«Explodiert eine Bombe, zündet man sie besser selber»

Rechtsanwalt Valentin Landmann hat ein Buch über «Desasterkommunikation» geschrieben. Über das Buch, den Autor und was Mörgeli oder Hürlimann richtig gemacht haben.

Wenn jemand weiss, dass eine Bombe explodiert, sollte man sie besser selber zünden, rät Valentin Landmann. Foto: Tom Kawara

Wenn jemand weiss, dass eine Bombe explodiert, sollte man sie besser selber zünden, rät Valentin Landmann. Foto: Tom Kawara

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Es gibt viele Bücher über Krisenkommunikation. Warum haben Sie ein weiteres geschrieben?
Die meisten dieser Bücher wenden sich an Profis. Meine Empfehlungen stützen sich auf meine über dreissigjährige Erfahrung als Anwalt und richten sich in erster Linie an Menschen und Unternehmen, die keine professionelle PR-Abteilung hinter sich haben, aber plötzlich mit einer Krise oder einem Desaster konfrontiert sind.

Und? Was empfehlen Sie?
Man sollte möglichst offen, möglichst früh und möglichst umfassend informieren. Aber Achtung: nichts kommunizieren, das klar falsch ist. Gerade Unerfahrene, die beispielsweise in ein Strafverfahren verwickelt sind, neigen zu völlig idiotischen, weil einfach zu widerlegenden Bestreitungen. Das beeinträchtigt unnötig die Glaubwürdigkeit.

Sie selber suchen die Öffentlichkeit geradezu. Warum?
Wir alle sind die Öffentlichkeit und interessieren uns für das, was um uns herum passiert. Ich bin überzeugt: Die Öffentlichkeit will nicht grundsätzlich die Menschen fertigmachen. Sie zeigt selbst dann Verständnis, wenn man ziemlich wüste Sachen gemacht hat. Hinzustehen und zu sagen, «Ja, das habe ich gemacht, es war ein Riesenmist», kommt zehnmal besser an, als sich hinter der Floskel «kein Kommentar» zu verstecken. Meine Erfahrung zeigt, dass man Geschehenes auf Dauer nicht einfach verheimlichen kann. Wer schweigt, gibt den Medien praktisch einen Freipass, sich die Infos andernorts zu holen.

Trotz unzähliger PR-Profis gibt es immer wieder das, was Sie ein Kommunikationsdesaster nennen. Zum Beispiel der Fall VW oder der Fall Mörgeli/Uni Zürich. Warum?
Grosse Firmen und Unternehmen reagieren wegen der «Apparatisierung» oft zu langsam und zu zögerlich, zu unflexibel und haben eine Fülle von internen Richtlinien, die sie beachten müssen. Was sind die Folgen? Niemand will die Verantwortung übernehmen, die sich bereits ankündigende Bombe platzen zu lassen. Niemand will sich exponieren. Es fehlt einer, der hinsteht und die Verantwortung übernimmt.

Nehmen wir den Fall Christoph Mörgeli. Was hat ihm der Schritt in die Öffentlichkeit gebracht?
Ein Problem im Fall Mörgeli war, dass alles, was ihn belastete, der Presse zugespielt wurde und ihm gleichzeitig ein Sprechverbot auferlegt wurde. Ich habe ihn in dieser Phase beraten, und wir konnten einiges kommunizieren. Mörgeli war nicht einfach still. In der damaligen Situation gar nichts sagen, während die Gegenseite immer in der Presse erscheint – das geht nicht. Man muss sich wehren dürfen. Es gibt so etwas wie ein medienmässiges Notwehrrecht!

«Meine Erfahrung zeigt, dass man Geschehenes auf Dauer nicht einfach verheimlichen kann.»

Auch die Gegenseite hat im Fall Mörgeli nicht optimal reagiert.
Ja, katastrophal war beispielsweise das Abtauchen von Flurin Condrau, dem direkten Vorgesetzten von Mörgeli. Er war einfach in der Furche verschwunden. Das geht nicht, das macht eine ganz miese Falle.

Auch der Fall VW war ein Kommunikationsdesaster.
Wenn man weiss, dass eine Bombe explodieren wird, ist es besser, sie selber zur Explosion zu bringen. Wenn VW die Behörden und die Presse rechtzeitig von sich aus kontaktiert und bereits Lösungsvorschläge präsentiert hätte, wäre der Fall zwar immer noch ein Desaster gewesen. Aber er wäre in der Öffentlichkeit besser aufgenommen worden.

Sie plädieren für eine offensive Kommunikationsstrategie. Im Zuger Sexskandal wäre aber schweigen offensichtlich besser gewesen.
Der Schritt in die Öffentlichkeit ist offenbar von Jolanda Spiess-Hegglin ausgegangen. Sie hat gegenüber der Presse Stellung genommen. Markus Hürlimann hat eine Erinnerungslücke geltend gemacht. Es wäre aber auch in diesem Fall besser gewesen, möglichst offen und möglichst umfassend zu informieren. Anstatt von Fremdküssen zu reden, hätte er besser gesagt: «Wir hatten unser Vergnügen, aber es war freiwillig.»

Markus Hürlimann ist mit einer Pressekonferenz an die Medien gelangt – die richtige Methode?
Ich bin kein Freund von Pressekonferenzen. Alle Journalisten erhalten das gleiche Statement, zudem wird es heikel, wenn man nach der Pressekonferenz noch Fragen beantwortet. Besser ist es, man richtet sich direkt an einen Journalisten und redet mit ihm.

Es kommt immer wieder vor, dass bei einer Veröffentlichung mit rechtlichen Schritten gedroht wird.
Das ist ein pitoyables Verhalten. Es ist der falsche Weg, mit superprovisorischen Verfügungen Informationen verhindern zu wollen. Ich mache das nie, und ich habe noch nie an eine Redaktion geschrieben, ihr dürft das nicht schreiben. Aber ich habe schon – ganz selten –Richtigstellungen verlangt, in der Regel aber nicht als Gegendarstellung, sondern in Form eines Leserbriefes. Drohungen gegen die Presse verhindern letztlich nichts. Die Presse findet immer einen Weg, darüber zu schreiben, wenn sie etwas wichtig findet. Ich empfehle meinen Klienten, auf eine Klage zu verzichten. Ich rufe dann lieber die Zeitung an und offeriere ihr ein Interview mit meinem Klienten. Das wird auch meistens gemacht.


Valentin Landmann: Retten, was noch zu retten ist. Desasterkommunikation. Stämpfli-Verlag. 152 S., 34 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2015, 23:31 Uhr

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