Flüchtlingsdrama rüttelt Kirchgemeinden auf

Die kirchliche Basis organisiert für die Vertriebenen Wohnungen, Mittagstische und Unterricht. Wobei die Reformierten den Ton angeben – und Wohlwollen ernten.

Die Familie Hamu aus Syrien im alten Kirchgemeindehaus Neumünster: Ayshe, Bedrie, Afshin, Mezgin, Dzhamil und Lawa (von links). Foto: Dominique Meienberg

Die Familie Hamu aus Syrien im alten Kirchgemeindehaus Neumünster: Ayshe, Bedrie, Afshin, Mezgin, Dzhamil und Lawa (von links). Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im alten Kirchgemeindehaus Neumünster an der Zollikerstrasse leben zwei Familien aus Syrien – 14 Flüchtlinge mit unterschiedlichem Status. Ein anerkannter Flüchtling arbeitet, die Kinder gehen zur Schule. Sozialdiakonin Dorothea Näf koordiniert ein Team von fünf bis zehn Leuten, die sich um die Flüchtlinge kümmern, sie besuchen, mit den Kindern spielen, ihnen die Stadt zeigen oder sie in den Zoo mitnehmen. Die beiden Wohnungen hat die reformierte Kirchgemeinde seit April an die Asylorganisation Zürich (AOZ) vermietet, allerdings nur als Zwischennutzung. Solidarität und Wohlwollen seien gross, sagt Pfarrer Res Peter, ob von der Bevölkerung oder vom Quartierverein. Gross sei auch der Berg von Spielsachen und Kleidern, die abgegeben würden. Einwände von politischer Seite habe es keine gegeben.

Die gleiche Erfahrung macht Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist, der in der Notwohnung des Kirchgemeindehauses Helferei eine Familie anerkannter syrisch-kurdischer Flüchtlinge einquartiert hat. Wohl werde er auf der Gasse teils mit aggressiver Kritik konfrontiert. Insgesamt aber sei das Wohlwollen gross, gerade auch in bürgerlichen Kreisen und in seiner bürgerlichen Kirchenpflege. Die Bilder in den Medien – von den Flüchtlingsmassen in Budapest oder vom Flüchtlingsdrama bei Wien – hätten grosse Wirkung, ja ein Umdenken bestärkt, dass man zumindest auf der humanitären Ebene etwas für die Flüchtlinge tun wolle. Sigrist erhält laufend Anfragen von Kirchgemeinden und Privaten, die sich für Flüchtlinge jeder religiöser Herkunft engagieren wollen.

Andere reformierte Kirchgemeinden sind dabei, Projekte aufzugleisen: Höngg, Affoltern, Oberstrass, selbst Goldküstengemeinden. Die reformierte Kirchenpflege Bubikon vermietet eine leerstehende Pfarrwohnung für fünf Jahre an das dortige Sozialamt. Dieses wird in der Wohnung anerkannte Flüchtlinge aus Syrien einquartieren – trotz ­einiger Bedenken aus der Gemeinde. In Uetikon wurde der bereits vor einem Jahr gemachte Vorschlag, das leerstehende Pfarrhaus an acht bis zehn Flüchtlinge zu vermieten, aus rechnerisch-sachlichen Gründen fallen gelassen.

Philippe Dätwyler, Kulturbeauftragter der reformierten Landeskirche, wird am kommenden Donnerstag alle für Flüchtlinge engagierten Kirchenleute zu einem Treffen einladen. «Sie sollen erfahren, was die anderen machen, um zu einer gemeinsamen Position und Vision zu gelangen.» Eingeladen sind Freiwillige, bei Beratungsstellen oder Kirchgemeinden Angestellte bis hin zu Mitarbeitern der Migrationskirchen, wo viele Flüchtlinge ein und aus gehen. Dätwyler schwebt die Gründung eines Thinktanks vor, der begleitende und beratende Funktion für den Kirchenrat hätte.

Neben Unterkünften für Flüchtlinge entstehen in den Kirchgemeinden auch diakonische Projekte. Kommenden Montag eröffnet Pfarrerin Jaqueline ­Sonego Mettner in Meilen das Café Grüezi International. Einen Treffpunkt, wo sich jeweils am Montagmorgen Asylsuchende und Flüchtlinge mit Einheimischen auf Deutsch austauschen können. Seit langem stark frequentiert sind die Mittagstische verbunden mit Deutschunterricht in Altstetten und an der Offenen Kirche St. Jakob.

«Schärfste Proteste»

Laut Pfarrerin Verena Mühlethaler strömen jeden Freitag 120 bis 150 Flüchtlinge zum Deutschunterricht mit anschliessendem Gratismittagessen ins Kirchgemeindehaus Aussersihl. Das mit dem Solidaritätsnetz Zürich angebotene Projekt besteht seit 2009. Zurzeit sind im Kirchgemeindehaus mehrere Flüchtlinge vorübergehend untergebracht. Mühlethaler könnte sich vorstellen, als Notlösung 10 bis 15 Flüchtlinge aufzunehmen. Sie ist überzeugt, dass in leerstehenden Pfarrhäusern Leute mit B-Ausweis (Aufenthaltsbewilligung) und F-Ausweis (vorläufig aufgenommene Ausländer) aufgenommen werden könnten, die so in den Asylzentren Platz für Neuankommende machen würden.

Die Bevölkerung sei froh, dass die über lange Zeit viel zu stillen Kirchen endlich etwas machten, sagt Mühlethaler. Sie ist Mitinitiantin der Migrationscharta linker Theologen, die die trägen Kirchenleitungen aufrütteln wollen, «schärfsten Protest» gegen die aktuelle Migrationspolitik einzulegen. Der Zürcher Kirchenrat habe sich noch nicht zur Charta geäussert, sagt sie. Vor kurzem hat er gar aus Spargründen die Migrationsstelle von Gabriela Bregenzer von 80 auf 60 Prozent gekürzt. Ausgerechnet diese Stelle hat im Mai an einer Impulstagung die Kirchgemeinden aufgerufen, für die Flüchtlinge aktiv zu werden.

Zurückhaltende Katholiken

Die katholische Zürcher Kirche reagiert bisher zurückhaltender auf die Flüchtlingsnot als die reformierte. Einige Pfarreien haben Betreuungsmöglichkeiten geschaffen: So Küsnacht/Erlenbach ein Café international für Flüchtlinge. Seit 2011 bietet die Pfarrei St. Felix und Regula Zürich-Hard jeden Mittwoch mit dem Solidaritätsnetz einen Mittagstisch samt Deutschunterricht an. Die katholische Kirchgemeinde Winterthur sucht zwei Wohnungen, um dort anerkannte Flüchtlinge unterzubringen. Die Kirchgemeinde Dietikon hat bereits eine Wohnung an syrische Frauen vermietet. Anders als Einsiedeln nimmt das Kloster Fahr keine Flüchtlinge auf, vorläufig ­jedenfalls. Da die Klosteranlage zurzeit renoviert werde, gebe es bis Ende 2016 keine leerstehenden Räume, sagt Priorin Irene Gassmann. Man könne sich aber vorstellen, später Frauen und Kinder aufzunehmen.

Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist erklärt die Zurückhaltung der katholischen Kirche mit deren zentralistischem Hang, die Diakonie an die Caritas zu delegieren. In der reformierten Kirche mit ihrer starken Betonung der Gemeindeautonomie sei auch die Verantwortung für das gesellschaftliche Leben viel stärker lokal verankert. Gemäss Aschi Rutz, Sprecher der katholischen Kantonalkirche Zürich, hat deren Spitze gestern Regierungsrat Mario Fehr vorgeschlagen, dass die Kirchgemeinden dort aktiv werden wollten, wo dies Kanton und politische Gemeinden wünschten. Für diesen Fall hätten mehrere Pfarreien eine Wohnung für Flüchtlinge in Aussicht gestellt.

Die katholische Kirche wolle aber nicht auf Aktionismus machen, so Rutz. Vielmehr unterstütze sie die Flüchtlinge auf anderen Wegen. Sie habe jüngst gegen eine halbe Million Franken via Caritas und Jesuiten an Projekte in Syrien und im Irak verteilt. Auch unterstütze sie die Seelsorge im Bundesasylzentrum Juch oder die Beratungsstelle für Asyl­suchende. Das tut die reformierte Kirche ebenso. Erstaunlicherweise aber sind auf der Ebene der Kirchgemeinden bisher keine ökumenischen Angebote für Flüchtlinge geplant.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.09.2015, 23:07 Uhr)

Artikel zum Thema

Juncker will weitere 120'000 Flüchtlinge umverteilen

Der EU-Kommissionspräsident will auf die «sehr dringliche Situation» in Italien, Ungarn und Griechenland reagieren. Merkel und Hollande fordern derweil eine Aufnahmequote. Mehr...

Flüchtlingskrise ist «ein deutsches Problem»

Hunderte Flüchtlinge stürmen in Budapest Züge. Nach der Abfahrt stoppt ein Zug in einem Lager. Und der ungarische Regierungschef wettert gegen Berlin. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Sponsored Content

Herbstzeit ist Messezeit!

Besuchen Sie die beliebtesten Messen der Schweiz.

Die Welt in Bildern

Wenn der Säbel juckt: Als Wikinger verkleidet kämpfen australische Teilnehmer des St. Ives-Mittelalter-Festival in Sydney gegeneinander. (24. September 2016)
(Bild: Dan Himbrechts) Mehr...