Ex-Chef betreute Doktoranden noch schlechter als Mörgeli selbst

Auf Geheiss des Bundesgerichts hat die Uni Zürich einen Expertenbericht veröffentlicht. Darin fallen Dissertationen durch, die Christoph Mörgeli betreut hat. Und nicht nur sie.

Durchschnittlich 3,3 von 10 möglichen Punkten beim Kriterium Betreuung: Christoph Mörgeli an einer Medienkonferenz der Universität Zürich am 6. Mai 2014. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Durchschnittlich 3,3 von 10 möglichen Punkten beim Kriterium Betreuung: Christoph Mörgeli an einer Medienkonferenz der Universität Zürich am 6. Mai 2014. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Erstellt wurde der Bericht über die medizinhistorischen Dissertationen bereits im Juli 2013. Veröffentlicht hat ihn die Universität Zürich aber erst heute – nach einem mehr als zwei Jahre dauernden Rechtsverfahren. Auf die Herausgabe gepocht hatten Tagesanzeiger.ch/Newsnet und die SRF-Sendung «Rundschau». Die Uni hingegen hätte den Bericht lieber geheim gehalten. Nicht einmal die Namen der Experten wollte sie bekannt geben. Bis zum Bundesgericht waren sich aber alle Instanzen einig: Die Uni muss den Bericht herausgeben.

Das hat sie jetzt getan. Und die Erkenntnisse der Expertenkommission sind interessant. Eingesetzt wurde diese, nachdem die «Rundschau» schwere Vorwürfe gegen Christoph Mörgeli erhoben hatte. Laut der Fernsehsendung hat der einstige Konservator des Medizinhistorischen Museums fragwürdige Doktorarbeiten durchgewinkt – «hauptsächlich für das Abschreiben von alten Texten».

«Sind Sie eigentlich vom Aff bisse?» Christoph Mörgeli in der «Rundschau» vom 27. März 2013. Video: SRF

Diesen Vorwurf liess die Uni Zürich durch drei Experten abklären: Wolfgang U. Eckart, Heidelberger Professor für Medizingeschichte, Andreas Thier, Zürcher Professor für Rechtsgeschichte, und Eckhart G. Hahn, emeritierter deutscher Medizinprofessor.

Die drei haben 39 Dissertationen aus den Jahren 2002 bis 2012 untersucht, die zufällig ausgewählt und anonymisiert worden waren. Die Experten prüften die Arbeiten nach diversen Kriterien – etwa aufs Herstellen von Bezügen, auf Quellen und auf die Betreuung. Dafür verteilten sie jeweils zwischen 0 und 10 Punkte. Maximal konnte eine Dissertation 70 Punkte erreichen.

Entgegen wissenschaftlichen Standards

Nachdem die Namen der Betreuer offengelegt worden waren, zeigten sich grosse Unterschiede. Mit Abstand am besten schneidet Iris Ritzmann ab, die inzwischen wegen angeblicher Indiskretionen von der Uni entlassen wurde. Die von ihr betreuten Arbeiten erreichen einen Gesamtschnitt von 62 Punkten. Diejenigen von Christoph Mörgeli kommen auf durchschnittlich 34,5 Punkte und diejenigen von Beat Rüttimann auf nur 28,5 Punkte.

Rüttimann war der einstige Chef von Christoph Mörgeli und stellte diesem stets gute Qualifikationen aus – im Gegensatz zu seinem Nachfolger Flurin Condrau. Rüttimann selbst kommt bei der Expertenkommission schlecht weg. Beim Kriterium Betreuung erreicht er durchschnittlich 2,5 Punkte, Mörgeli 3,3 und Ritzmann 8,8.

Wie die übrigen Betreuer abschneiden, geht aus dem heute veröffentlichten Bericht nicht hervor. Ihre Namen wurden auf Geheiss des Zürcher Verwaltungsgerichts geschwärzt. So wollten die Richter verhindern, dass man von den Betreuern auf die Namen der Doktoranden schliessen kann. Das wäre leicht möglich, weil diese Dozierenden nur wenige Dissertationen betreut haben.

Bei Mörgeli und Rüttimann hingegen spricht die Expertenkommission Klartext. Die von ihnen betreuten Doktorarbeiten würden überwiegend «den wissenschaftlichen Standards medizinhistorischer Dissertationen nicht entsprechen». Die beiden hätten ihre Betreuungspflicht in vielen Fällen vernachlässigt. Zum Teil handle es sich um «wenig oder gar nicht kommentierte Textabschriften».

Ihren Doktortitel dürfen die Verfasser dieser Arbeiten trotzdem behalten. Das hat nicht die Expertenkommission entschieden, sondern die Universitätsleitung. Schliesslich seien die Dissertationen einst für genügend befunden worden. Daran ändere auch die Meinung der Experten nichts, wonach die Arbeiten wissenschaftlichen Standards nicht entsprächen.

Nur drei Seiten

Wie aber kamen die Experten im Detail zu ihrem Befund? Darüber liest man im lediglich drei Seiten umfassenden Bericht (plus fünfseitige Bewertungstabelle) wenig. Die Kommission nennt kein einziges Beispiel. Auch wird nicht ersichtlich, wie die Experten die Qualität der Betreuung allein aufgrund der Dissertationen beurteilen konnten. Gespräche mit Absolventen oder Betreuern führten sie nicht. Der Bericht steht und fällt also mit dem Vertrauen in die Experten. Umso gravierender erscheint, dass die Uni deren Namen nicht nennen wollte.

In einem von ihr bestellten Gutachten führte Staatsrechtsprofessor Rainer J. Schweizer allfällige Mängel im Bericht gar als Grund an, um diesen nicht herauszugeben. Die Gerichte sahen es freilich anders. Weist ein Bericht allfällige Mängel auf, gehört er erst recht an die Öffentlichkeit, damit darüber diskutiert werden kann.

Christoph Mörgeli konnte den Expertenbericht bereits im Herbst 2013 einsehen. Er zweifelt dessen Wissenschaftlichkeit an und hält die von der Uni initiierte Untersuchung für politisch motiviert. Von den 39 zufällig ausgewählten Dissertationen würden 20 auf ihn fallen - und nur gerade fünf auf Iris Ritzmann. Somit habe er sich für die einzelnen Doktoranden weniger Zeit nehmen können, zumal er nur Teilzeit angestellt gewesen sei. «Ist Fleiss auch ein Vergehen?», fragt Mörgeli. Beat Rüttimann war für Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht erreichbar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.02.2016, 10:58 Uhr)

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