Zürich
Öffentliche Toiletten für eine halbe Million Franken
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Roderick Hönig
Der Architekt und Publizist (39) betreut bei «Hochparterre», der Zeitschrift für Architektur und Design, das Dossier «Kunst – und – Bau».
Vorbild: Das Häuschen in der Baugrube im chinesischen Chongqing. (Bild: Keystone )
Was halten Sie vom Restaurant am Escher-Wyss-Platz, das auch ein Kunstwerk sein soll?
Ich habe das Projekt gerade diese Woche an der Architekturbiennale in Venedig gesehen, wo ein Teil der Fassade im Massstab 1:1 ausgestellt war. Und ich finde es toll.
Weshalb sollen auch jene Zürcher, die sich nicht so brennend für Kunst interessieren wie Sie, vom Nagelhaus begeistert sein?
Das beste Pro-Argument ist: Man muss die Geschichte, welche die Künstler erzählen wollen, gar nicht kennen, man muss nicht wissen, dass das Restaurant auch ein Kunstwerk ist. Jeder kann dort einkehren, einen Kaffee trinken und auf die Toilette gehen. Das Projekt macht den Zürchern ein Angebot, das sie nutzen können. Wie das etwa auch der Prime Tower mit einem Restaurant im obersten Geschoss machen wird.
Trotzdem: Die Stimmberechtigten könnten das Nagelhaus mit dem umstrittenen Hafenkran am Limmatquai in Verbindung bringen.
Zu Recht. Bei beiden Projekten handelt es sich um Kunst im öffentlichen Raum, und bei beiden ist viel Geld im Spiel. Von der Idee her sind sie aber nicht vergleichbar. Der Hafenkran will maritime Stimmung in Zürich erzeugen und bietet keinen direkten Nutzen. Er ist viel mehr visuelle Provokation als das unter der Brücke versteckte Nagelhaus, das ans Thema Stadterneuerung erinnern will und aus dem Unort am Escher-Wyss-Platz einen Treffpunkt macht.
Welche Geschichte wollen die Künstler erzählen?
Das Nagelhaus ist ein Mahnmal des Protestes gegen den Bau- und Immobilienboom in China und wurde ihm geopfert. Ähnliches geschieht im Kreis 5.
China im Kreis 5?
Auch Züri-West wird umgebaut, wenn auch nicht in diesem enormen Ausmass wie in China, wo ganze Stadtquartiere umgepflügt werden. Die Zürcher müssen das Projekt mit der Sanierung der Hardbrücke und den grundlegenden städtebaulichen Veränderungen im Industriequartier in Verbindung bringen. Dort entsteht in den nächsten 15 Jahren ein neues Quartier mit mehreren Wohnüberbauungen, mit der Hochschule der Künste, einer neuen Tramlinie und vielleicht mit einem Fussballstadion.
Wieso muss ausgerechnet Zürich das Nagelhaus retten?
Weil es wie kein anderes Haus auf der Welt an die Erneuerung der Stadt mahnt. Will sich eine Stadt entwickeln, muss man Dinge aufgeben können, damit Neues entsteht. Das ist die Parallele zu China. Am Nagelhaus lässt sich die Diskussion um die Erneuerung der Stadt beispielhaft führen. Das ist der Sinn der Sache. Die künstliche Rettung des Gebäudes ist so gesehen eine ironische.
Weshalb lohnt es sich, dafür 6 Millionen Franken auszugeben?
In Zürich kostet eine öffentliche Toilette schnell einmal eine halbe Million Franken. Grundsätzlich ist Bauen für die Öffentlichkeit in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern absurd teuer. Da können die Künstler nichts dafür. Dafür wird das Nagelhaus siebzig Jahre alt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.08.2010, 06:45 Uhr




