Ihr Schweigen sorgt für Unruhe

Konflikte in der Schule, unzufriedene Eltern, Kündigungen: Der Führungsstil der Schulkreispräsidentin Mirella Forster beschäftigt jetzt auch den Bezirksrat.

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Antworten. Das war es, was die vielen Eltern vom Schulhaus Bungertwies in einem Saal im Quartier erwartet hatten. Endlich sollte die Schulkreispräsidentin ihre Sicht der Dinge darlegen, erklären, warum sie die Krise in ihrer Schule eskalieren liess. Vergeblich. Mirella Forster antwortet auch an diesem Abend Anfang Jahr nicht. Sie sitzt mit ernster Miene vor dem Publikum und sagt so gut wie nichts, verweist lediglich auf den Persönlichkeitsschutz der Betroffenen oder einen späteren Zeitpunkt. So bleiben die Fragen der Eltern unbeantwortet. Einmal mehr.

So wie jenen Eltern geht es vielen im Schulkreis Zürichberg, die mit der Schulkreispräsidentin zu tun haben. Im Schulhaus Ilgen, im Münchhalde, im Kartaus oder im Hirslanden. Egal, ob man Politiker oder Lehrpersonen fragt, für alle ist Mirella Forster in ihrer Funktion kaum präsent. Sie vermissen Forsters Strategien, wie die geleiteten Schulen weiterentwickelt oder stabilisiert werden sollen, und vor allem eine aktive Kommunikation. In einem Elternratsprotokoll aus dem Ilgen vom Juli 2016 steht unter der Rubrik Kreisschulpflege: Die Kommunikation zwischen Eltern und Behörde werde kritisiert, man versuche, die Situation zu verbessern.

Schwelender Konflikt

Zu einem persönlichen Gespräch und einem Fototermin mit dem «Tages-Anzeiger» war Mirella Forster nicht bereit. Die schriftlich formulierten Fragen zu ihrer Arbeit und ihrem Verständnis von Schule wollte sie mit Hinweis auf ein laufendes Verfahren gegen sie nicht beantworten, und ebenso wenig wollte sie zu den Vorwürfen Stellung nehmen.

Knapp 40 Eltern vom Bungertwies haben Anfang März den juristischen Weg gewählt, um sich Gehör zu verschaffen. Eine Mutter sagt: «Wir haben Brücken gebaut, aber wir wurden nur abgeblockt. Deshalb der Schritt.» Die Aufsichtsbeschwerde, die dem TA vorliegt, ist derzeit beim Bezirksratspräsidenten Mathis Kläntschi (Grüne) hängig. Darin wird Forsters Handeln in der Krise als «völlig inkompetent» bezeichnet. Sie habe den Konflikt zwischen Team und anderen Anspruchsgruppen bagatellisiert. Er endete mit der Kündigung einer Lehrperson auf Ende Schuljahr und danach mit dem Abgang der Schulleiterin. Eine Strategie zur Entschärfung des Konfliktes habe es nicht gegeben. Gegenüber der NZZ hatte Forster vor einigen Wochen eingeräumt, die Heftigkeit der Vorwürfe mache sie betroffen. Mögliche Fehler hat sie bisher nicht eingestanden. Doch wer ist diese schweigende Chefin?

«Ideale Bedingungen schaffen»

Wirklich laut wurde es nur bei Forsters Wahl 2014. Die heute 61-jährige Juristin ergatterte für die FDP im zweiten Wahlgang den Sitz des Kreisschulpräsidiums, mit einem Vorsprung von 126 Stimmen auf Balz Bürgisser von den Grünen. Ihm fehlten zahlreiche Stimmen der SP. Diese hatte nach dem ersten Wahlgang ihre Kandidatin zurückgezogen und unterstützte die FDP-Kandidatin statt den Mittelschullehrer und ehemaligen Prorektor vom Rämibühl.

Forster ist seit 2010 Mitglied der Kreisschulpflege, wusste also, was das Amt für Pflichten mit sich bringt. Hauptberuflich war sie zuvor über 30 Jahre lang bei der Jugendstaatsanwaltschaft und der Oberjugendanwaltschaft tätig gewesen. Dass sie auch pädagogische Erfahrung hat, strich sie bei ihrer Wahlkampagne heraus. Sie bringe einige Jahre Unterrichtserfahrung auf der Primar- und der Oberstufe mit und kenne die Herausforderungen von Lehrpersonen im Schulalltag ebenso gut wie die Anliegen von Eltern. Die zweifache Mutter versprach: «Ich setze mich ein für ideale Rahmenbedingungen, damit sich unsere Kinder erfolgreich entwickeln können.»

Als Präsidentin führt sie ein Team von 24 Schulpflegern, hat 17 Schulen mit rund 3200 Kindern unter sich und verdient 190'000 Franken im Jahr. Ein Teil davon fliesst in die FDP-Parteikasse.

Als Präsidentin führt sie heute ein Team von 24 Schulpflegern, hat 17 Schulen mit rund 3200 Kindern unter sich und verdient 190'000 Franken im Jahr. Ein Teil davon fliesst in die Parteikasse. Seit April 2016 ist Forster zudem im Vorstand der Stadtzürcher FDP. Öffentliche Auftritte waren in den drei Jahren ihrer Amtszeit als Präsidentin rar. Welche Visionen sie in ihrer Funktion hat, wird nicht erkennbar.

Kaum greifbarer wird Mirella Forster im Internet. Die wenigen verfügbaren Bilder stammen aus der Zeit des Wahlkampfs. In zwei Dutzend Artikeln kommt sie in ihrer Funktion zu Wort. Darin geht es entweder um die Gymiquote oder um Querelen in ihrem Schulkreis, sei es wegen der gescheiterten Einführung des Tagesschulpilots im Schulhaus Kartaus oder wegen schlechter Stimmung in Schulhäusern.

Umstritten: Schulkreispräsidentin Mirella Forster (Bild: PD)

Gegen aussen wahrgenommen wird Forsters Führungsstil. Eine Lehrkraft sagt: «Ich empfinde den Stil als diktierend statt kooperierend.» Schulleiter scheinen parieren zu müssen, Eltern sowieso. Zweifel, ob die Einführung des Tagesschulmodells in einer Schule mit einem instabilen Team sinnvoll sei, würden nicht toleriert, sagen sie. «Und wer trotzdem zu laut wird, dem wird gedroht», sagen andere Eltern aus dem Schulkreis. Eine Mutter aus dem Schulhaus Kartaus beklagte sich beim TA nach einem Medienbericht, sie sei via Schulleitung telefonisch zum Stillhalten angewiesen worden. Selbst die Aufsichtskommission ihrer Schulpfleger soll Forster im Fall Bungertwies ausgeschaltet und den Fall zur Chefsache erklärt haben, heisst es in der Beschwerde.

Aus Angst vor Repression seitens der Kreisschulpflege, vor einem Schulverbot und aus purer Hilflosigkeit nehmen viele Eltern ihre Kinder aus der Schule. Im Elternrat engagieren und exponieren mag sich in jenen Schulen, in denen der Druck der Schulpflege spürbar ist, kaum noch jemand. Forster hat Eltern auch schon als «schwierig» bezeichnet, weil sie in der Schule mitbestimmen wollten und ihre eigene Rolle darin nicht immer leicht sei. Sie müsse zuweilen als «Spielverderberin auftreten», um den Eltern die Grenzen ihres Gestaltungswillens aufzuzeigen. Doch diese wehren sich gegen den Vorwurf. Sie bekämen über ihre Kinder einfach hautnah mit, was in ihrer Schule nicht funktioniere. Sie wollten nur, dass ihre Kinder eine befriedigende Schulzeit durchliefen. Eine Mutter sagt: «Wir erwarten, dass die vom Volk gewählte Schulpräsidentin dies sicherstellt.»

Lauber als Krisenmanager

Stadtrat Gerold Lauber (CVP), als Vorsitzender der Präsidenten- und Präsidentinnenkonferenz Forsters Vorgesetzter, war in letzter Zeit in ihrem Schulkreis stark involviert. Er hat die jüngste Entwicklung rund um die Schule Bungertwies eng begleitet und Anfang Jahr zusammen mit dem Direktor des Schulamtes mit den am Konflikt Beteiligten Gespräche geführt. «Wir haben verschiedene Massnahmen wie etwa die schnelle Einsetzung von interimistischen Schulleitern vorgeschlagen und unterstützt mit dem Ziel, die Leitung der Schule sicherzustellen und Ruhe in den Betrieb zu bringen», sagt Lauber auf Anfrage.

Daraus resultierte auch, dass die gekündigte Lehrperson bis Ende Schuljahr weiter unterrichten darf. Ob die Lehrkraft nächstes Schuljahr weiterarbeiten kann, liegt in Forsters Hand. Sie hat vor einigen Tagen verlauten lassen, sie halte an der Kündigung fest. Sie begründet ihren Entscheid damit, dass ein Neuanfang für das Schulhaus einen unvoreingenommenen Blick nach vorne ermögliche. Auf die weiteren Vorwürfe in der Beschwerde ging sie nicht ein.

Auch FDP-Stadtpräsident Severin Pflüger hat mit seiner Parteikollegin Forster das Gespräch gesucht. Er blickt dem Bericht des Bezirksrates zuversichtlich entgegen, wie er sagt. Weiter will er sich zur Angelegenheit nicht äussern.

Ob Mirella Forster wegen der Krise womöglich das Dossier Schulhaus Bungertwies vorübergehend abgeben muss, wie es in der Aufsichtsbeschwerde gefordert wird, ist offen. Eine solche Verfügung könnte beim Regierungsrat, beim Verwaltungs- und beim Bundesgericht angefochten werden, eine rechtskräftige Teilamtsenthebung dürfte sich somit verzögern. Bezirksratspräsident Kläntschi empfiehlt den Beschwerdeführern deshalb in einer ersten Stellungnahme zum Fall, weiter das Gespräch zu suchen, um innert kurzer Frist etwas zu erreichen. Ob die Schulkreispräsidentin dann antwortet und ihr Wahlversprechen doch noch einlösen wird? Allen, die im Schulkreis schon Bedenken geäussert haben, dürfte dies kaum mehr genügen.

Am Dienstagmorgen, 4. April 2017, um 8.30 Uhr findet in diesem Zusammenhang eine Kundgebung vor der Kreisschulpflege Zürichberg statt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet darüber. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2017, 07:48 Uhr

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