Ärger im Zürcher Kreis 5 – «diese Planung ist Schrott»

Die Zollstrasse entlang der Geleise wird umgestaltet – anders als versprochen aber ohne Sperren für Autos. Das kommt schlecht an.

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Noch reihen sich im Kreis 5 zwischen Gleisfeld und Zollstrasse die Brachen aneinander. Doch schon in drei Jahren steht dort die «Gleistribüne» mit 139 Wohnungen und unmittelbar beim Perron 18 des Hauptbahnhofs die «Gleisarena» mit Büros, Gewerbe- und Gastroflächen. An der Einmündung zur Langstrasse baut die Genossenschaft Kalkbreite bis 2020 ihr «Zollhaus».

Bei so viel Bautätigkeit ist auch die Stadt gefordert. Die Zollstrasse soll den Veränderungen angepasst werden. Das Tiefbauamt hat das entsprechende Bauprojekt öffentlich ausgeschrieben. Demnach will die Stadt die Strasse mit einer Alleen aufwerten und den Belag erneuern. Auf Seite des neuen Genossenschaftsbaus sind neue Veloabstellplätze geplant, das Trottoir wird auf Teilstücken beidseitig verbreitert, die Autos dürfen mit Tempo 30 im Einbahnverkehr von der Langstrasse in die Zollstrasse einfahren, Velos sind im Gegenverkehr zugelassen.

Ein neuer Platz fürs Quartier

Die grösste Veränderung erfährt die Zollstrasse an der Stelle, wo sie sich mit der Josef- und der Hafnerstrasse kreuzt. Dort entsteht mit dem Louis-Favre-Platz eine neue Begegnungszone mit Tempo 20 und Fussgängervortritt – die dritte dieser Art in der Stadt Zürich.

Heute befinden sich an dieser Stelle im Schatten eines einzigen Baumes 11 Parkplätze. Künftig sollen dort sechs Bäume stehen – drei davon mit Rundbänken. Die Parkplätze werden verschoben. Auf dem SBB-Areal, das unmittelbar an diesen Platz angrenzt, ist zudem ein Brunnen geplant. Das Quartier bekommt so einen neuen Aufenthaltsort, wo bisher niemand länger als nötig verweilen wollte.

«Konflikte mit Fussgängern sind vorprogrammiert»

Die Neugestaltung der Zollstrasse bringt also durchaus Positives mit sich – allerdings nicht für die Radfahrer, findet Dave Durner, Geschäftsführer von Pro Velo Kanton Zürich. «Auf einer der wichtigsten Velorouten der Stadt stehen Sitzbänke und Parkplätze im Weg. Konflikte mit Fussgängern sind vorprogrammiert.» Er bezeichnet die Planung schlicht als «Schrott». «Die Stadt Zürich beweist damit einmal mehr, dass sie unwillig und unfähig ist, gute Veloinfrastruktur zu planen.»

Eine «komplette Fehlplanung» nennt Markus Knauss, Geschäftsführer des VCS Sektion Zürich, das Projekt Zollstrasse. Er versteht nicht, was an diesem mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestens erschlossenen Standort «das krampfhafte Festhalten an jedem einzelnen Strassenparkplatz» soll. Gerade die Bewohner dieses Quartiers hätten immer weniger Autos, sagt Knauss, «und Strassenparkplätze vor einer autofreien Wohnsiedlung sind ein Affront».

Versprechen nicht eingehalten

Knauss weist darauf hin, dass die für Autos durchgängig befahrbare Strasse im Widerspruch zu den Versprechen steht, die im «Privaten Gestaltungsplan Zollstrasse» vom März 2013 gemacht wurden. Dort ist festgehalten, dass mit der neuen Verkehrsorganisation die Strasse zwischen Radgasse und Sihlquai sowie zwischen Acker- und Klingenstrasse für den motorisierten Verkehr gesperrt werden soll. Ziel dieser Massnahme ist gemäss Gestaltungsplan, die Schleichverkehrroute zwischen der Langstrasse und dem Sihlquai zu unterbinden.

«Das Fahrverbot im Abschnitt Radgasse-Sihlquai ist in eine Begegnungszone umgewandelt worden. Dort hat der Fussverkehr Vortritt vor allen anderen Verkehrsteilnehmenden», kontert Stadtingenieur Vilmar Krähenbühl vom Zürcher Tiefbauamt die Vorwürfe. Im Bezug auf die geplante Sperre im Abschnitt Acker- und Klingenstrasse hält er fest, dass das Verkehrsaufkommen in diesem Bereich der Zollstrasse sehr gering sei. Deshalb sei ein Fahrverbot nicht mehr notwendig.

Parkplätze nicht nach Belieben abbauen

Er weist zudem darauf hin, dass die Zollstrasse im Gebiet des Historischen Kompromisses liege – oberirdische Parkplätze müssten in unterirdische Anlagen verschoben werden. An der Gesamtzahl der öffentlich zugänglichen Parkplätze darf sich nichts ändern. «Wir können also nicht nach Belieben Parkplätze abbauen.»

Auch die Kritik, dass es an Platz für Velofahrende fehle, weist Krähenbühl zurück: Im Bereich des neuen Zollhauses werde die Fahrbahnbreite gegenüber der heutigen Situation sogar verdoppelt. «Diese Verbesserung kommt dem Veloverkehr zugute.» Und punkto Platzierung der Sitzbänke und Bäume hält der Stadtingenieur fest, dass diese erst im weiteren Projektverlauf noch definiert werde.

Das Mitwirkungsverfahren dauert noch bis zum 8. Mai. Einwendungen gegen das Projekt können innerhalb der Auflagefrist schriftlich per Post an das Tiefbauamt der Stadt Zürich gerichtet werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2017, 12:30 Uhr

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Was wo gebaut wird

Die Baufelder der Zollstrasse



Rot: Das Baufeld des Zollhauses
Blau: Das Baufeld der «Gleistribüne»
Gelb: Das Baufeld der «Gleisarena»

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