiten», wie der Stadtrat festhielt. ­Obwohl sich die Bank hinsichtlich des Kaufpreises «von Anfang an entgegenkommend» gezeigt habe.

6 Millionen fürs Schauspielhaus

Erst nach längeren Verhandlungen kam es zur Einigung. Die Stadt erhielt die ­Liegenschaften am Pfauen und trat im Gegenzug das Areal Freilagerstrasse 46 und 48 an die Bank ab. Der Tauschwert der Pfauen-Liegenschaften betrug 6 Millionen Franken, jener der Liegenschaften Freilagerstrasse 5,8 Millionen. Die Stadt musste eine Tauschaufzahlung von 200 000 Franken leisten – «bar», wie aus dem Protokoll hervorgeht. Auch beim jetzigen Tauschhandel mit der Swiss Life muss die Stadt eine Aufzahlung von 500 000 Franken leisten.

Anfang 1975 genehmigte der Gemeinderat den Liegenschaftentausch. Allerdings lehnten Teile der SP das Geschäft ab, «weil das Schicksal des an die Bankgesellschaft abgetretenen Landes zu ungewiss ist», wie sie laut dem Ratsprotokoll der NZZ erklärten. Die Bankgesellschaft habe bereits weitere Landkäufe getätigt, «und es ist der Bau eines grossen Bankzentrums zu erwarten», was die Verkehrsbelastung für das Quartier erhöhe. Wohnbaupolitisch war die Abgabe des städtischen Areals damals nicht umstritten. Heute wäre ein Landverkauf an dieser Lage, neben dem Freilager- und Koch-Areal mit bestehenden und geplanten Wohnsiedlungen, kaum ohne Nebengeräusche denkbar.

Die Angst der SP vor einem Bankenzentrum erwies sich als unbegründet. Die Bankgesellschaft trat die Freilagerstrasse 46/48 im Jahr 1976 wieder ab, und zwar an die Siemens Albis AG. Laut einer UBS-Sprecherin handelte es sich erneut um ein Tauschgeschäft: Im Gegenzug ­erhielt die Bank von Siemens das Areal Flüelastrasse 26–32. Die Gewerbe­gebäude an der Freilagerstrasse 46/48 wurden in den 80er-Jahren abgerissen. Heute befindet sich auf dem Areal ein Firmenparkplatz. Dieser bleibt bis auf weiteres erhalten, wie es bei Siemens heisst. Neubaupläne für das Areal gebe es derzeit keine.

Laut Nat Bächtold vom Präsidialdepartement steht die Sicherung der Cabaret-Voltaire-Liegenschaft in einer kulturpolitischen Tradition. Es gebe Parallelen zum Schauspielhaus-Tauschgeschäft, aber auch zur Schiffbau-Sanierung, zum Löwenbräu-Areal oder zur Roten Fabrik. Die langfristige Sicherung von Immobilien für eine bereits bestehende kulturelle Nutzung könne man «fast schon als Form der städtischen Kulturpolitik bezeichnen», so Bächtold. Kulturpolitik bedeute immer auch Raumpolitik, denn Raum in der Stadt sei gesucht und teuer. Die Sicherung von Räumen und Immobilien für die Kultur sei eine «effiziente Art von Kulturförderung».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2017, 19:35 Uhr

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