Berlin macht Zürichs Schienen leiser

Die künftigen Züri-Trams werden in Kurven wieder lauter. In Berlin ist das Problem so störend, dass eine ausgeklügelte Lösung gegen den Schienenkrach entwickelt wurde.

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Zürcher schielen oft nach Berlin, neuerdings auch bezüglich Tram: Das Flexity-Modell der Marke Bombardier, dessen Kauf Zürich diese Woche angekündigt hat, verkehrt seit mehreren Jahren auch in der deutschen Hauptstadt – Quietschlärm in Kurven inklusive.

Mit dem «Schienenkrach» hat sich gar schon der Berliner Senat herumgeschlagen; im «Lärmaktionsplan» wurde von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) eine Verringerung gefordert. Doch Berlin hat für dieses Problem eine ausgefeilte Lösung gefunden.

Hauptsache Flüssigkeit

Fachleute der BVG haben ein Schmiermittel entwickelt, welches das unangenehme Quietschgeräusch hörbar verringert und in Berlin seit einem Jahr im Einsatz ist. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Laufflächenkonditionierung. Sie geht vom Prinzip aus, dass das Quietschen dann auftritt, wenn bei trockenen Bedingungen im Kurvenbereich Metall auf Metall schleift. Schiene und Rad müssten demnach in jeder Kurve bewässert werden.

Nasse Schienen können aber wiederum für Fussgänger und Velofahrer eine zu grosse Gefahr sein, wenn sie bei Trockenheit nicht mit der Rutschgefahr rechnen. Deshalb haben die BVG die Lösung weiterentwickelt: Sie besteht aus einem Gemisch aus flüssigen und festen Bestandteilen. Sobald die Bahn in eine Kurve fährt, löst ein Sensor eine Düse aus, welche die Flüssigkeit auf die Lauffläche des Rades spritzt. Dabei verdampft der flüssige Teil, der feste bleibt als Schmiermittel in der Schiene zurück und verringert das Geräusch.

«Das Tram muss quietschen»: Die Basler haben die Züri-Trams bereits. (Video: Lea Koch)

BVG-Pressesprecher Markus Falkner sagt: «Dadurch entsteht eine hauchdünne Schutzschicht zwischen Rad und Schiene, welche die für das Quietschen verantwortlichen Verspannungen erheblich reduziert.» Bei früheren Systemen wurde das Schmiermittel auf die Schiene gespritzt, wodurch oft Schmiermittel daneben ging, was die Gefährlichkeit im Schienenbereich wieder erhöhte.

Vergleichbar mit Geigenklängen

Dass Strassenbahnen, aber auch S- oder U-Bahnen unangenehme Quietschgeräusche erzeugen, ist in Berlin ein altbekanntes Problem. Je enger die Kurve, desto lauter das Quietschen. Das lässt sich physikalisch erklären: In engen Bögen verläuft das Rad nicht mehr parallel zur Schiene. Dadurch kommt es zu einem Quergleiten auf der Schiene. Markus Hecht, Professor für die Technologie von Schienenfahrzeugen an der Technischen Universität Berlin, verglich es gegenüber der TV-Sendung «Klartext» so: «Es ist physikalisch das Gleiche wie bei einem Geigenbogen, der auf der Saite streicht und einen Ton erzeugt.»

Messungen haben ergeben, dass mit der Laufflächenkonditionierung das Quietschen zwar nicht vollständig eliminiert werden kann, es jedoch möglich ist, die hochfrequenten und besonders störenden Geräusche massiv zu reduzieren.

Nur jede zweite Bahn

Bereits sind gemäss BVG 24 der 111 Niederflurstrassenbahnen mit dem Mittel ausgerüstet. Ab Mitte dieses Jahres soll zudem das neue, von BVG-Technikern entwickelte System serienmässig in den Flexity-Bahnen eingebaut werden; in diesem Jahr sollen noch 15 Fahrzeuge mit Laufflächenkonditionierung ausgeliefert werden.

Die bereits umgerüsteten Bahnen werden von den BVG vor allem auf den Metro-Tramlinien M6 und M8 eingesetzt, da auf diesen Strecken enge Kurven auftreten. Zudem führen sie durch dicht bebautes Gebiet in der östlichen Innenstadt. Bei der Endhaltestelle der M6, Hackescher Markt, ist es zudem schon oft zu Anwohnerklagen wegen störenden Bahnlärms gekommen.

Vorbild Cobra

Trotz Wundermittel bleibt ein Wermutstropfen: Bis Ende Jahr wird lediglich jede zweite Strassenbahn mit der Lösung ausgerüstet sein. «Das ist ausreichend», heisst es vonseiten der BVG. Wie viel die Nachrüstung kostet, legen die BVG nicht offen. Die Kosten seien schwer zu beziffern, da es sich bei der Lösung um eine Eigenproduktion handle, heisst es. Doch es ist offensichtlich: Die Nachrüstung geht ins Geld.

Pikant an der Sache: Laut TU-Professor Hecht gibt es eine technisch praktikable Lösung gegen den Lärm, die vor unserer Haustüre liegt: das Cobra-Tram. Er sagte gegenüber «Klartext»: «Unter anderem in Zürich hat man seit vielen Jahren mit Erfolg ruhigere Strassenbahnen eingesetzt.» Und er fügte auch gleich noch an, welche Nachteile diese Trams haben: «Diese Strassenbahnen sind teurer.» Die Finanzierung wiege eben oft schwerer als die Instandhaltungskosten. Das sei einfach realistisch gedacht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.05.2016, 10:57 Uhr

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