Teurer Gesang

Der ehemalige Startenor Christoph Homberger will mit seinem Chor helfen, Flüchtlinge zu integrieren. Dabei machen nicht die Sprachen Probleme, sondern die Billettkosten.

Ein Ticket von Winterthur nach Zürich kostet ohne Halbtax 33 Franken. Zu viel für die singenden Flüchtlinge. Foto: Thomas Egli

Ein Ticket von Winterthur nach Zürich kostet ohne Halbtax 33 Franken. Zu viel für die singenden Flüchtlinge. Foto: Thomas Egli

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Christoph Homberger ruft: «Und jetzt nochmals dasselbe eine Oktave höher – und lauter, lauter!» Es tönt: «Jo-Jai-Jo – bah. Ra-Re-Ri. Jo-Jai-Jo – bah. Ra-Re-Ri-Ro-Ra.» Der Chorleiter legt sich mit ­seiner ganzen Körperfülle in diese Melodie, fuchtelt mit Händen und Oberkörper, zieht an seinen Hosenträgern, um bildlich aufzuzeigen, wie die Sänger Spannung zwischen den einzelnen Tönen erzeugen können. Christoph Homberger hat keinen leichten Job. Mehr Multikulti geht nicht, schliesslich handelt es sich um einen Flüchtlingschor. Seit dem 19. September probt er jeweils montags im Kirchgemeindesaal Aussersihl. Es geht dabei nicht nur um Musik. «Ich will, dass diese Menschen zwei Stunden lang ihre Sorgen vergessen können», sagt der Chorleiter.

An der Chorprobe nehmen auch Schweizer teil – besser gesagt Schweizerinnen. Es sind fast ausschliesslich Frauen. Sie sind alle pünktlich um 19 Uhr da und setzen sich auf die Stühle in den vorderen Reihen. Langsam beginnt sich der Saal zu füllen. Junge männliche Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia, dem Iran, dem Irak und aus den Palästinensergebieten setzen sich dazu. Anfangs hören sie bloss zu. Der Energie des Chorleiters können sie sich jedoch nicht lange verweigern.

Damit auch alle verstehen, was Homberger nicht durch seine Gestik vermitteln kann, stehen ihm zwei Männer zur Seite. Einer übersetzt auf Arabisch, der andere auf Eritreisch. Ein Pianist sorgt dafür, dass die Stimmen nicht zu verloren klingen. «Ich weiss, dass ich jeden Menschen zum Singen bringen kann», sagt Homberger in der Pause. Das mag arrogant tönen, ist es aber nicht. Er war bis vor kurzem ein international bekannter Sänger, der auf den wichtigsten Bühnen der Welt gesungen hat.

Die Flüchtlinge zum Singen zu bringen, ist die kleinste Sorge Hombergers. Sein grösstes Problem besteht darin, ihren Transport zu organisieren. Allein die Hälfte der rund 80 Sängerinnen und Sänger müssen von Winterthur nach Zürich gebracht werden. Ein SBB-Billett kostet ohne Halbtax 33 Franken. Selbst für die Flüchtlinge in Zürich fallen 7.60 Franken für eine Fahrkarte bei den VBZ an. Das können sie sich schlichtweg nicht leisten. Homberger muss daher pro Probe rund 1500 Franken aufwenden. Ein böser Schock. «Ich ging davon aus, dass die Durchgangszentren für diese Kosten aufkommen», sagt er.

Chor könnte an Kosten scheitern

Inzwischen hat Homberger alle Hebel in Bewegung gesetzt, um einen Sponsor für die Transportkosten zu finden. «Es kann doch nicht sein, dass ein Projekt zur Integration an den Fahrtkosten scheitert», sagt er. Es könnte tatsächlich sein. Dem ZVV sind aus politischen Gründen die Hände gebunden. Er wird mit Steuergeldern von Kanton und Gemeinden subventioniert. «Wir können nicht eigenmächtig entscheiden, ÖV-Kosten für gewisse Gruppen zu übernehmen und für andere nicht. Das ist eine Entscheidung, die auf politischer Ebene gefällt werden müsste», sagt Thomas Kellenberger vom ZVV, der eigens an die Probe angereist ist. Ein Car ist für Homberger keine Option: «Das wollen wir aus umweltpolitischen Gründen nicht.»

Die Pause ist vorbei. Am Buffet haben sich die jungen Männer an selbst gebackenen Kuchen und salzigen Häppchen gestärkt, welche die Schweizerinnen mitgebracht haben. Im zweiten Teil der Probe geht es darum, die Melodien zu einem Lied zusammenzufügen. Das gelingt mehr schlecht als recht, die Konzentration hat abgenommen. Doch der Schlussapplaus ist überwältigend.

Neuigkeiten gibt es zum Schluss auch von der Finanzfront. Auf der Crowdfunding-Plattform «We make it» sind innert Stunden mehr als 300 Franken für die Transportkosten zusammengekommen. Das ist noch nicht genug Geld, wenn eine Probe bis 1800 Franken kosten kann. Doch nächste Woche wird wieder gesungen, bis das Geld vom Verein aufgebraucht ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2015, 23:00 Uhr

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