So sieht das Tonhalle-Provisorium in Zürich-West aus

Das Orchester wird demnächst in eine Holzbox auf dem Maag-Areal ziehen. Darin spielen 60 Panels und Millionen von Löchern eine wichtige Rolle.

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Das wird ein wahrer Tapetenwechsel, wenn die Zürcher Tonhalle ab September in der Maag-Halle gastiert. Da ist selbstverständlich die geografische Veränderung: Statt im Kreis 2 spielt das Orchester für drei Jahre im Kreis 5 auf, was für viele Stammbesucher gewöhnungsbedürftig ist.

Doch ungemein imposanter wird die räumliche Neugestaltung des provisorischen Konzertraumes im Gebäude der ehemaligen Zahnradfabrik sein. Die Besucher lauschen den klassischen Klängen nicht wie bisher in einem prunkvoll geschmückten Saal, sondern in einer nüchternen Holzbox – dafür ohne eine einzige Säule. Das mag gefallen oder nicht. Einem akustisch einwandfreien Musikgenuss dürfte aber auch auf dem Industrieareal nichts im Wege stehen, wie am Freitag ein Rundgang auf der Baustelle gezeigt hat.

Kein rechter Winkel

Der Saal aus rund 100 Tonnen Fichtenholzplatten steht bereits, der Balkon ist gebaut. Das weiche Holz unterstützt die Akustik. Die Bodenplatten aus harter Eiche fehlen noch. Den Grundriss des Saales haben die Architekten an das beste Klangerlebnis angepasst, wie Harald Echsle vom verantwortlichen Architekturbüro Spillmann Echsle sagt: «Es ist ein klassischer Rechteckraum ohne einen rechten Winkel.» Selbst bei der Balkonbrüstung haben die Planer des Freitag-Turms darauf geachtet.

Die Decke, die von weit einer Kassettendecke ähnelt, ist ebenfalls auf eine optimale Schallwiedergabe ausgerichtet: Dafür sorgen 70 an Ketten parallel zur Decke montierte Holzpanels, jene 24 über der Hauptbühne sind gar leicht konvex geformt. Sie können abhängig vom Orchesterwerk und der Besetzung einzeln eingestellt werden. Akustische Spitzentechnologie, die einen jegliche Industrieatmosphäre vergessen lässt.

Im Konzertraum darf nur ein Nebengeräusch von 25 Dezibel hörbar sein.

Ach ja, auch die Lüftung wurde auf die Akustik ausgerichtet. Ein kleiner Exkurs gefällig? Voilà: 2,5 Millionen Löcher im Eichenboden sorgen für genügend Zuluft im Saal. Damit die Zugluft aus dem Untergeschoss genügend leise austritt, wurden die 49 grossen Löcher im Boden schräg gebohrt. Das verringert die Lautstärke der Austrittsluft von 18 auf 15 Dezibel.

Gesamthaft darf im Konzertraum nur ein Nebengeräusch von 25 Dezibel hörbar sein. Das ist etwa so laut, wie wenn ein Blatt Papier zu Boden fällt.

Variable Bühne

Volumenmässig ist der Saal etwas kleiner als der angestammte. Er bietet Platz für 1224 mobile Sitze, 784 im Parkett und 440 auf dem Balkon. Wird die Bühne verkleinert, fasst der Saal rund hundert Personen mehr.

Mehr vom Charme der alten Metallbaustätte verströmen das Konzertfoyer in der ehemaligen Härterei und die unzähligen Nebenräume ein und zwei Geschosse über dem Konzertraum. Architektin Annette Spillmann sagt: «Wir möchten zum Beispiel in der Farbgebung bewusst einen Bezug zur Umgebung schaffen.» Ist sie im Eingangsbereich noch metallisch kalt, ist der samtene Sitzbezug im Saal edel graubraun.

1000 Besucher pro Abend

Am 7. Juli wird der Konzertsaal nach sieben Monaten Bauzeit fertig sein. Danach wird der Akustiker die Feineinstellungen vornehmen. Ab September wird sich das Orchester im Saal einspielen, um für das Eröffnungskonzert am 27. September bereit zu sein. Das Programm? Beethovens 9. Sinfonie und das Bratschenkonzert des australischen Komponisten Brett Dean, der 2017/2018 den Creative Chair besetzt.

Auch finanziell dürfte der Tapetenwechsel gemäss Martin Vollenwyder, Präsident der Tonhalle-Gesellschaft und Ex-Stadtrat, aufgehen. Die Investitionskosten von 10 Millionen Franken, an welche die Stadt 1,65 Millionen beisteuert, seien zu einem grossen Teil von Privaten und Spendern gedeckt. Ob sich auch der Betrieb am neuen Ort rentiert, wird sich zeigen. Die Stadt übernimmt die Miete, 80 Prozent der Abos sind verkauft. Vollenwyder aber sagt: «Wir müssen den Saal bei jedem Konzert mit 1000 Leuten füllen, sonst geht die Rechnung nicht auf.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.05.2017, 15:24 Uhr)

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