In Zürich trocknet Dyson alle ab

Die Stadt ersetzt alle Handtrockner in ihren WC-Anlagen durch moderne Turbinentrockner. Die Vergabe ist aber kaum durchschaubar.

Was darf es nach dem Toilettenbesuch sein: Ein Textilhandtuchspender oder ein Kaltluft-Turbinentrockner? Die Meinungen der Zürcherinnen und Zürcher dazu im Video. (Video: Lea Blum und Mario von Ow)

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Alle müssen manchmal, die Frage ist nur, wie. Die Rede ist vom Händewaschen und Händetrocknen nach dem Toi­lettenbesuch. Jener Pflicht, die ein gut erzogenes Dasein verlangt. Vor allem auf öffentlichen Toiletten ist nie so ganz klar, was einen dort erwartet: Sind es rauhe Papierservietten, waschbare Stoffhandtuchspender oder gar edle, flauschige Frotteetücher, mit denen man die Hände trocknen kann?

In den letzten Jahren wurde das Sortiment durch Kaltluft-Turbinentrockner ergänzt. Die Hauptvorteile dieser Hochdruckgebläse: Hygiene und Tempo – mit einer Windgeschwindigkeit von über 600 Kilometern pro Stunde werden Hände innert Sekunden getrocknet. Auch die Stadt Zürich hat sich von diesen Geräten überzeugen lassen. Unter Stadtrat André Odermatt (SP) setzt das Hochbaudepartement in den öffentlichen WCs sukzessive auf sie.

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Die Umstellung auf die neuen Trockner verärgert die Anbieter herkömmlicher Systeme. Unternehmer A. R., der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, verkauft und unterhält mit seiner Firma RVR sogenannte Stoffhandtuchspender. Seit 2002 beliefert der Basler Familienbetrieb auch einen Teil der 1600 städtischen Liegenschaften. In den besten Zeiten generierte seine Firma 8 bis 10 Prozent des Jahresumsatzes dank städtischer Aufträge. Doch seit die Immobilienverwaltung des Zürcher Hochbaudepartements (Immo) den Kaltluft-Turbinentrocknern den Vorzug gibt, bricht der Umsatz weg – die Stoffhandtuchrollen der Firma RVR werden langsam ersetzt, Stück für Stück. Mehrere Verträge wurden in den vergangenen Monaten gekündigt.

Nur noch kalte Luft statt Stoff

«Die Stadt betreibt Salamitaktik und agiert absolut intransparent», kritisiert A. R. Mehrfach versuchte der Unternehmer, einzelne Kündigungen rechtlich anzufechten – bisher vergeblich. Der Entscheid der Immo steht schon mehrere Jahre fest: Die Stadt will nur noch Kaltluft-Händetrockner, keine Stofftücher mehr. Erstmals wurde das im Geschäftsbericht 2013 des Hochbaudepartements öffentlich kommuniziert. Der Wechsel wurde damals wirtschaftlich und ökologisch begründet. Auch wenn A. R.s Kampf aussichtslos erscheint: Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die städtische Vergabepolitik.

Details über die geplante Umstellung wurden gegen aussen keine kommuniziert. Weder war bis anhin bekannt, wie viele Kaltluft-Turbinentrockner die Stadt in der Vergangenheit installierte, noch, wie viele es in Zukunft sein werden. Die Angaben wären relevant: Am Wert eines Auftrags misst sich, ob ein Geschäft öffentlich ausgeschrieben werden muss oder nicht. Im Hochbaude­partement beträgt der Schwellenwert 250'000 Franken. Die Immo unterhält rund 7500 WC-Anlagen. Ein Dyson-Gerät des Typs Airblade ist ab 1000 Franken erhältlich. Setzt die Stadt ihr mehrfach formuliertes Vorhaben um und stattet alle WCs mit Kaltluft-Turbinentrocknern aus, entsteht ein Auftrag in der Höhe von mehreren Millionen Franken. Selbst dann, wenn die Stadt mit dem Hersteller einen Rabatt aushandelt.

Was darf es nach dem Toilettenbesuch sein: Ein Textilhandtuchspender (l.) oder ein Kaltluft-Turbinentrockner? Fotos: Dominique Meienberg (links), Sabina Bobst (rechts)

Beschwerde beim Bezirksrat

Bis anhin stellte sich die Stadt auf den Standpunkt, dass sich die Umstellung auf die neuen Geräte noch in der «Testphase» befinde. Dies geht unter anderem aus einem Schreiben vom September 2015 hervor. Damals teilte die Immo-Anwältin der Firma RVR mit, dass bisher nur «vereinzelt Geräte» zu Testzwecken angeschafft worden seien. «Allerdings», hält die Anwältin fest, käme es «selbstverständlich» zu einer Ausschreibung, würde eine grössere Anzahl der Geräte angeschafft. Weil die Stadt jedoch keine genaueren Angaben über die erwähnte Testphase machen wollte, reichte die Firma RVR im Juni 2016 eine Aufsichtsbeschwerde beim Bezirksrat Zürich ein. Diese blieb bis heute unbeantwortet. Gemäss Angaben der Stadt soll «nach den Sportferien» eine Antwort ­erfolgen.

Auch zu einer Ausschreibung des Geschäfts ist es bisher nicht gekommen. Dies, obwohl die Umstellung auf Kaltluft-Turbinentrockner seit 2013 beschlossene Sache ist und seither laufend neue Geräte angeschafft werden. Auf Anfrage gibt die Stadt zunächst ebenfalls den Testlauf als Grund für das Ausbleiben einer Ausschreibung an. Auf mehrfache Nachfrage gibt das Hochbaudepartement dann dennoch bekannt, wie viele Kaltluft-Turbinentrockner bisher angeschafft wurden: Es sind 300 bis 400 Geräte, allesamt der Marke Dyson. Im Laufe der Recherche von Tagesanzeiger.ch/Newsnet korrigiert sich die Stadt plötzlich: «Wir können nicht mehr von einer Testphase sprechen», sagt Mediensprecher Matthias Wyssmann, diese sei «eigentlich abgeschlossen». Aufgrund der hängigen Aufsichtsbeschwerde der Firma RVR habe man «mit der Ausschreibung zugewartet».

Einzig Dyson kommt zum Zug

Gemäss Stadt verhindert also die Aufsichtsbeschwerde eines Familienbetriebs eine öffentliche Ausschreibung. Das müsste nicht sein: Rechtlich gesehen, dürfte die Stadtverwaltung jederzeit eine Ausschreibung lancieren. In der Zwischenzeit werden weiter fleissig Dyson-Geräte montiert. Ohne dass die Konkurrenz eine Chance erhält: «Wenn im laufenden Betrieb Händetrockner ersetzt oder bei Neubauten installiert werden, greift die Stadt zu dieser viel öko­logischeren und kostengünstigeren Lösung», sagt Wyssmann.

Zudem hätte nichts dagegengesprochen, die Ausschreibung schon vor der Aufsichtsbeschwerde – also vor September 2016 – zu starten. Die Stadt hatte damals schon jahrelange Erfahrung mit den Geräten. Einige Trockner sind bereits seit Jahren im Einsatz. Gemäss Angaben des Hochbaudepartements sind vereinzelte Kaltluft-Turbinentrockner schon vor 2013 in städtischen Immobilien installiert worden. Den Zuschlag erhielt immer Dyson, obwohl es vergleichbare Geräte anderer Anbieter gibt. Dennoch darf die englische Firma sich nicht zu früh über den städtischen Millio­nenauftrag freuen. Das Hochbaudepartement versichert auf Anfrage, dass es nun zu einer öffentlichen Ausschreibung kommen werde. Allerdings frühestens dann, wenn die Aufsichtsbeschwerde der Firma RVR beantwortet sei. Diese könnte eine allfällige Ablehnung anfechten und damit die Ausschreibung weiter verzögern.

Die unvollständige Kommunikation der Stadt wird an einem weiteren Beispiel deutlich. Der Firma CWS-Bocco Suisse, welche die Stadt ebenfalls mit Stoffhandtuchrollen beliefert, war die flächendeckende Umstellung auf die neue Technik unbekannt. «Gäbe es eine Entscheidung der Stadt Zürich gegen Handtuchspender, wären wir mit unserem Geschäft betroffen», sagt Sprecherin Valérie Locher. Die Firma rechnet weiter mit grossflächigen Aufträgen. Das Hochbaudepartement gibt allerdings auf Anfrage bekannt, dass künftig nur in «Ausnahmefällen» von einem Wechsel auf die neue Technik abgesehen wird – etwa dann, wenn sich eine Schulklasse durch die lauten Geräte gestört fühlt.

Unternehmer A. R. kämpft inzwischen weiter um Aufträge in Zürich. Derweil schielt er auf andere Märkte: «In China habe ich gute Kontakte», sagt der RVR-Geschäftsführer. Das ökologische Bewusstsein in Asien werde immer grösser, weshalb er gute Chancen für seine Stoffhandtuchrollen sehe. Klappt es mit China, dann wäre er seine Sorgen mit der Stadt Zürich wohl los.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2017, 23:21 Uhr

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