Die ärgerliche Brache

Die Baustelle für das gigantische Polizei- und Justizzentrum neben der Hardbrücke steht still. Quartierbewohner verlangen nun die Freigabe der offenen Baugrube für Zwischennutzungen.

Auf dem riesigen Areal neben der Hardbrücke wird frühestens ab dem Jahr 2017 wieder gearbeitet. Foto: Reto Oeschger

Auf dem riesigen Areal neben der Hardbrücke wird frühestens ab dem Jahr 2017 wieder gearbeitet. Foto: Reto Oeschger

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Der Eingang ist vergittert, die Baracken sind zu, die Rollläden heruntergelassen. Auf der Baustelle für das Polizei- und Justizzentrum (PJZ) neben der Hardbrücke in Zürich geht nichts mehr. Bereits im vergangenen Sommer haben ihr die letzten Bauarbeiter den Rücken gekehrt. Entstehen soll hier ein Gebäude von 55'000 Quadratmeter Geschoss­fläche, das entspricht einem Volumen von 500 Einfamilienhäusern. Es wird ein Gefängnis beherbergen und 1600 Arbeitsplätze für Polizisten, Staatsanwältinnen, Richter. Eröffnung: Irgendwann im Jahr 2020.

Gut möglich, dass es noch später wird. Die Bauherrin des Polizei- und Justizzentrums, das kantonale Baudepartement, schiebt den Eröffnungstermin im Schnitt alle zwei Jahre weiter hinaus. 2011 hoffte SVP-Baudirektor Markus Kägi auf 2016, 2013 auf 2018, inzwischen spricht er von 2020. Doch vorerst geschieht auf dem Gelände der Hardbrücke: nichts. Zumindest nichts, was auf rege Bautätigkeit für das Riesen­vorhaben hindeuten würde. Der Kanton hat noch nicht einmal bestimmt, welches Grossunternehmen das Gebäude in seinem Auftrag bauen soll.

Zurzeit sind Kantonsmitarbeiter noch damit beschäftigt, die umfangreichen Unterlagen für den Bauauftrag zusammenzustellen. Die Auflagen an das Gebäude sind so umfassend, dass sie hundert Bundesordner füllen. Nach einem abgeschlossenen Vorauswahlverfahren soll im Frühling das eigentliche Auswahlprozedere starten. Drei Generalunternehmen werden sich dann um den Millionenauftrag bewerben können. Bausumme: 570 Millionen Franken. Die Auswahl des Unternehmers dauert lang, was die Baudirektion mit der «enormen Komplexität des Bauprojekts» recht­fertigt. Sprecher Dominik Bonderer stellt in Aussicht, dass die Bauarbeiten 2017 starten werden.

Noch fast ein Jahr Stillstand

Bis dann bleibt die Brache, die man von der Hardbrücke aus in ihrer ganzen Grösse sieht. Und sie ärgert – zum Beispiel Markus Knauss. Der grüne Zürcher Gemeinderat regt sich auf, dass die alten Gebäude des Güterbahnhofs rasant weichen mussten. Und jetzt doch so lang nichts geschieht. Er fordert, dass die Brache nun für Veranstaltungen zwischen­genutzt werden kann. «Das Areal ist für vieles bestens geeignet, zum Beispiel für ein Public Viewing.»

Seine Frau, die grüne Kantonsrätin Gabi Petri, nennt den Ort «das neueste Mahnmal der Fehlplanung des Kantons Zürich». Knauss und Petri hatten das Polizeizentrum von Beginn weg bekämpft. Petri ist noch heute überzeugt: «Der Platz ist viel zu zentral, zu wertvoll für ein Gefängnis und eine Verwaltung.» Die beiden verloren ihren Kampf jedoch definitiv 2011, als das Stimmvolk das Bauvorhaben guthiess.

Streit um weitere 50 Millionen

Ein letzter Kampf rund um das Polizei- und Justizzentrum ist aber noch unausgefochten – und wird im Kantonsrat für heftige Diskussionen sorgen. Es geht um einen Wortbruch des Regierungsrats. Er hatte der Bevölkerung versprochen, das Kasernenareal im Stadtzürcher Kreis 4 zu leeren, falls das Polizeizentrum gebaut werden kann. Inzwischen will er dieses Versprechen nicht mehr ein­halten und einen Teil der Kantons­polizei in der Kaserne belassen.

Politiker von links bis rechts empören sich. Sie fordern mittels verschiedener Vorstösse im Kantonsparlament, dass dieses bedeutende Versprechen ein­gehalten wird. Die Regierung stellt sich jedoch auf den Standpunkt, das geplante Polizeizentrum sei zu klein. Es brauche 50 Millionen Franken mehr, um es zu vergrössern und die gesamte Kantons­polizei einzuquartieren.

Bisher heisst lediglich die SP die Zusatz­kosten gut. Die bürgerlichen Parteien pochen darauf, dass die Kaserne geleert wird, ohne mehr Geld für den Neubau sprechen zu wollen. GLP-Kantonsrat Cyrill von Planta sagt: «Es muss alles frei werden, und zwar ohne Mehrkosten.» Falls das mit dem aktuellen Platz nicht möglich sei, «sollen Teile der Strafverfolgungsbehörde auf dem Land verteilt werden».

Auch FDP-Fraktionschef Thomas Vogel erwartet von der Regierung, dass sie ihre Abstimmungsversprechen einhält. Für Vogel sind das zwei: «Das Kasernen­areal wird vollständig frei und das PJZ mit rund 570 Millionen Franken realisiert.» Allerdings schliesst er inzwischen nicht mehr ganz aus, dass der Kantonsrat am Schluss zähneknirschend mehr Geld für den Umzug der Polizei sprechen wird. Die FDP-Fraktion wird die 50 Millionen Franken diskutieren. Vogel bezweifelt aber, dass dieses Anliegen in der FDP Chancen hat. Er kann sich auch eine Alternative vorstellen, um das Kasernenareal freizugeben: «Die Kantonspolizei muss in der Nähe des neuen Zentrums Büroräume mieten.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.02.2016, 18:41 Uhr)

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