«Ich kann nicht sprechen – ich bin Mutist»

Dominik Meier spricht seit seinem 4. Lebensjahr nicht mehr mit Fremden. Wie er mit dieser Krankheit im Alltag zurechtkommt.

Anweisungen geben ohne Worte: Dominik Meier bei einem Fotoshooting. (Video: Lea Blum)

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Dominik Meier sagt kein Wort. Seine braunen Augen blicken nach oben. Er überlegt kurz und fängt an, etwas in sein Handy zu tippen. Ich sitze ihm in einem Zürcher Café gegenüber und warte, bis er fertig getippt hat. Er hält mir den Bildschirm seines Smartphones entgegen: «Ich kann mir auch nicht erklären, wieso ich nicht spreche», steht da. Eine Art «Phobie, ein irrationaler Angstzustand», wie er schreibt. «Willst du denn gerne sprechen können?», frage ich. Seine Lippen bleiben geschlossen, seine Finger hüpfen erneut über den Bildschirm. «Natürlich. Aber schon der blosse Gedanke löst Panik in mir aus.»

Kennen gelernt habe ich Dominik auf einem Konzert, das er fotografierte. Als ich den 27-Jährigen fragte, ob er dies für eine Zeitung oder privat mache, hebt er den Finger und signalisierte: Warte kurz. Er holte sein Handy aus der Tasche, tippte und hielt mir den Bildschirm entgegen. Darauf stand, dass er die Sängerin privat kenne. Die Art der Kommunikation überraschte und irritierte mich. Vorsichtig fragte ich ihn, wieso er nicht mit mir spreche. «Ich kann nicht sprechen – ich bin Mutist», lautete die Antwort auf dem Smartphone.

Blockade im Kopf

Für die meisten Menschen gehört das Sprechen wie das Atmen zum Leben. Für Dominik Meier ist es ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht, dass seine Sprechorgane es nicht zulassen würden. Die sind intakt. Nicht, weil er nichts zu sagen hat. Er hat viel zu sagen. Sondern weil er in seinem Kopf eine Blockade hat, die er nicht überwinden kann. Auch wenn er es möchte.

Dominik hat selektiven Mutismus. Der 27-Jährige spricht mit seiner Mutter und einer Handvoll Personen, mit denen er vor seinem 4. Lebensjahr bereits gesprochen hat. Denn im Kindergarten hat alles angefangen. «Ich musste ihn zwingen, da hinzugehen», sagte seine Mutter. Damals fiel auf, dass Dominik nicht mehr spricht. «Die Kindergartenlehrerin sagte, dass es sich nur um Anfangsschwierigkeiten handle. Das Sprechen werde mit der Zeit schon kommen.» Doch Dominik schwieg weiter.

Nie ohne Smartphone unterwegs: Dominik kann sich mit einer Textapp problemlos mitteilen.

Als seine Mutter den Antrag zum Schuleintritt stellen sollte, stellte sich die Frage, ob er in eine normale Klasse gehen könne. Das konnte er nicht. «Für mich war diese Zeit traumatisch. Es hat sich eine Art Taskforce aus Lehrern, Schulpsychologen und Eltern von Schülern gebildet, um mein Problem anzugehen», schreibt Dominik. Mit der Situation seien alle überfordert gewesen. Niemand habe verstanden, wieso er nicht spreche. Er nippt an seinem Espresso und hält kurz inne.

Alle hätten gedacht, wenn man genügend Druck aufsetze, würden die Worte schon kommen, erinnert sich Dominik. «Man hat meiner Mutter viele Vorwürfe gemacht; sie sei nicht streng genug gewesen oder habe nicht alles versucht.» Weil sich seine Mutter keine teuren Sonderschulen leisten konnte, schickte sie Dominik in eine von der IV bezahlte Sonderklasse. «Diese war überhaupt nicht geeignet für ihn. Dominik war ein sehr intelligentes Kind, hat sich Lesen, Schreiben und Rechnen selbst beigebracht», sagt seine Mutter. In der Sonderklasse war er unterfordert. In einer gewöhnlichen Klasse wollte man ihn aber nicht haben. «Obwohl er blitzgescheit war, hatte er darauf kein Anrecht», sagt sie.

Kehrtwende dank Fotografie und Tennis

Zahlreiche Therapien folgten. «Nichts hat geholfen», schreibt Dominik. Irgendwann habe er sich derart unter Druck gefühlt, dass er gar nicht mehr aus dem Haus wollte. «Ich verweigerte den Kontakt zu anderen. Zu gross war die Angst, dass man mich nicht akzeptiert.» Die Folgen seien Selbstzweifel und Depressionen gewesen. Da war er gerade 13 Jahre alt. Auch zu Therapien war er nicht mehr bereit. «Das war eine schlimme Phase für mich.» Sein Selbstvertrauen war schwach, seine Schlafgewohnheiten schlecht, und er verlor viel Gewicht. Arbeiten konnte er nicht. Finanzielle Unterstützung erhielt er von der IV. Einen strukturierten Alltag gab es nicht.

Mit 16 Jahren kam endlich die Wende: «Meine Interessen haben mich zurück ins Leben geholt: Fotografieren und Tennis.» Dadurch kam Dominik wieder unter Leute. Zuerst mit seinem Nachbarn beim Federball, dann beim Tischtennis mit Bekannten und später im Tennisclub. «Ich habe gelernt, offener mit meinem Mutismus umzugehen, darüber zu sprechen.» So habe er gelernt, sich selbst zu akzeptieren. Im Tennisclub fand er neue Freunde, die ihn akzeptieren, wie er ist.

Mittags trifft er häufig seinen Tenniskollegen Dominik Crnjac. An diesem Wintertag treffen sie sich in der Sporthalle Vitis in Schlieren. Auch sein Tenniskumpel war anfangs überrascht von Dominiks Art zu kommunizieren. «Während des Spiels spricht er vor allem durch Handzeichen.» Allerdings würden sie sich so bestens verständigen, sagt Crnjac. Man könne ja gar nicht nicht-kommunizieren, sagt er in Anlehnung an die fünf kommunikativen Grundregeln des bekannten Psychotherapeuten und Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick.

Dominiks Kollege erzählt, warum sie sich beim Tennis auch ohne Worte verstehen.

Trotz seines Schweigens macht Dominik einen kontaktfreudigen Eindruck. Es scheint, als habe er einen selbstverständlichen Umgang mit seinem Manko gefunden. Auch bei der Fotografie findet Dominik Mittel und Wege zu kommunizieren. Dies zeigt sich am Nachmittag bei einem Fotoshooting. Dominik fotografiert den Zürcher Musiker und Schauspieler Foscky Pueta. «Klar war ich am Anfang verwundert und fragte mich, wie so ein Shooting mit einem schweigenden Fotografen ablaufen würde», sagt Foscky. «Aber er kann sehr gut gestikulieren und zeigt, was er sagen will.»

Die Reaktionen auf Dominiks Schweigen seien sehr unterschiedlich: «Ich habe schon alle erdenklichen Reaktionen erlebt. Von Lachen über Ungläubigkeit bis hin zu Konsternation. Das zu beobachten, ist spannend, mittlerweile finde ich es sogar lustig», tippt er auf sein Handy. Früher hätten ihn die Reaktionen verunsichert. Heute will er sich den Situationen stellen.

Vor allem aber mit Frauen sei es schwer, in Kontakt zu kommen. «Ich habe Angst, mich auf jemanden einzulassen», schreibt er. Durch Arbeit, Menschenkontakt und Sport wachse aber seine Offenheit. Er wolle selbstständiger werden und ist im Januar bei seiner Mutter ausgezogen. «Das konnte ich mir lange nicht vorstellen, aber seither ist auch unsere Beziehung besser geworden. Ich bin unabhängiger, das motiviert mich.»

Schweigen als Schutzmechanismus

Seit kurzem hat sich Dominik aus eigener Initiative bei einer Therapeutin gemeldet und startet einen weiteren Versuch, sein Schweigen zu durchbrechen. Heidi Zogg ist Psychotherapeutin. Mit ihr zusammen arbeitet Dominik die Ursache für seinen Mutismus auf. «Sein Schweigen ist eine Art Schutzfunktion, die aus Verlustängsten entstanden ist», sagt Zogg.

Die alleinerziehende Mutter musste ihn oft zur Obhut abgeben. Dies erlebte Dominik als traumatisch. Den Übergang vom Hort zum Kindergarten erlebte Dominik ein weiteres Mal als erneute Trennungssituation, die er nicht mehr verarbeiten konnte. Im Kindergarten reagierte er mit Mutismus.

«Dies geschieht auf einer unbewussten Ebene. Die Schutzfunktion ist aber im heutigen Alter nicht mehr notwendig», sagt Zogg. Allerdings sei der Mutismus zu einem Teil seiner Identität geworden. «Ein Identitätswandel ist ein langer Weg, die Chance, den Mutismus zu überwinden, ist besser, weil er selektiv ist.»

Kommunizieren geht so oder so

Mit seiner Arbeit als Fotograf konnte Dominik Fortschritte machen und schon einige Projekte umsetzen. Nach kleineren Aufträgen innerhalb der Familie konnte er erste Schritte in der professionellen Fotografie machen. Er fotografierte Hochzeiten, schoss Bewerbungsfotos und durfte Bilder für die Website des Kongresshauses Zürich machen. Durch Freunde knüpfte er Kontakte in der Musikszene, machte Künstlerporträts und Fotos für Zeitungen.

Mittlerweile erhält er regelmässig Aufträge. Sein Schweigen war dabei nie ein Problem. Auf seiner Website steht keine Telefonnummer, denn telefonieren kann er nicht. Seinen Alltag kann er trotzdem bestreiten. Er könne sich zwar nicht vorstellen zu reden wie ein Buch. «Aber hier und da mal ein Wort oder einen Satz, das muss möglich sein. Das ist mein Ziel.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.12.2016, 12:32 Uhr

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Bei Mutismus handelt es sich um ein psychogenes Schweigen. Eine sehr seltene, emotional bedingte Störung. «Die Ursachen des Mutismus sind vielfältig und noch wenig erforscht», heisst es bei der Interessengemeinschaft Mutismus Schweiz. Häufig tritt das Problem bei sensiblen Kindern auf, wenn deren Bedürfnis nach Zuwendung, Liebe und Sicherheit vernachlässigt wird oder wenn durch negative Erfahrungen soziale Ängste entstanden sind.

Man unterscheidet den totalen Mutismus (wenn das Kind mit gar niemandem redet) – vom selektiven Mutismus. Bei letzterem spricht das Kind mit einigen auserwählten Personen bzw. in einem räumlich oder zeitlich begrenzten Umfeld. Heilen kann man den Mutismus in den meisten Fällen durch verschiedene Formen der Psycho-, Sprach- und Verhaltenstherapie.

Das lateinische Wort «mutus» bedeutet stumm. Es gibt keine repräsentativen Zahlen für die Schweiz. In Fachbeiträgen wird oft von 2 bis 5 von 10'000 Kindern gesprochen.

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