«Hildebrand hat unglaublich viele PS»

Wie die Rede von Ex-Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand am «Tages-Anzeiger»-Meeting angekommen ist.

«Trump und Brexit sind Warnschüsse»: Der ehemalige Präsident der SNB war zu Gast im Schiffbau. Video: Lea Blum und Silvana Giger

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Sie sind das wohl glamouröseste Paar der Schweiz: der frühere Nationalbankpräsident und Schwimm-Schweizer-Meister Philipp Hildebrand und Margarita Louis-Dreyfus, Erbin der Dreyfus Group und eine der reichsten Frauen der Welt. Beide waren am Dienstagmorgen der Ein­ladung von «Tages-Anzeiger»-Verleger Pietro Supino und Tamedia-Chef Christoph Tonini ans traditionelle Zeitungs­meeting gefolgt. Vor 300 Vertretern aus Medien, Politik, Wirtschaft und Kultur gab Hildebrand einen verständlichen Überblick über die aktuellen politischen Risiken und die Grenzen der Zentralbanken.

Er hätte schon vor fünf Jahren am TA-Meeting sprechen sollen, trat aber wenige Tage zuvor als SNB-Präsident zurück im Zusammenhang mit Devisentransaktionen seiner damaligen Frau. Von seinem Vater Jakob Hildebrand, der ebenfalls anwesend war, habe er früh gelernt, dass Versprechen eingehalten werden müssten, so Hildebrand junior. «Heute ist der Zeitpunkt wohl noch spannender», sagte Supino, «zumal Volkswirte bekanntlich erst morgen erklären können, warum heute nicht eintritt, was sie gestern vorausgesagt haben.»

Hildebrand gelang es, in ruhigen und unaufgeregten Worten einen Blick hinter die weltweite Wirtschaftspolitik zu werfen. Die Wahl von Trump und der Brexit seien erste Warnschüsse gewesen, wenn sich in der Wirtschaftspolitik nichts ändere, werde es zu weiteren kommen. Hildebrand ist heute Vice Chairman des Finanzdienstleisters BlackRock in London, der mit 5,1 Billionen Dollar der grösste Vermögensverwalter der Welt ist.

«Der beste Kommunikator, den ich kenne»

Einer, der Hildebrand aus gemein­samen Zeiten im Bankrat SNB kennt, ist der Zürcher Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP): «Hildebrand ist der beste Kommunikator, den ich kenne.» Und weiter: «Seine Analyse ist richtig, dass die Finanzpolitik keine Verlierer zurücklassen darf.» Die Zürcher Stadtschreiberin Claudia Cuche-Curti sagte: «Da bin sogar ich als Juristin aus den komplexen volkswirtschaftlichen Zusammenhängen drausgekommen.» ACS-Präsidentin Ruth Enzler, Juristin und Psychologin, sagte es so: «Hildebrand hat unglaublich viele PS – und bringt sie alle auf den Boden.»

Überraschendste Erkenntnis nach dem Vortrag: Politiker aller Couleurs waren überzeugt, dass Philipp Hildebrand einer der Ihren sei. Philipp Kutter, CVP-Fraktionschef im Kantonsrat, sagte: «Das waren klare CVP-Worte. Er sprach von massvoller Regulierung, Ausgleich und Menschenwürde. Dieses Wort hab ich noch nie bei FDP oder SVP gehört.» Doch auch FDP-Nationalrätin Doris Fiala war begeistert: «Das war schlicht brillant.» Besonders der zurzeit so hippe Begriff «inklusives Wachstum» hat es Fiala angetan. «Das erklärt das Schweizer Erfolgsmodell: freier Markt, Solidarität und Auffangnetze für die weniger Begüterten.» Der städtische Sozialminister Raphael Golta (SP) wiederum spürte «viel aus dem SP-Programm» in Hildebrands Vortrag. Er sei «weggekommen vom WEF-Groove» und habe auch viel von den Minderbemittelten gesprochen.

Die Inklusion beim inklusiven Wachstum

Die allgemeine Zustimmung ging noch weiter. Grossmünster-Pfarrer ­Christoph Sigrist fühlte sich «wie in einer Kirche bei einer Predigt vor der versammelten Gemeinde». Die Inklusion beim inklusiven Wachstum, das sei «genau der Begriff der Kirche». Hildebrand habe es meisterhaft geschafft, eine Auslege­ordnung zu präsentieren, «in der jeder sein Töpfchen findet». Für Rudolf Strahm, Volkswirtschaftler, ehemaliger Preisüberwacher und SP-Nationalrat, war der Vortrag ein «Highlight», weil Hildebrand seinen Blick über den Finanzmarkt hinausgeworfen und auch auf das historische Fundament abgestützt habe. Erstaunlich sei auch, dass Hildebrand als «total bürgerlicher Finanzmensch» die deklassierte, frustrierte weisse Mittelschicht in den USA und in England als kritischen Faktor erkannt habe.

Das Haar in der Suppe fand dann doch noch BaZ-Chefredaktor Markus Somm: «Hildebrand ist mir zu wenig selbstkritisch – schliesslich war er damals selbst ein Teil der Finanzkrise.» Als ihm Tim Guldimann, der ehemalige Schweizer Botschafter in Berlin und heutige SP-Nationalrat, widersprach, konterte Somm: «Du gehörst eben auch zu dieser Elite, welche die Internatio­nalisierung von Politik und Wirtschaft gut findet.»

Stolz war auch Jakob Hildebrand. Das Reden habe sein Sohn wahrscheinlich von ihm geerbt. Als IBM-Manager war Vater Hildebrand mit seiner Familie mehrere Jahre in den USA. Margarita Louis-Dreyfus, eine gebürtige Russin, plauderte ohne Allüren und in perfektem Deutsch mit vielen Gästen. Viel Neues habe sie von ihrem Partner heute nicht gehört – «ausser ein paar Details über die Schweiz».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2017, 23:22 Uhr

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