Partylärm auf dem Uetliberg nervt Naturschützer

Pro Uetliberg ärgert sich über das rot-grüne Zürich, das auf dem Hausberg Events gutheisst – mit Discolautstärke. Und nichts gegen den Autoverkehr unternimmt.

4000 Bergfahrten sollen auf dem Wanderweg zum Hotel Uto Kulm jährlich erlaubt werden. Foto: Urs Jaudas

4000 Bergfahrten sollen auf dem Wanderweg zum Hotel Uto Kulm jährlich erlaubt werden. Foto: Urs Jaudas

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«Kniefall vor Fry, Kniefall vor Kägi», «masslos enttäuscht». Mit diesen Worten an die Adresse der Stadt Zürich drücken Vorstandsmitglieder von Pro Uetliberg mit Präsidentin Margrith Gysel an der Spitze ihren Ärger aus. Sie können nicht verstehen, dass der Stadtrat «einfach alles geschluckt hat, was die Baudirektion von SVP-Regierungsrat Markus Kägi im Gestaltungsplan Uto Kulm festgelegt hat». Sie sind sich einig: Das ist keine rot-grüne Politik. «Aber davon hat sich das Gremium ja ohnehin längst verabschiedet», hält Vizepräsident Hannes Zürrer fest. Schlagendes Beispiel dafür ist für ihn das Ja von Rot-Grün zum Auto­tunnel am Rosengarten.

So wirbt etwa Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) Kopf an Kopf mit Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) und Baudirektor Markus Kägi (SVP) auf der Website Rosengarten-zuerich.ch für das Milliardenprojekt unter dem Titel «Rosen­garten­tram und Rosen­garten­tunnel». Dieses schaffe, schreibt er dort, «die Voraus­setzung für die Entstehung eines neuen leben­digen und viel­fältigen Gebiets entlang der heutigen Verkehrs­schneise».

Auch die «Zerstörung von Kulturland, Stichwort Schrebergärten – auf Kosten der Verdichtung» –, ist für Hannes Zürrer von Pro Uetliberg eine Absage an grüne Anliegen. So müssen im aufstrebenden Freilagerquartier in Albisrieden fast 90 Schrebergärten einer Schulanlage weichen. Und 120 Kleingärtner verlieren an der Vulkanstrasse in Altstetten ihre grüne Oase, weil dort eine neue Eishockyarena für die ZSC Lions gebaut wird – mit der ausdrücklichen Zustimmung des grünen Stadtrats Daniel Leupi.

Naturdenkmal als Eventberg

Obgleich es «eigentlich die Pflicht der rot-grünen Stadtregierung wäre, das Erholungsgebiet Uto Kulm vor Immissionen zu schützen», wie ein Mitglied von Pro Uetliberg sagt, hat der Verein zusammen mit dem Zürcher Heimatschutz den kantonalen Gestaltungsplan angefochten. Neben dem schwer kontrollierbaren Autoverkehr wehren sich die Rekurrenten gegen die aus ihrer Sicht viel zu hohe Anzahl von erlaubten 4000 Berg- und 4000 Talfahrten für Hotelier Giusep Fry.

Auch gegen das «Überborden der Aktivitäten» auf dem Aussichtsberg gehen sie juristisch vor. Die Rekurrenten haben ausgerechnet, dass gemäss Gestaltungsplan das Kulm-Plateau während einer Zeitspanne von fast vier Monaten jährlich mit privaten Events des Gastgewerbebetriebs besetzt ist, inklusive Auf- und Abbauphase. Erlaubt sind Veranstaltungen, darunter Konzerte im Restaurant oder auch im Freien mit Discolautstärke von bis zu 93 Dezibel, basierend auf der kantonalen Schall- und Laserverordnung. Damit gelten für den Uetliberg-Gipfel dieselben Grenzwerte wie zum Beispiel für Partys auf dem umstrittenen Koch-Areal in Albisrieden.

Kommt hinzu, dass während dieser Zeit die freie Zugänglichkeit für Wanderer erschwert oder gar nicht möglich ist. Hannes Zürrer fragt sich, «ob die Aussichtssuchenden den schmalen Weg zum Känzeli noch finden, wenn die erlaubten 300 Partygäste dort versammelt sind». Diese intensivierte Benutzung widerspreche dem Zweck eines Erholungsgebiets, argumentieren die Rekurrenten. Und: Im Richtplan für den Uto Kulm stehe geschrieben: «Dauernd öffentlich zugänglicher und grosszügiger Aussichtspunkt.» Immerhin seien der Uetliberg und die Albiskette Teil des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung.

Odermatt auf Kägis Seite

Es sei der einzige Rekurs, der eingegangen sei, sagt das Baurekursgericht auf Anfrage. Die Stadt Zürich wäre indes auch rekursberechtigt gewesen. Im Stadtrat verantwortlich für das Dossier Uto Kulm ist Hochbauvorsteher André Odermatt (SP). Von seiner Medienstelle ist zu erfahren, dass ein allfälliger Rekurs gegen den Gestaltungsplan Uto Kulm gar nie zur Diskussion gestanden habe. Der Grund: Kägis Baudirektion habe in der Vernehmlassung «in den wesentlichen Punkten» die Wünsche der Stadt in den Plan einfliessen lassen.

Nur: Die Stadt Zürich hat bereits 2002 mit Kulm-Eigentümer Giusep Fry einen Vertrag abgeschlossen. Darin enthalten war ein Kontingent von maximal 3800 Berg- und 3800 Talfahrten pro Jahr – also weniger, als der Gestaltungsplan nun vorsieht. Odermatts Medienstelle entgegnet, die nun festgesetzten 4000 Berg- und 4000 Talfahrten auf der seit 1911 mit einem Fahrverbot belegten Strasse entsprächen «nahezu der seit Jahren gängigen Praxis».

Gleichwohl bleibt die Frage: Inwieweit stört Stadtrat Odermatt diese – aus Sicht von Naturschützern – viel zu hohe Zahl der Autofahrten, gerade auch angesichts der Tatsache, dass er Sozialdemokrat ist und die SP eine vorbildliche Umweltpolitik betreiben will? Odermatt beantwortet diese Frage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht.

Leupi bei Pro Uetliberg

Pro Uetliberg und der Heimatschutz ärgern sich aber nicht allein über Odermatt. Sie kritisieren auch den grünen Stadtrat Daniel Leupi. Als Leupi noch Gemeinderat war, protestierte er vor Jahren in der vordersten Reihe gegen Giusep Frys «Kino am Berg» und zeigte sich solidarisch mit dem privaten Verein Pro Uetliberg.

Wie aber reagiert Leupi nun auf die Kritik des Vereins, bei welchem er – nach eigenen Angaben – immer noch Mitglied ist? «Ich bin mit Pro Uetliberg und der Präsidentin in regelmässigem Austausch und setze mich für die Anliegen ein», sagt er. Bedeutet dieses Statement, dass sich Leupi im Stadtrat für einen Rekurs gegen den Gestaltungsplan Uto Kulm starkgemacht hat und gescheitert ist? Diese Frage lässt er offen. Und beruft sich aufs «Kollegialitätsprinzip»: «Anträge und Abstimmungsverhalten im Stadtrat kommentiere ich nicht.» Er äussere sich in den Medien «nur in Ausnahmefällen zu Themen», die nicht sein Departement betreffen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 20:45 Uhr

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