«Drogen sollten auf jeden Fall legalisiert werden»

Die Organisation Arud setzt sich seit 25 Jahren für einen risikoarmen Umgang mit Drogen ein. Der Erfolg der Anfänge wird heute zum Problem, sagt Chefarzt Thilo Beck.

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Die Gründung der Organisation Arud ist eine direkte Reaktion auf die Schliessung des Platzspitz. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Damals starben Menschen auf offener Strasse an Drogen. Es ist unglaublich, dass die Gesellschaft so lange zusehen konnte. Heute ist es fast unvorstellbar, dass in einer Stadt wie Zürich eine solche Szene entstehen konnte. Dieses Versagen hat mich schockiert. Und es hat mich tief beeindruckt, wie schnell die niederschwellige Versorgung mit Methadon Entlastung brachte. Die Arud war eine Pionierorganisation, wie sie im Buche steht. Sie irritierte mit ihren Forderungen und setzte mit ihrer Methadonabgabe für Heroinabhängige eine Praxis durch, die damals noch illegal war. Doch der Erfolg von damals ist heute unser grösstes Problem.

Wie meinen Sie das?
Die positive Wirkung der Viersäulenpolitik wird heute nicht mehr wahrgenommen, weil es dank der damals entwickelten Unterstützungs- und Behandlungsangebote eben keine offenen Drogenszenen mehr gibt. Jetzt kommen bereits Fragen, warum die Substitutionsbehandlung der Schwerstsüchtigen von den Krankenkassen bezahlt wird und sie nicht selbst dafür aufkommen müssen. Die Leute haben vergessen, dass erst durch die Methadonabgabe das Drogenelend von der Strasse verschwunden ist. Die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Suchtkranken nimmt in der Bevölkerung wieder zu. Es herrschen noch immer Vorurteile, die absolut keine Berechtigung haben.

Welche Vorurteile sind das?
Man wirft Süchtigen charakterliche Defizite vor. Es seien moralisch schwache Menschen, die selbst Schuld an ihrer Situation haben. Einige sagen sogar, sie hätten sich mit ihrem Suchtverhalten versündigt. Diese Abstrafung ist ausgesprochen heikel. Viel wichtiger wäre es, sie dabei zu unterstützen, ihre Sucht besser in den Griff zu bekommen und damit wieder mehr Selbstverantwortung übernehmen zu können. Denn Schwerstsüchtige sind Menschen, die mit weniger Glück als wir Normalkonsumenten gesegnet sind und in der überwiegenden Zahl der Fälle von Anfang an mit einem höheren Risiko belastet und suchtgefährdet waren, ohne sich das willentlich ausgesucht zu haben.

Sie konnten also gar nicht anders, als süchtig zu werden?
Es gibt tatsächlich Menschen, die aufgrund ihres Erbguts empfindlicher auf Substanzen reagieren. Sie haben mehr Mühe damit, ihren Konsum zu kontrollieren. Einige hatten eine schwere Kindheit, sind emotional verwahrlost aufgewachsen mit oft schweren Traumatisierungen. Andere leiden unter zusätzlichen psychischen Erkrankungen oder Beeinträchtigungen. Das ist ebenfalls ein Faktor, der dazu beitragen kann, dass ein Mensch Probleme mit Drogen bekommt. Aber das ist kein Selbstverschulden, sondern ein Grund, Betroffenen Unterstützung anzubieten.

Geht es nicht mehr darum, mit Drogen Spass zu haben?
Doch, bei der Mehrheit der Konsumenten ist das so. Nur 10 Prozent der Menschen, die Substanzen mit Suchtpotenzial konsumieren, werden tatsächlich abhängig – und eben diese 10 Prozent sind mit den genannten Risikofaktoren belastet. Manchen gelingt es aber auch ohne Therapie, ihre Sucht wieder unter Kontrolle zu bringen oder sogar ganz auf Drogen zu verzichten.

«Menschen wollen nicht ganz auf Drogen verzichten. Das muss ja nicht heissen, dass man gleich die Kontrolle über den Konsum verliert.»Dr. Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie Arud-Zentren für Suchtmedizin

Ist Verzicht denn das Ziel?
Nein, diese Vorstellung ist veraltet. Abstinenz ist ein Zustand, der für einige gut sein mag, für andere aber nicht erstrebenswert oder zum gegebenen Zeitpunkt unerreichbar ist. Betrachten wir den Alkoholkonsum in der Schweiz: 88 Prozent trinken Alkoholika, und nur 12 Prozent haben sich für Abstinenz entschieden. Das spricht für sich. Menschen wollen nicht ganz auf Drogen verzichten. Das muss ja nicht heissen, dass man gleich die Kontrolle über den Konsum verliert.

Welche Drogen sind derzeit besonders beliebt?
Neben Tabak wird eindeutig am häufigsten Alkohol konsumiert. Bei dieser Droge gibt es auch besonders viele Risikokonsumenten. Das sogenannte Binge-Drinking, bei dem innert kürzester Zeit möglichst grosse Mengen Alkohol getrunken werden, ist beispielsweise bei den 25- bis 30-Jährigen sehr angesagt. Nur gerade 10 Prozent der Menschen, die einen problematischen Alkoholkonsum haben, sind in einer Therapie. Hier gibt es viel Handlungsbedarf.

Sind illegale Drogen heute kein Problem mehr?
Der Konsum illegaler Drogen ist nach wie vor eine Realität in unserer Gesellschaft – nicht mehr und nicht weniger. Die Zahl der Konsumenten illegaler Drogen ist aber viel kleiner. Es sind Freizeitkonsumenten, die hauptsächlich Cannabis und in deutlich geringerer Zahl Kokain gebrauchen.

«Ein perfektes Mittel zur Leistungssteigerung ist noch nicht erfunden worden, und der angebliche Missbrauch von Ritalin wird medial aufgeblasen.»Dr. Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie Arud-Zentren für Suchtmedizin

Ist Heroin auch noch ein Teil dieser Realität?
Heroin ist als Leitdroge verschwunden. Die Heroinepidemie ist seit den 90er-Jahren abgeklungen. Wir haben heute praktisch keine Neueinsteiger mehr. Die Patienten, die wir behandeln, sind durchschnittlich 45 Jahre alt und haben Ende der 80er-Jahre mit dem Heroin begonnen. Der Konsum dieser Droge war damals eine Form des Protests. Die Jugendlichen wollten sich damit der Gesellschaft verweigern. Heute gilt sie als Loserdroge. Sie passt nicht mehr zum Zeitgeist.

Dafür versuchen junge Leute, ihre Leistung mit Amphetaminen zu steigern.
Leistungssteigerung ist heute tatsächlich ein grosses Thema. Ein perfektes Mittel dazu ist aber noch nicht erfunden worden, und der angebliche Missbrauch von Ritalin wird medial aufgeblasen. Es stimmt zwar, dass vor allem Studenten damit experimentieren. Allerdings belegen Studien inzwischen auch, dass die meisten den Ritalinkonsum wieder abbrechen. Wer bereits ein überdurchschnittliches Leistungsniveau zeigt, gibt unter Amphetamineinfluss sogar eher ab. Der Leistungsdruck bei Jugendlichen ist aber insgesamt bedenkenswert.

Inwiefern?
Sogar in ihrer Freizeit müssen junge Menschen konstant Leistung erbringen. Selbst beim Partymachen. Mehrtägige Events sind heute längst etabliert. 72 Stunden gut gelaunt durchzustehen und dabei so viel rauszuholen wie nur irgend möglich, hat auch mit Leistung zu tun.

Und mit Drogenkonsum.
Ja. Gemäss unseren Befragungen findet ein starker Mischkonsum statt. Partygänger konsumieren MDMA mit Kokain oder Alkohol mit Amphetamin. Cannabis und Tabak gibts zu allem dazu. Solange dieser Konsum nur in der Freizeit stattfindet und die Lebensführung – sei es im Beruf oder Privat – nicht weiter beeinträchtigt, ist dagegen nichts einzuwenden.

«Heroin gilt heute als Loserdroge»: Thilo Beck im Pavillon auf dem Platzspitz. (Bild: Raisa Durandi/TA)

Sollte man Drogen legalisieren?
Auf jeden Fall.

Warum?
Lässt man einmal alle Vorurteile weg und betrachtet das Thema logisch und rational, findet sich kein Argument gegen eine Legalisierung der Substanzen. Ein Verbot von Drogen funktioniert nicht und macht Prävention unmöglich, weil wir die Konsumenten nicht erreichen und sie nicht über die Risiken informieren können. Ein Dealer wird hingegen jeden zum Konsum animieren. Wer eine Substanz auf dem Schwarzmarkt kauft, kann sich weder über die Qualität des Stoffes sicher sein, noch weiss er über die Dosierung Bescheid. Würde man die Substanzen legalisieren, könnte man diese Probleme minimieren. Aber wir sind aus ideologischen Gründen blockiert und lassen diese Logik gar nicht zu.

Und was schwebt Ihnen genau vor? Amtlich bewilligte Drogenkioske?
In welcher Form diese Regulierung umgesetzt werden könnte, müsste man natürlich noch definieren und im Weiteren gemäss den Erfahrungen laufend anpassen. Die Frage wäre dabei auch, ob ein staatliches Monopol auf die Drogenabgabe erfolgen müsste oder ob Firmen unter bestimmten Bedingungen diese Aufgabe übernehmen können. Auf jeden Fall könnte man so den Markt regulieren und mafiöse Strukturen bekämpfen, die heute hinter dem Drogenhandel stecken.

Weshalb funktioniert das Drogenverbot nicht?
Die meisten Schäden, welche wir bei Suchtpatienten feststellen, sind nicht auf den Drogenkonsum selbst zurückzuführen, sondern auf die Umstände, unter denen diese Menschen aufgrund ihrer Sucht leben mussten. Sie sind eindeutige Folgen der Illegalität. Man kann selbst mit einem regelmässigen Heroinkonsum alt werden, wenn die Beschaffungskriminalität wegfällt. Drogenkonsum wird immer ein Teil der Gesellschaft sein. Er lässt sich nicht verbieten, und die Erfahrung zeigt, dass Repression mehr schadet als nützt. Wir von der Arud werden uns auch in Zukunft dafür einsetzen, dass man sich dieser Realität nicht verschliesst und einen vernünftigen Umgang sowohl mit Drogen als auch mit Konsumenten findet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2016, 10:33 Uhr

«Nur 10 Prozent der Menschen, die Substanzen mit Suchtpotential konsumieren, werden tatsächlich abhängig»: Dr. Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie Arud Zentren für Suchtmedizin (Bild: Raisa Durandi / TA)

Dr. Thilo Beck

Thilo Beck ist Chefarzt Psychiatrie der Arud. Er studierte zunächst Rechtswissenschaften bevor er in die Medizin wechselte. 1992 schloss er sein Studium ab, arbeitete danach in verschiedenen psychiatrischen Kliniken der Schweiz sowohl im ambulanten als auch stationären Bereichen und spezialisierte sich auf die Suchtmedizin. Der lizenzierte Psychiater ist Vorstandsmitglied der SSAM (Swiss Society of Addiction Medicine) und Mitglied der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS. (tif)

25 Jahre Arud

Im November 1991 gründete eine Gruppe von Ärzten und Fachleuten aus dem Suchtbereich als Reaktion auf die Platzspitz-Schliessung die “Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen” - kurz Arud. Seit ihrer Gründung setzt sich die Arud für die Entkriminalisierung, Entstigmatisierung und für die Gesundheit und Lebensqualität von Suchtkranken ein und hat zur Entwicklung der Zürcher Viersäulenpolitik (Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression) beigetragen. Sie hat ihr Angebot und Tätigkeitsfeld kontinuierlich ausgebaut und zählt heute zu den grössten Institutionen im Bereich der Suchtmedizin.

Bereits im Februar nach der Gründung eröffnete die Arud das Zentrum Aussersihl, die erste niedrigschwellige Institution mit methadongestützten Behandlungen für Heroinabhängige in der Schweiz. 1994 folgte das Zentrum Stampfenbach, 2002 das Zentrum Horgen und 2006 das Zentrum Hauptbahnhof, wo die Arud Behandlungen bei Schwierigkeiten mit Kokain, Cannabis und Designerdrogen anbietet.

Seit 2006 betreibt die Organisation in Kooperation mit der Zürcher Aids-Hilfe das Gesundheitszentrum Checkpoint Zürich für homosexuelle Männer und Sexarbeiter. Im selben Jahr eröffnete die Arud in Zusammenarbeit mit der Jugendberatung Streetwork das Drogeninformationszentrum DIZ, wo auch Drug-Checkings möglich sind. Seit sieben Jahren zählt auch die umfassende Behandlung von Personen mit Alkoholproblemen zum Angebot der Arud.

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