Google will Sechseläutenplatz finanzieren

Auf dem Sechseläutenplatz sollen weniger Anlässe stattfinden. Weil der Stadt dadurch Einnahmen entgehen, will sie mit dem US-Giganten zusammenspannen.

Farbige Google-Schrift auf Valser Quarzit: So könnte Zürichs grösster Platz bald aussehen. Foto: Keystone, Visualisierung: TA

Farbige Google-Schrift auf Valser Quarzit: So könnte Zürichs grösster Platz bald aussehen. Foto: Keystone, Visualisierung: TA

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Der Sechseläutenplatz gehört zu jenen Dingen, die aus Zürich so etwas wie eine Stadt von Welt machen. Ein bisschen italienische Piazza, ein Hauch Mailänder Scala, die unzwinglianische Weite erinnert gar an russische Prachtsplätze. Bald könnte der Sechseläutenplatz noch internationaler werden: Google soll Hauptsponsor des Sechseläutenplatzes werden, wie Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigen.

Die Stadt muss künftig mit weniger Einnahmen aus Platzmieten rechnen. Bürger und links-grüne Politiker wollen mit ihrer Initiative «Freier Sechseläutenplatz» die Nutzung für Anlässe von heute 185 Tagen im Jahr auf 65 Tage beschränken. Der Stadtrat schlägt eine Kompromisslösung von maximal 125 Veranstaltungstagen vor. Die Vermietung ihres grössten Platzes ist für die Stadt ein lukratives Geschäft: Für einen Monat Gastrecht zahlt etwa der Circus Knie über eine halbe Million Franken.

Stadt will Namen erhalten

Das Tiefbaudepartement von Filippo Leutenegger (FDP) will das künftige Engagement von Google auf dem Sechseläutenplatz nicht kommentieren. Ein Sprecher bestätigt jedoch, dass «Gespräche mit potenziellen Finanzpartnern» geführt würden. Es sei absehbar, dass die Zahl der Anlässe auf dem Sechseläutenplatz reduziert werden müsse.

Leuten­egger räumte schon früher ein, dass die Stadt im Einweihungsjahr 2014 zu viele Veranstaltungen bewilligt habe. «Vor diesem Hintergrund prüft die Stadt, wie die finanziellen Einbussen kompensiert werden können. Private Sponsorings sind eine interessante Option», heisst es beim Tiefbaudepartement. Das sei nur die halbe Wahrheit, sagt ein Kadermann des US-Unternehmens, das vor kurzem neue Büros im Gebäude der Sihlpost bezogen hat: Die Gespräche zwischen Google und der Stadt stünden kurz vor Abschluss.

«Die Stadt sollte mehr Sensibilität für die historische Bedeutung dieses Platzes zeigen.» Jost Fetzer, Städtebau-Experte

Edler Valser Quarzit unter amerikanischem Einfluss – das dürfte bei vielen Zürchern schlecht ankommen. Aus der Sportwelt kennt man absurde Beispiele von Stadien, die nach ihren Sponsoren benannt werden. Wird der Böögg also künftig auf dem «Ground Google» in die Luft gejagt? Oder trinken wir an einem schönen Sommertag unseren Kaffee bald auf dem «G Square»? Vielleicht – immerhin etwas mediterraner – auf der «Piazza Google»?

Die Stadt wehrt ab: Der Sechseläutenplatz behalte seinen Namen «auf jeden Fall.» Doch ein Hauptsponsor – dem Vernehmen nach soll Google jährlich einen mittleren einstelligen Millionenbetrag zahlen – hätte gemäss Tiefbaudepartement das Recht, «sich auf eine angemessene Art sichtbar zu machen». Eine interne Projektskizze, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt, zeigt: An den drei der Strasse zugewandten Seiten des Platzes soll mittels einer speziellen Technik der Schriftzug «Sechseläutenplatz» in den Boden eingraviert werden – in der bekannten bunten Google-­Schrift. Weiter will Google eigene Infotafeln auf dem Platz aufstellen – ähnlich der aktuellen Ausstellung über die Pfahlbauer. Zu besonderen Gelegenheiten sollen die aus dem Boden sprudelnden Wasserfontänen nachts farbig beleuchtet werden.

Wichtiger Platz für Zürich

Wäre nicht auch ein Schweizer Unternehmen zu finden gewesen, das für den Sechseläutenplatz Geld lockergemacht hätte? Die NZZ, deren Redaktion unmittelbar neben dem Platz liegt, bestätigt eine entsprechende Anfrage der Stadt. Aus finanziellen Gründen komme ein Engagement allerdings nicht infrage. Angesichts der misslichen Lage der Medien müsse man wohl bald selbst überlegen, sich einen Namenssponsor zuzulegen, scherzt ein Mitglied der Chefredaktion hinter vorgehaltener Hand. Auch beim Kaufhaus Globus klopfte die Stadt gemäss Recherchen an – ebenfalls vergeblich.

Samuel Hug, Präsident des Initiativkomitees «Freier Sechseläutenplatz», ist empört über die Sponsoringpläne: «Die Stadt verscherbelt damit ein Stück Zürcher Tradition.» Es sei nicht im Sinne des Komitees, dass die Stadt auf die drohende Nutzungseinschränkung rea­giere, indem sie «den öffentlichen Raum auf eine schändliche Art kommerzialisiert». Auch Städtebau-Experte Jost Fetzer ist skeptisch: «Die Stadt sollte mehr Sensibilität für die historische Bedeutung zeigen, die dieser Platz nicht nur für Zürich, sondern für die ganze Schweiz hat.»

So wurde im Zweiten Weltkrieg der Sechseläutenplatz – der damals noch «Tonhalle-Platz» hiess – durch die Anbauschlacht zum Raps- und Kartoffelfeld; ein paar Jahrzehnte später löste 1980 der Opernhauskrawall in unmittelbarer Nähe die Jugendunruhen aus.

Petition gestartet

Stellt sich die Frage, inwiefern Google Einfluss auf die Veranstaltungsagenda nehmen wird. Verdrängen bald Platzfeste für die Zooglers – wie sich die über 2000 Zürcher Google-Leute nennen – Weihnachtsmarkt und Züri-Fäscht vom Sechseläutenplatz? Beim Tiefbaudepartement heisst es lediglich, an Traditionsanlässen wie dem Sechseläuten oder dem Gastspiel des Circus Knie werde festgehalten. Katja Weber, Organisatorin des Weihnachtsdorfs auf dem Sechseläutenplatz, ist alarmiert: «Ich erwarte, dass wir Veranstalter unverzüglich über die Pläne informiert werden.»

Google schweigt, solange der Vertrag nicht abgeschlossen ist. Der Kadermann sagt, sein Arbeitgeber sei sich bewusst, welche Bedeutung der Sechseläutenplatz für die Zürcher habe. «Doch ein solch grosszügiger Platz kostet. Mit dem Sponsoring leistet Google seinen Beitrag an eine lebenswerte Stadt.» Dank ­Googles Bekenntnis zu Zürich – Hunderte weitere Büros in der Europaallee sind geplant – könnte die Stadt zu einem europäischen Silicon Valley werden. Und warum nicht, meint der Mitarbeiter, sich Spielereien erlauben – etwa ein Böögg auf der Startseite von Google.ch an Sechseläuten oder ein Google-Logo ganz in Blau-Weiss?

Für Katja Weber klingt das wie ein Hohn. Sie hat zusammen mit anderen Veranstaltern eine Unterschriftensammlung gestartet, um die Stadt von ihrem Vorhaben abzuhalten. Der Name der Petition: «Gegen die Googleisierung des Sechseläutenplatzes.»

Die Petition «Gegen die Googleisierung des Sechseläutenplatzes» wird heute Samstag zwischen 11 und 12 Uhr vor dem Café Collana auf dem Sechseläutenplatz lanciert. Interessierte sind eingeladen, ihre Unterschrift abzugeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2017, 20:39 Uhr

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