Zürcher Stadtteil ohne Zentrum

In den neuen Wohnsiedlungen in Zürich-Affoltern kamen mehr als 5000 Menschen unter. Doch jeder Investor hatte nur das eigene Baufeld im Blick.

Ein Augenschein im Neubauquartier. Video: Sabina Bobst

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Vor zehn Jahren stand der Bauernhof von Ernst Greutmann noch allein auf weiter Flur. Dann bekam der Landwirt im Nordwesten von Zürich quasi über Nacht 4000 neue Nachbarn. Genossenschaften und private Investoren zogen zwischen seinem Hof und dem Bahnhof Affoltern 1500 neue Wohnungen hoch. Die Bevölkerung des Industriedorfes ­Affoltern wuchs deshalb zwischen 2003 und 2013 von 20'000 auf 25'000 Personen an. Wie haben sich die Menschen eingelebt, die zwischen Bahnlinie und Autobahn ein Zuhause gefunden haben?

Die Bewohner des grössten Gebäudekomplexes auf dem Areal sind voll des Lobes. Wer in einer der 320 Wohnungen der Genossenschaften GBMZ und Hagenbrünneli untergekommen ist, schätzt sich glücklich. Die Wohnungen sind grosszügig, modern und bezahlbar. Die meisten Mieter haben Kinder, im riesigen Innenhof inmitten des dreiblättrigen Ensembles, das dem «Klee» seinen Namen gab, gibt es mehrere Spielplätze und Raum für Begegnung. «Wenn meine Kinder im Hof spielen, kann ich sie vom Küchenfenster aus beobachten», sagt ­Simone Rieger. Damit die Familien auch im Winter einen Treffpunkt haben, will eine Gruppe im Siedlungslokal demnächst Kaffee und Kuchen anbieten. In die Stadt fährt Rieger mit den Kindern selten. Ihren Einkauf erledigt sie in der Migros beim Bahnhof Affoltern.

Trutzburg mit Innenhof

Der Blockrandkomplex mit den Balkonen zum Innenhof gefällt dem Architekturkritiker Caspar Schärer von den Neubauten am besten. «Die Fassade ist durch die vorgesetzten Balkone und den verschiedenfarbigen und strukturierten Putz aufgelockert. Der Waschsalon auf dem Dach des siebenstöckigen Gebäudes bietet einen weiten Blick. Man kann dort andere Hausbewohner treffen und ein Schwätzchen halten.» Auch der Innenhof mit den vielen Bäumen, Spielplätzen und Sitzgelegenheiten lade zum Verweilen ein und fördere das Zusammenleben der Genossenschaftsmieter. Doch was die Bewohner des Klees verbinde, schotte sie gleichzeitig ab. «Nach aussen wirkt das Blockrand-Ensemble wie eine Trutzburg», sagt Schärer.

Beim Bau des neuen Quartiers mit den 1500 Wohnungen wirkten ein Dutzend Bauherren mit. «Jeder hat seine Parzelle als eigene Einheit gestaltet, die Verbindung zum Ganzen fehlt», sagt Schärer. «Auch die ABZ-Siedlung mit den markanten roten Backsteinen ist als innenbezogene Einheit gebaut», findet der Redaktor der Architekturzeitschrift «Werk, Bauen und Wohnen». Schärer gefällt, dass es auch in der ABZ-Siedlung einen gemeinsamen Hof gibt, die siebengeschossigen Häuser auf verschieden hohen Levels gebaut sind und Durchblick und Ausblick bieten. Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) versteht ihr Ensemble aus einem Dutzend Backsteinquadern mit viel Grünraum als eigenes Quartier. Für Schärer fehlt den 7-geschossigen Blöcken mit insgesamt 320 Wohnungen der Bezug zur nahen Quartierstrasse. Auch hier bleibe aussen vor, wer nicht drinnen wohne. Für den Architekturkritiker ist das neu entstandene Quartier ein Nebeneinander auf sich selbst bezogenen Einheiten. Manchmal werden sogar Kinder vom Spielplatz gescheucht, weil sie nicht in der entsprechenden Einheit wohnen.

Kinder machen Freunde

Kontakt finden die Bewohner der verschiedenen Baufelder über den Kindergarten, die Schule und auf den öffentlichen Spielplätzen. Bruno Käppeler zog im Frühjahr 2008 mit Frau und Tochter in eine Eigentumswohnung der Allreal und hat sich mit vielen Familien angefreundet. Wie viele Eltern hätte er bei den Spielplätzen gerne ein WC und einen Kiosk. «Auch die Josefwiese im Kreis 5 hat klein angefangen», sagt Käppeler. Schön fände er auch einen Bäcker, einen Metzger und eine Bar, in der man «mal schnell was trinken kann».

Das Potenzial zum zentralen Quartierplatz hätte für Schärer der Hof der «Nordküste» gehabt. Der schlangenförmige Block zwischen Greutmanns Bauernhof und der Autobahn hat einen bepflanzten Hof, der sich zur Quartierstrasse öffnet. «Doch für einen gemeinsamen Treffpunkt liegt der Platz zu sehr am Rand des Quartiers», sagt Schärer.

Für ein verbindendes Zentrum, in dem sich die 30'000 Quartierbewohner treffen und zufällig begegnen können, kämpft der Quartierverein schon seit vielen Jahren. Er möchte das Zehntenhaus und den Zehntenhausplatz wieder zum Mittelpunkt von Affoltern machen. Die grösste Schwierigkeit dabei ist die Wehntalerstrasse, die als städtische Ausfallachse den Platz und das Quartier zerschneidet. Dem Quartierverein schwebt darum vor, das Areal hinter dem Zehntenhaus bis zur Migros und dem Bahnhof neu zu gestalten. Attraktive Fusswege, Bänkli, Brünneli, Cafés und Geschäfte sollen zum Verweilen einladen.

Hoffen auf die Tramplanung

Mit dem Amt für Städtebau ist die Gruppe um Kurt Graf, Rolf Diener und Julia Müller seit mehr als zehn Jahren im Gespräch. Spätestens bei der Planung für das Tram Affoltern müsse auch die Neugestaltung des früheren Ortszentrums in Angriff genommen werden, finden sie. Die Stadt lässt zum Tram Affoltern derzeit eine Machbarkeitsstudie erstellen. Aufgrund der Resultate, die das Tiefbauamt im ersten Halbjahr 2016 erwartet, soll dann ein Vorprojekt erarbeitet werden. Aktive Quartierbewohner haben derweil im alten Zehntenhaus schon mal ein Café eröffnet, in dem Freiwillige hinter dem Tresen stehen. Läge das Café in Zürichs Zentrum, wäre ihm mit seinem Industrie-Charme ein Status als In-Place bereits gewiss.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.01.2016, 22:05 Uhr)

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Zürich wuchert

Neubauquartiere aus der Retorte

Im Kanton Zürich leben heute 200'000 Menschen mehr als vor 15 Jahren. Der Grossteil der Zuzügerinnen und Zuzüger fand in der Stadt Zürich und ihrer Agglomeration ein neues Zuhause. In Schlieren, Dietikon, Uster, Adliswil, Opfikon, Dübendorf oder Wallisellen sind riesige Neubausiedlungen entstanden. Der TA hat sich gefragt, wie wohl sich die Menschen in diesen teils gigantischen Siedlungen fühlen, die auf dem Reissbrett entstanden sind.

Was haben die Stadtplaner und Architekten dort gut oder nicht so gut gemacht? Hat sich in den Siedlungen ein soziales Leben entwickelt? Gibt es einen Zusammenhalt der Bewohnerinnen, Bewohner, und identifizieren sie sich mit ihrem Quartier? Wächst der neue Stadtteil mit der politischen Gemeinde, zu der er gehört, zusammen?

Oder orientieren sich die Bewohner nach Zürich und kommen vor allem zum Schlafen nach Hause? Zusammen mit dem Architekturkritiker Caspar Schärer hat der TA vier Retortenquartiere in der Agglomeration Zürich besucht.

Heute stellen wir Ihnen den neuen Teil von Affoltern vor, wo die Stadt Zürich zwischen 2006 und 2014 ein Drittel der neuen Wohnungen bauen liess. Danach folgen in lockerer Folge das Richtiareal in Wallisellen, das Rapidareal in Dietikon und die Neubausiedlung Grütpark-Dietlimoos in Adliswil. (ame)

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