Ein Blocher als Banknote

An einem gediegenen Fest im Kongresshaus feierte die SVP unter massivem Polizeischutz. Sogar Schweizer Sackmesser wurden bei Politikern konfisziert.

Historiker Christoph Mörgeli würdigte den langjährigen SVP-Präsidenten Christoph Blocher. Foto: Doris Fanconi

Historiker Christoph Mörgeli würdigte den langjährigen SVP-Präsidenten Christoph Blocher. Foto: Doris Fanconi

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Es war nicht wie vor hundert Jahren – es war reinstes Mittelalter. Eine tiefe Baugrube vor dem Kongresshaus bildete am Sonntag einen Burggraben. Links und rechts baute die Polizei Gitter auf. Das Kongresshaus war eine Festung.

Ein Grossaufgebot der Polizei sichert das Gelände rund um das Kongresshaus in Zürich. Die Demonstranten hatten angekündigt, die SVP-Feier stören zu wollen. (Video: Tamedia)

Wie streng die Sicherheitskräfte am Eingang auch bei höchsten SVP-Würdenträgern Handtaschen und Hosensäcke filzten, erlebte der Zürcher Fraktionspräsident Jürg Trachsel. Sein obligates Schweizer Sackmesser wurde prompt konfisziert. 1450 Gäste feierten den runden Geburtstag ohne Zwischenfälle bei Reden, einem Apéro riche und lüpfigen Tönen der Kapelle von Ländlerkönig Carlo Brunner.

Der sonst eher stille neue Zürcher Parteipräsident Konrad Langhart lief in seiner Begrüssungsrede zu grosser Form auf. Er illustrierte die 100-jährige Geschichte der SVP anhand der Motive auf den Schweizer Hunderternoten. 1917, zur Gründung der Bauernpartei, habe die Note einen Bauern beim Mähen mit der Sense gezeigt. Es folgten Wilhelm Tell und der heilige Martin. Die heutigen Noten entsprächen dem Zeitgeist – «abstrakte Skizzen», so Langhart. Auf den nächsten Hunderter gehöre, so der SVP-Präsident, ein Porträt von Christoph Blocher, denn er verankere den Wertemassstab in diesem Land und habe an vorderster Front für Freiheit, Unabhängigkeit und Sicherheit gekämpft.

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Dann lüftete der 2015 als Nationalrat abgewählte Christoph Mörgeli das Geheimnis, was er im letzten Jahr getan hat: Er stellte sein 750-seitiges, reich illustriertes Buch «Bauern Bürger Bundesräte» (Orell Füssli) vor, an dem er als Historiker ein Jahr gearbeitet habe. «Es ist leicht zu lesen, auch wenn es ein Professor geschrieben hat», so die erste Würdigung von Blocher.

Bei Mörgeli zeigte sich für viele eine neue Facette: Er ist als Dozent und Geschichtenerzähler angenehm, unterhaltend und witzig. So diagnostizierte er für die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) Ende der 60er-Jahre einen fatalen Mittekurs, wie ihn heute die CVP zeige. «Ist ja klar, dass man da Wähler verliert.» Mörgeli zeigte auch Bilder von frühen Regierungsräten mit monströsen Schnauzbärten und sagte zu SP-Regierungspräsident Mario Fehr: «Lassen Sie doch Ihren Schnauz auch wachsen, dann hätten die Juso mehr Respekt.»

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Mario Fehr, ein Vertreter der verpönten «Linken und Netten», hatte die Gäste nach vier Worten im Sack: «Liebe Fraue und Manne», begann er in Blocher-Manier. Und dankte dann als Erstes der Polizei, welche verhindere, dass Demonstranten mit Gewalt Andersdenkende mundtot machten.

Marco Cortesi, Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich im Interview.

«Wir konnten Störaktionen verhindern», sagt Marco Cortesi. Video: Patrice Siegrist

Als Christoph Blocher (76) ans Rednerpult schritt, erhoben sich die Leute und johlten, bevor dieser ein einziges Wort sagte. «Ich kann nicht versprechen, dass ich bei der 200-Jahr-Feier nicht mehr dabei bin», sagte er – und alle lachten. Die Partei dürfe heute für einen einzigen Tag sich und unsere wunderbare Schweiz feiern, «aber morgen müssen wir wieder an die Säcke». SVP-Bundesrat Ueli Maurer begrüsste die Gäste besonders kurz: «Hoi mitenand!» Er wünschte der SVP, dass sie sich weiterhin für «Freiheit, Sicherheit, Eigenverantwortung und ganz viel Chrampfe für das Land» einsetze. Rührseliger Höhepunkt waren zum Schluss die gemeinsam mit der Sursilvaner Compagnia Rossini gesungene Nationalhymne und das Lied «Luegid vo Bärge und Tal».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 21:56 Uhr

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