ETH-Professoren wollen Ölheizungen verbieten

43 Wissenschaftler verlangen in einer Initiative ein Verbot von fossilen Brennstoffen für das Beheizen von Gebäuden. Nur so könne Zürich seine Klimaziele erreichen.

Zeichnung: Felix Schaad

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Es war ein eindringlicher Appell, den Hansjürg Leibundgut, emeritierter Professor für Gebäudetechnik an der ETH, gestern im Zürcher Rathaus an die Öffentlichkeit richtete: «Wir müssen viel mehr tun für den Klimaschutz, und zwar schnell.» Sowohl Stadt und Kanton hätten sich hehre Klimaziele gesetzt, doch einen Plan, wie diese zu erreichen seien, gebe es nicht. Leibundgut hat deshalb genug vom «Palaver» der Politiker.

Zusammen mit 43 Wissenschaftlern unterstützt er eine gestern ein­gereichte Einzelinitiative von Niklaus Haller. Er ist ein an der ETH promovierter Architekt. Die Initiative verlangt, dass die CO2-Emissionen auf der Verbrennung von fossilen Brennstoffen stufenweise auf null gesenkt werden. Die Initiative biete Gewähr, dass der jährliche CO2 pro Person von heute über 3 auf 2,2 Tonnen im Jahr 2050 gesenkt werden kann, wie es das Zürcher Energiegesetz verlangt.

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21.2%

2152 Stimmen


Unterstützt wird das Begehren unter anderem von ETH-Rektorin Sarah Springman, Klimaforscher Thomas Stocker, Thomas Bernauer, ETH-Professor für Politikwissenschaft, sowie den Architekturprofessoren Kees Christiaanse und Vittorio Lampugnani.

Leibundgut, der in den 80er-Jahren als Chefbeamter im Bereich Lufthygiene und Gebäudetechnik für die kantonale Baudirektion gearbeitet hat, weiss, dass der geplante Ausstieg ganz einfach vollzogen werden kann. Im Kanton werde für jedes Gebäude über die Feuerungskontrolle systematisch erfasst, wie hoch der C02-Ausstoss aus Öl und Gas ist. In Hallers Einzelinitiative ist in zwei Tabellen genau festgelegt, wann der maximale Ausstoss um wie viel gesenkt würde. Die erste Tabelle für Neubauten ist strenger. Hier müssen die Heizanlagen bereits in 10 Jahren CO2-frei sein. Die zweite Tabelle für bestehende Anlagen sieht einen etwas sanfteren Ausstieg vor.

Leibundgut beteuert, dass dieser Vorschlag für Hauseigentümer keine Mehrkosten generieren werde. Man habe darauf geachtet, dass die Ausstiegstabelle für bestehende Gebäude auf die üblichen Erneuerungszyklen von Ölheizungen abgestimmt sei. Die Initiative biete nicht nur Gewähr, dass das C02-Klimaziel erreicht wird, sie biete auch Planungssicherheit: «Hausbesitzer wissen weit im Voraus, wann sie ihre Heizungen austauschen müssen, Investoren können sich überlegen, ob es noch Sinn macht, Shell-Aktien zu kaufen. Und der Fuhrhalter kann sich frühzeitig ausrechnen, ob er einen neuen Heizöltanklaster noch amortisieren kann.» Auch die öffentliche Hand könne besser planen, etwa beim Bau von Gasleitungen oder bezüglich der Zukunft der staatlichen Heizöltanklager.

Leibundgut und Haller sind überzeugt, dass es derzeit genügend Möglichkeiten gibt, Gebäude C02-neutral zu heizen. Eine davon haben die Wissenschaftler an der ETH in diversen Versuchsliegenschaften bereits zur Marktreife gebracht. Es handelt sich um ein ausgeklügeltes System mit Hybridkollektoren, Erdsonden und Wärmepumpen mit dem Namen 2SOL.

Die Initiative verlangt nur den Ausstieg aus der fossilen Wärmegewinnung. Wie ein Gebäude geheizt und wie Warmwasser aufbereitet werden soll, lässt sie offen. So können Hausbesitzer etwa Erdsonden, Schnitzelheizungen, Wärmedämmung oder auch Solarenergie einsetzen, um die verlangte C02-Neutralität zu erreichen. Für Niklaus Haller ist die Initiative auch für die Schweizer Volkswirtschaft von grossem Nutzen: «Jeder Franken, den wir nicht mehr für Erdöl nach Saudiarabien zahlen, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit künftig in der Schweiz investiert.»

Politische Chancen intakt

Durchsetzen wollen die Wissenschaftler ihr Anliegen auf eher unübliche Art. Leib­undgut unterstrich aber, dass eine Einzelinitiative der direkteste Weg zum Erfolg sei: «Die Zeit drängt.» Die Klima­erwärmung lasse kein weiteres Zögern zu. Zudem haben die Wissenschaftler vorsondiert, wie Hallers Einzelinitiative im Kantonsrat ankommt. Laut Leibundgut ist ihr die Unterstützung von Rot-Grün sicher. Die 60 Stimmen für die vorläufige Unterstützung werde die Initiative «locker» schaffen.

In einer zweiten Runde, wenn eine Mehrheit (mindestens 91 Stimmen) nötig wird, dürfte es enger werden. Hansjürg Leibundgut rechnet sich aber auch dort Chancen aus, denn: «Mich interessiert, wer von den anderen Parteien den Mut zum Nein-Stimmen aufbringt.» Sollte es auch in einer zweiten Abstimmung für ein Ja reichen, müsste es schon ein halbes Jahr später eine Volksabstimmung geben.

Sollte die Initiative im Kantonsparlament scheitern, wäre dies nicht das Ende. Dann würden die Wissenschaftler den Umweg über eine Volksinitiative nehmen. Laut Leibundgut wäre es ein Leichtes, in wenigen Wochen 6000 Unterschriften zu sammeln.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.08.2015, 23:31 Uhr)

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